XAVIER GARCIA: EIN DESIGNDENKMAL FÜR BARCELONA

Fotograf BERT SPANGEMACHER
Text JUSTIN ROSS

Das richtige Tempo muss nicht immer schnell sein. Xavier Garcia aus Barcelona ist treuer Anhänger der „Slow Design”-Philosophie, die berücksichtigt, dass ein perfektioniertes Produkt und die natürliche Entwicklung einer Marke Zeit brauchen. Im Laufe des letzten Jahrzehnts hat Xavier Garcia seine nach ihm benannte Firma zu einem Symbol für ausgereiftes Designgespür und zu einem Spiegel von Barcelonas vielfältiger visueller Kultur gemacht. Er und seine Marke verkörpern alle Merkmale, die das authentische, charmante und unkompliziert coole Barcelona des 21. Jahrhunderts ausmachen. Die Geschichte Xavier Garcias ist auch die Geschichte Barcelonas – eine von Wiedergeburt und Regeneration durch Kreativität und Innovation.

Das neue Hauptquartier von Xavier Garcia liegt im Zentrum von Barcelonas aktuellstem Trendviertel, dem 22@, das sich, genau wie die Marke, konstant in einem Zustand dynamischer Veränderung befindet. Es ist ein Viertel, in dem die besten Modeateliers und Startups Barcelonas in umgebauten Industrielofts angesiedelt sind – eine Athmosphäre, die uns Berlinern sehr bekannt vorkommt, nur dass sie dort einen entscheidenden Vorteil haben … der Strand ist nur wenige Minuten entfernt.

Xavier: „In dieser Gegend gab es früher viel Leichtindustrie. Jetzt kommen mehr Menschen her, Künstler, Designer, Modeleute, auch Tech-Startups.”

Das 22@ in Barcelona ist vieles: ein Symbol für Modernität, ein umgewandeltes Industriegebiet und ein stolzer Teil von Barcelonas post-olympischer Erfolgsgeschichte der Neugestaltung. Nuria Antoli, Brand Manager und Head of Communications bei Xavier Garcia, ist ein integraler Bestandteil des Erfolgs der Marke im letzten Jahrzehnt und fühlt sich der Gegend tief verbunden:

Nuria: „Früher, in der Zeit Francos, standen die Fabriken mit dem Rücken direkt an der See – Barcelona wurde zum Strand hin blind gemacht. Als wir die Olympischen Spiele hier in Barcelona zu Gast hatten, führte unser Bürgermeister ein Projekt zum Neuaufbau dieses ganzen Areals durch. Alle Fabriken, die nur drei Meter vom Strand entfernt standen, wurden abgerissen. Jetzt ist diese Nachbarschaft so schön, weil sie durch die Nähe zum Meer eine tolle Wohngegend geworden ist.”

Die authentische Verbindung zu Barcelona und dem kreativen und ausdrucksvollen Geist der Stadt ist es, was den Charme von Xavier Garcia ausmacht. Wenn es für das kreative Marketingteam wieder an der Zeit ist, die Werbekampagnen der aktuellen Saison zu erarbeiten, zapft es die Ressource an, die am nähesten liegt – das Netzwerk aus talentierten Menschen, die Freunde, Musiker, Designer, Illustratoren und Künstler sind. Sie haben mit bekannten Künstlern wie Javier Mariscal zusammengearbeitet, der das Maskottchen der Olympischen Spiele 1992 in Barcelona entworfen hatte. Andere Male suchten sie an der Basis nach aufstrebenden Künstlern und Illustratoren wie Conrad Roset, der es, seitdem er 2012 Xavier Garcias Werbekampagne illustrierte, zu weltweiter Berühmtheit und Anerkennung gebracht hat. Der einzigartig kreative Charakter dieser Marke scheint überall durch, dank Xavier Garcias starker Verwurzelung in der kreativen Community Barcelonas.

Xavier: „Wenn man hier lebt, wird man von der Stadt beeinflusst.”

Nuria: „Xavier Garcia ist in erster Linie eine Marke, aber dahinter steht eine Person, die von dem Design beeinflusst wird, von der Kultur, den Aktivitäten, der Musik, allem, was hier geschieht.”

Das Gebäude, das den Hauptsitz von Xavier Garcia beherbergt, hat ebenfalls eine reiche Geschichte. Es stammt aus den Siebzigern und einige der Nachbarn sind immer noch die gleichen wie damals, so etwa der Knopfmacher direkt nebenan. Durch die Entscheidung, einen Teil des Büroraums zu einer Produktionsfläche umzubauen, ist das brandneue Atelier ein kreatives Labor des 21. Jahrhunderts mit Platz für praktische Experimente mit allen Werkzeugen, die man gebrauchen könnte – inklusive eines Lasercutters, der aus Entwürfen rasend schnell greifbare Prototypen macht. Dies ermöglicht es dem Designteam, ein Gefühl für die Kurven und Winkel zu bekommen, die so wichtig für das Aussehen und Feeling einer Brille sind. Und so erhält Xavier Garcia auf gewisse Weise die Tradition am Leben, Design, Kreativität und Produktion unter einem Dach zu vereinen.

Xavier: „Vor vielen Jahren habe ich mit diesen Werkzeugen Schmuck hergestellt. Dann fesselte mich die Brillenfirma so sehr, dass ich dafür keine Zeit mehr hatte. Heute ermutige ich das Designteam, sich vom Computer zu lösen und mit ihren Händen zu arbeiten, denn so kann man so viele Dinge sehen, die es auf dem Bildschirm nicht gibt.”

Es leuchtet ein, dass eine Brillenmarke, deren Gründer die akribische Juwelierskunst beherrscht, besonderen Wert auf Aspekte wie Materialität und Dinglichkeit legt. Mit diesem hauseigenen Atelierraum betont Xavier Garcia die Wichtigkeit dieser kreativen Schnittstelle, an der Technologie auf menschliche Hände trifft.

Xavier: „Ich habe das Design immer weiterentwickelt. Unser Designprozess ist sehr stark, was Bilder und Konzepte angeht. Er ist absolut frei, das schätze ich.”

Nuria: „Es ist ein Ansporn für das Designteam, wie ein frischer Wind, ein offener Geist mit der Kraft von 100% Kreativität.”

Bei unserem Besuch liegt spürbar Energie in der Luft. Vertreter und Verkäufer plaudern eifrig, Pakete werden befüllt und aufeinandergestapelt, bereit, aus dem Verpackungs- und Versandzentrum vor Ort in die Läden und zu Partnern in Europa, Kanada, den USA, Australien und dem Rest der Welt verschickt zu werden. Hier werden die über 60 Modelle (30 aus Azetat, 30 aus Metall, zehn Sonnenbrillen) aus dem gesamten Xavier Garcia-Sortiment – von der kürzlich erschienenen Monochrom-Kollektion über die neuen Experimente in Metall bis zu, natürlich, den anspruchsvoll ausgesuchten bunten Azetatbrillen, die die Marke berühmt gemacht haben – sorgfältig aufbewahrt, bis ein begeisterter Kunde sie an ihrem Zielort in ihr neues Zuhause bringt.

Der Arbeitstag beginnt früh um 8 Uhr morgens, aber dafür wird freitags nur halbtags gearbeitet, um draußen das schöne Wetter Barcelonas genießen zu können. Dieser Mix steht für eine Arbeitskultur, die sowohl entspannt als auch professionell ist und sinnstiftend auf die eigene Arbeit wirkt.

Xavier: „Barcelona ist eine aufgeschlossene Stadt mit einem mediterranen Lebensstil. Was das genau heißt… es ist schwer, das in Worte zu fassen, aber ich spüre es in mir.”

Vielleicht ist es schwer, das in Worte zu fassen, weil es statt bloß einer Sache ein ganzes Gefühl ist – eine Kultur, die Schönheit schätzt, und eine Emotion, die einem ein Lächeln ins Gesicht zaubert, wenn man sich eine Brille von Xavier Garcia anschaut oder aufsetzt. Es ist eine spannende Zeit für die typisch barcelonische Marke und für Xavier Garcia selbst. Im Moment herrscht noch Schweigen, aber die Marke arbeitet hart an einem neuen Projekt, das zeigt, was sie am besten kann – unbeschwerte und fröhliche Designs, die für perfektionierte Kreativität und Handwerkskunst und die Vision des Gründers stehen, dessen Name jede Brille vollendet.