Stil mit Rückgrat

Fotograf BERT SPANGEMACHER
Interview JUSTIN ROSS
Haare und Make-Up CAT VON P

Seit drei Jahrzehnten gehört die bekannte Modedesignerin Tina Lutz zu den Besten der Modewelt, durch ständige Innovation und ihr individuelles, kultiviertes Stilgefühl. Sie hat nicht nur ikonische Teile für alle großen Namen von Issey Miyake bis Calvin Klein entworfen, sondern auch ihre eigene erfolgreiche Marke Lutz & Patmos in New York gegründet.

Ihre Rückkehr nach Deutschland im Jahr 2016 eröffnete Tina Lutz neue Wege zu ihrem Anliegen, zeitlose Designs auf verantwortungsvolle Weise herzustellen, traditionelle Handwerkskunst zu beleben und dabei gleichzeitig einen guten Zweck zu unterstützen. 4SEE hat Tina in unser neues Studio in Berlin eingeladen, um ihr neues Handtaschen-Projekt, ihre ethische Designphilosophie und die Herausforderungen und Erfolge bei der veranwortungsvollen Produktion von Luxusgütern zu besprechen.

Tina Lutz’ Mischung aus eleganten Klassikern und minimalistischer Avant-Garde bildete das Fundament für ihre erste Marke Lutz & Patmos, die sie im New York der späten Neunziger gemeinsam mit Marcia Patmos gründete. Als das Label ihren Ruf als talentierte Designerin und Mode-Expertin gefestigt hatte, beschloss Tina, ihren Einfluss in der Designindustrie zu nutzen, um eine Bewegung zu ehrlich und ethisch produzierter Mode anzuführen. Etwas, das sie bis heute verfolgt. Die ersten Schritte in diese Richtung machte Lutz & Patmos mit Kooperationspartnern außerhalb der Modewelt, mit vielen ihrer guten Freunde und Vorbilder wie Jane Birkin, Sofia Coppola, Kirsten Dunst, Christy Turlington und weiteren.

„Ich arbeitete mit Künstlern und Schauspielern, Architekten, Regisseuren und sogar Desmond Tutu, dem Erzbischof und Friedensnobelpreisträger, zusammen. Es waren immer Menschen, die ich wirklich bewunderte, und wir sagten ihnen immer: Du kannst einen Pullover entwerfen, den Pullover deiner Träume, wir stellen ihn her, und dann suchen wir eine Wohltätigkeitsorganisation aus, der die Profite zu Gute kommen.”

Damals war das ein ungewöhnliches Vorgehen, aber es war auch ein Geniestreich, der die Marke unter einem neuen Gesichtspunkt attraktiv machte. Gleichzeitig konnte Tina einen Teil der Gewinne aus den speziell dafür angefertigten Kleidungsstücken nutzen, um die Arbeit anerkannter Organisationen zu unterstützen, die sie gemeinsam mit ihren berühmten Partnern ausgewählt hatte. Aber das ist nur einer von drei Aspekten ihres ganzheitlichen Konzepts, das sie ihre drei Säulen nennt, wie man mehr Integrität in der Luxusmode durch ethische und verantwortungsvolle Herstellungsstandards schaffen kann.

„Die erste Säule ist verantwortungsvolle Produktion. Man weiß, wo man produziert und wie die Dinge hergestellt werden, man kennt die Menschen dahinter und weiß, dass sie gerecht behandelt werden. Ich arbeite gerne mit Kunsthandwerkern zusammen, um das Kunstgewerbe zu unterstützen, denn es stirbt langsam aus und viele Menschen kämpfen darum, eine gewisse handwerkliche Qualität am Leben zu erhalten. Das ist meine zweite Säule, die Arbeit mit Kunsthandwerken. Meine dritte Säule ist Altruismus. Es ist wichtig, etwas zurückzugeben. Wir sind so privilegiert, wenn wir in diesem Business arbeiten können. Es ist wichtig, Menschen zu helfen, die diese Privilegien nicht genießen können.”

ØRGREEN SHIMMER
ØRGREEN SHIMMER

2011 trennte sich Tina Lutz von ihrer Geschäftspartnerin bei Lutz & Patmos und arbeitete als Beraterin für Mode- und Strickwarenunternehmen. Dadurch bekam sie etwas mehr Luft, um Zeit mit ihrer Familie zu verbringen und öfter zurück nach Deutschland zu reisen, um ihre alternden Eltern zu besuchen. Als sich 2016 der gesundheitliche Zustand ihrer Eltern verschlechterte, wagten sie und ihre Familie den Versuch, für ein Jahr in Deutschland zu leben. Aus einem Jahr wurden zwei, dann drei, nachdem sie, ihr Ehemann und ihr junger Sohn merkten, dass ihnen Berlin schleichend ans Herz gewachsen war. Die Rückkehr nach Deutschland bedeutete eine große Veränderung für sie und ihre Familie, aber sie stellten sich der Aufgabe mit Enthusiasmus und Abenteuerlust:

„Mein Mann und mein Sohn sagten zu mir, lass uns ein Abenteuerjahr in Deutschland verbringen. Mein Sohn war neun, fast zehn, und wir wollten nur ein Jahr bleiben, damit ich mich um meine Eltern kümmern konnte. An dem Weihnachten, unserem ersten in Berlin, schenkte mir mein Mann eine Kiste mit Ledereinschlag, im Stile dieser alten Zigarrenkästchen, und ich verliebte mich sofort in sie. Ich weiß nicht mehr genau, wie es passierte, aber ich schlug den Hersteller nach. Ich sagte ihm, ‚Ich liebe eure Produkte, ich habe so viele Ideen’, und er fragte, wann ich vorbei kommen könnte. Ich machte ein paar Entwürfe und Prototypen und auf einmal hatte ich eine neue Firma.”

Tina Lutz tut wieder das, was sie liebt – schöne Objekte designen. Dieses Mal stellt sie ihre Expertise bei Luxushandtaschen unter Beweis, mit einer neuen Firma unter neuem Namen: Lutz Morris. Die Marke debütierte 2017 mit einer Welttournee, bei der einige „Salons” in verschiedenen europäischen und nordamerikanischen Städten abgehalten wurden. Ihre Taschendesigns, die von dem Konzept eines Zigarrenkästchens inspiriert sind, wurden begeistert aufgenommen und die erste Version wurde sofort verkauft. Lutz Morris ist offiziell erst ein Jahr alt, aber jetzt schon ein großer Erfolg, mittlerweile auch online erhältlich (www.lutzmorris.com) und am Ende der ersten Saison mit Showrooms in London, Paris und New York angekommen.

Lutz Morris treibt Tinas Ziel, zu designen und zu kreieren, weiter, indem mit lokalen Kunsthandwerkern zusammen gearbeitet wird, um deren Handwerk zu erneuern, und Ressourcen verantwortungsvoll bezogen werden. Verantwortungsbewusste und ethische Mode zu definieren, heißt, dass man intensiv in den Herstellungsprozess involviert sein muss und alles so lokal wie möglich gestaltet.

„Das Nappaleder, aus dem etwa 80% der Kollektion besteht, wird in einem Ort gegerbt, der 30 Minuten von der Fabrik gelegen ist. Die Bügel werden eine Stunde weiter entfernt gefertigt. Und einige Taschen haben eine wunderschöne, schwere Messingkette, die im Schwarzwald komplett von Hand gelötet wird. Und die Verpackungen werden im selben Ort hergestellt wie die Handtaschen. Alles liegt so nah beieinander wie möglich und wird so nachhaltig wie möglich gefertigt.”

Letzten Endes kommt allen zu Gute, wofür Tina Lutz sich einsetzt. Denn sie hilft nicht nur dabei, die lokale Wirtschaft durch ihre Zusammenarbeit mit Kunsthandwerken anzukurbeln, sondern spendet auch einen Teil ihrer Gewinne für einen guten Zweck: Every Mother Counts, die Wohltätigkeitsorganisation ihrer guten Freundin Christy Turlington, setzt sich ein, um die Müttersterblichkeitsrate weltweit zu senken. Tina Lutz ist der Beweis dafür, dass sich gutes Design und Verantwortung nicht ausschließen, und das ist wahrlich schön.

MerkenMerken