SPOTLIGHT ON NAUSICA
Nausicas multinationaler, europäischer Indie-Pop macht das Radio bunter und erreicht neue Zuhörer

Fotograf BERT SPANGEMACHER
Interview MADELEINE ARCHER

Nach einem stetigen Aufstieg bekommt die vierköpfige Band Nausica, deren Mitglieder aus Polen, den Niederlanden und Deutschland in verschiedenen Städten leben, gerade eine wohlverdiente Welle an Aufmerksamkeit. Der Name verweist auf den gleichnamigen Film des gefeierten japanischen Regisseurs Hayao Miyazaki, „Nausicaä aus dem Tal der Winde”. Frontfrau Edita Karkoschkas durchdringende Stimme wurde schon mit der gefühlvollen Intonation PJ Harveys verglichen. Ihr Gesang wird von den Gitarrenriffs von Tim Coehoorn, Pim Walters Bass und den elektronischen und akustischen Beats von Jannis Knüpfer getragen. Nausica erschaffen mit ihrem exzentrischen, emotionalen Pop-Sound filmische Klanglandschaften, die für tiefe Gefühle, hochenergetische Live-Performances sowie immer gelungene digitale Veröffentlichungen sorgen.

Nausica formiert sich 2013 und hat sich seitdem durch Touren in Deutschland, Italien, Belgien und der Schweiz eine loyale Fanbase aufgebaut. In Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern und Desigern hat sich Nausica fest im zukünftigen Mainstream-Genre des neuen, kantigen Indie-Pops etabliert. Vor Kurzem spielten sie als Vorband für Son Lux im ausverkauften MC Theater in Amsterdam.

Madeleine traf sich für 4SEE mit Frontfrau Edita und dem Trommler Jannis in den 4SEE-Studios, um die Aussprache des Bandnamens zu lernen und sich über Wetter-Extreme und die „chaotische Kreativität” ihrer Zusammenarbeit mit der Designerin Sarah Knüpfer auszutauschen.

4SEE Spotlight on NAUSICA - Edita Karkoschka (vocals) and Jannis Knüpfer(drums). Both eyewear by Coblens
4SEE Spotlight on NAUSICA – Edita Karkoschka (vocals) and Jannis Knüpfer(drums). Both eyewear by Coblens
Photography by Bert Spangemacher

Interview: 04.07.2019 mit Nausica in den raw studios. in Berlin

Es ist ein wunderschöner Donnerstagmorgen und ich sitze hier mit einer Hälfte der Band Nausica – spricht man das so aus? Nau-sih-kah?

Edita: Sag’s nochmal?

(mit leicht veränderter Aussprache) Nauh-si-kahr…

Edita: Ja, das klingt gut.

Jannis: Die meisten englischen Muttersprachler sagen „Nah-si-ca” (Edita: „Das gefällt mir”). Weil der Name aus einem japanischen Film kommt, ist es eher „Nau-SI-kah”, aber Nausica klingt schön.

Könntet ihr bitte euch und eure Rollen in der Band vorstellen?

Edita: Hi, ich bin Edita, ich bin die Sängerin der Band und Frontfrau auf der Bühne, die einzige Frau.

Jannis: Ich bin der Schlagzeuger. Ich spiele, so laut ich kann.

Und du heißt Jannis?

Jannis: Ich heiße Jannis.

Nun, willkommen im heißen Berliner Sommer! Löst die Stadt irgendwelche bestimmten Gefühle oder Erinnerungen in euch aus?

Edita: Ja, in diesem Sommer habe ich viel zu tun, im Moment sogar extrem viel, und vor ein paar Wochen hatte ich mitten am Tag fünf Stunden einfach Freizeit. Ich dachte mir, ok, was kann ich damit anstellen? Ich bin mit dem Fahrrad durch die Stadt gefahren und das war so ein Moment, an dem man merkt, dass Berlin echt eine Urlaubsstadt ist, dass Menschen herkommen, um einfach … die Zeit vergehen zu lassen.

Jannis: Dieses Jahr ist es etwas anders, letztes Jahr war schon ein wenig anders, weil der Sommer so heiß war. Normalerweise lieben alle den Berliner Sommer, weil die Winter so hart sind. Aber der letzte Sommer war furchtbar, es war zu heiß, und in diesem Jahr ist es wieder zu heiß und alle leiden, alle wollen einfach abhauen.

Edita: Stimmt. Letzten Sonntag war die Stadt leergefegt.

Jannis: Seit letzter Woche ist die Stadt eh leer, weil Ferienzeit ist, aber trotzdem, alle müssen aus der Stadt raus, es ist so wahnsinnig heiß. Und dieser Sommer fühlt sich für mich irgendwie anders an, weil der letzte Winter so dunkel war, ich weiß nicht, was da los war.

Und ihr lebt beide dauerhaft in Berlin?

Beide: Ja.

Und die anderen beiden Mitglieder leben …

Jannis: In Holland. Den Niederlanden.

4SEE Spotlight on NAUSICA - Edita Karkoschka (vocals) and Jannis Knüpfer(drums). Edita wears Ray-Ban. Jannis wears Coblens.
4SEE Spotlight on NAUSICA – Edita wears Ray-Ban. Jannis wears Coblens.

Ihr habt euch 2013 gegründet. Kanntet ihr euch schon, bevor ihr gemeinsam Musik gemacht habt?

Beide: Ja.

Jannis: Wir kannten uns, aber ich kam erst später in die Band.

Ich habe gelesen, dass ihr alle auf die gleiche Musikakademie gegangen seid?

Jannis: Ja…

Edita: Der Bassist nicht.

Jannis: Oh ja, der Bassist. Pim war nicht da. Er war der letzte Zugang zur Band. Ich kam erst nach unseren Abschlüssen in die Band, also kannten wir uns vorher, aber wir hatten die Band noch nicht, als wir alle in der selben Stadt gelebt haben.

Edita: Es war ziemlich witzig, weil wir während unseres Studiums nichts miteinander zu tun hatten, und dann trafen wir im Probenraum aufeinander.

Gab es einen Moment, an dem alles zusammengepasst hat, an dem ihr wusstet, dass ihr das gleiche Ziel verfolgt?

Edita: Ich glaube, da geht es immer um Timing, wenn die eigenen Interessen an die gleiche … Kreuzung kommen.

Jannis: Die Band existierte schon mit einem anderen Schlagzeuger, und ich war uninvolviert, sozusagen ein Fan. Und plötzlich hörte er auf, die Band wurde quasi neu … neu verkabelt? Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Dann kamen wir auf die Situation zu sprechen, wir waren alle im selben Raum und alles war irgendwie … (hört auf zu reden)

Edita: Für mich war es so, dass mit Jannis’ Eintritt die Band erst richtig ins Sein gekommen ist. Davor fühlte es sich mehr wie eine Studi-Band an, die gerade anfängt, aber es hatte nicht so … so viel mit meinen eigenen Vorstellungen zu tun. Als Jannis dazukam, fühlte er sich einfach wie die richtige Person an.

Der Name der Band, Nausica, ist eine Referenz auf Hayao Miyazakis „Nausicaä aus dem Tal der Winde”. Was hat den Film so wichtig für die Inspiration eures Bandnamens gemacht?

Edita: Ich habe mir nie wirklich Animes angeguckt (Jannis: „Ich auch nicht”). Einmal meinte unser Gitarrist Tim, oh, den musst du gucken, keine Ahnung weshalb. Also schauten wir gemeinsam den Film und … ich liebte seine zeitlose Geschichte. Es geht um … er spielt in der Zukunft, in einer Zeit, in der die Erde bereits durch Industrialisierung zerstört ist. Das ist ein Film aus den 80ern, einer der ersten Filme von Hayao Miyazaki. Und da ist dieses Mädchen, und es gibt einen giftigen Dschungel, und sie entdeckt, dass dieser giftige Dschungel die Erde von der Industrialisierung reinigt. Also unter diesem giftigen Dickicht ist … (gestikuliert) Man ist unter den Bäumen und auf einmal atmet man die frischeste Luft, die man sich vorstellen kann… ich war so … es ist so eine schöne Geschichte. Sehr zeitlos.

4SEE Spotlight on NAUSICA - Edita Karkoschka (vocals) and Jannis Knüpfer(drums). Edita wears Coblens. Jannis wears Jacques Marie Mage
4SEE Spotlight on NAUSICA – Edita wears Coblens. Jannis wears Jacques Marie Mage

Ihr arbeitet bereits seit einiger Zeit mit der Modedesignerin Sarah Knüpfer zusammen. Wie ist es dazu gekommen und was macht Sarahs Stil zu so einem guten Partner für Nausica?

Edita: Sie ist ein Multi-Genie. Sie kann alles. Sie ist eine gute Produzentin, sie ist ein fantastischer Art Director.

Jannis: Sie macht Musikvideos, Produktion, sie hat Kunst studiert, Mode…

Edita: Sie ist witzig. Und sie hat unendlich viele Ideen, wie man Dinge angehen kann. Sie kann sehr geduldig sein. Für mich ist das fantastisch, weil ich mit ihr wilde Ideen ausprobieren kann. Deswegen ist es am Anfang vor allem sehr chaotisch, was Leute von außen auch sagen, aber es ist ein Herumwerfen von Ideen.

Jannis: Und sie ist auch eine etwas chaotische Person, aber auch Produzentin, sie ist organisiert, sie ist kreativ, aber immer noch chaotisch, das ist eine gute Mischung.

Wie habt ihr Sarah kennengelernt?

Jannis: Tatsächlich habe ich sie schon sehr früh kennen gelernt… sie ist nämlich meine Schwester … zuerst war es einfach nur: Hey, hast du irgendwelche Ideen? Und die Antwort war, ja, viele…

Edita: Wir haben uns sehr gefreut, als sie auch nach Berlin gezogen ist.

Jannis: Früher hat sie in Amsterdam, Italien und London gelebt.

Edita: Als wir mit unserer Zusammenarbeit angefangen haben, hat sie noch nicht in Berlin gelebt, das ist echt cool.

Jannis: Jetzt ist es leichter, aber leider hat sie einen zur Zeit Job als Produzentin und macht viel Videoproduktion und ist immer beschäftigt. Sie läuft es uns schon davon, also müssen wir sie etwas einholen.

Wie hat sich die Band seit euren Anfängen verändert? Gab es eine einschneidende Veränderung?

Jannis: Die größte Veränderung war, dass wir in zwei weit entfernte Städte mit etwa sieben Stunden Abstand gezogen sind. Am Anfang habe ich nur etwa anderthalb Stunden von den Niederlanden entfernt gelebt und Edita hat noch dort gewohnt. Nachdem wir beide nach Berlin gezogen sind und die anderen beiden noch sieben Autostunden entfernt in Arnhem waren, mussten wir unsere Organisation und Aufnahmeplanung ändern … wir mussten die Aufnahmen im World Wide Web machen. Was Aufnahmen angeht, es ist 2019, man kann etwas einspielen und es online stellen und jemand anderes kann daran weiterarbeiten. Aber man muss sich konzentrieren und sich die Zeit nehmen, um etwas zusammen zu machen.

Auf Tour zu sein und von Stadt zu Stadt zu ziehen stelle ich mir aufreibend vor, selbst für eine tourerprobte Band. Was vermittelt euch ein Stück Zuhause an fremden Orten?

Edita: Ein gutes Kissen.

Jannis: Ein gutes Kissen, absolut. Das Zuhause-Gefühl… für mich ist das nicht ein Ort oder Platz, es sind die Menschen. Was man meist vergisst – egal wo man hingeht, das Einzige, was man sicher dabei hat, ist man selbst, also haben wir als Band uns und das ist wie eine Familie, und dann muss man noch sicherstellen, dass so wenig Idioten wie möglich dabei sind. Wir haben uns gegenseitig und vor allem das ist ein „Zuhause”.

Edita: Wir waren noch nicht außerhalb Europas unterwegs, was in Zukunft toll wäre, aber ich denke mir auch, wir sind immer noch in Europa…

Jannis: Wir sind als Europäer aufgewachsen, nicht als Deutsche.

Edita, im Video zu „All I Do” verkörperst du eher eine Bohème-Ästhetik, im Gegensatz zum Art Nouveau- und Electro Pop-Stil des „Hey You”-Videos. Hat sich dein persönlicher Stil gewandelt oder eher die musikalische Richtung der Band?

Edita: Das war teils bewusst, teils unbewusst. Das „Hey You”-Video wurde von Sarah Knüpfer bestimmt, die Kostüme und alles wurden sehr spontan an den Ort, an dem wir waren, angepasst. Veränderung. Das passiert nicht so bewusst, nein.

Jannis: Dazwischen liegen drei Jahre, da ist Veränderung ganz natürlich.

Mir ist die Farbe Orange im visuellen Material von Nausica aufgefallen: im Titel der „All I Do”-Single, auf dem Poster der Deutschland-Tour, im Design eurer Website und Edita, in deiner Kleidung sowohl im Video zu „Hey You” als auch „All I Do”. Ist das ein bewusst gewähltes Farbmotiv in eurem Gesamtwerk?

Edita: Ein bisschen. Es ist einfach so passiert. Ich arbeitete am Cover und Orange war einfach eine tolle Farbe.

Da gibt es keinen Niederlande-Bezug?

Edita: Tatsächlich nicht.

Jannis: Nein, Orange und Hellblau waren die wiederkehrenden Farben.

Edita: Beide waren von Sarah inspiriert, vor einigen Jahren hat sie die Farbe Orange vorgeschlagen, und ich habe nie Orange getragen, nein, was soll ich mit Orange? Sehr komisch. Aber trotzdem war ich von der Farbe inspiriert … Wir machten das Cover und die Farbe Orange wurde irgendwie der Fokus.

Mehr zum Thema Stil, was sind eure liebsten Sonnenbrillen – gibt es eine für euch typische Marke oder Form?

Jannis: Moscot. Ich hatte Clip-Ons auf meiner Moscot. Das ist so ein Ding von Moscot. Heutzutage trage ich Sonnenbrillen von Lunettes, das ist eine Berliner Firma, sie haben ein Geschäft (in der Torstraße), aber auch eine eigene Kollektion. Mir geht es nicht um die Marke, sondern um die Leute dahinter. Es ist ein europaweit bekannter Laden, die Brillen sind einfach so zart und atemberaubend. Es war Zufall, dass ich eine Lunettes bekommen habe. Aktuell habe ich eine von Ace & Tate, Tim hat auch eine davon. Tim, unser Gitarrist, hat auch lange Haare, auch einen Schnurrbart, er hat eine Ace & Tate-Brille, er sieht mir etwas ähnlich… ich habe die Ace & Tate-Brille nur geholt, weil sie nicht so teuer ist, und ich eine Veränderung brauchte, bevor ich mir eine neue von Moscot kaufen konnte.

Und Edita?

Edita: Nein. Gar nicht.

Jannis: Aber sie hat viele Sonnenbrillen, die meisten No Name, aber darum geht es nicht, Hauptsache, man mag sie oder nicht.

Gefällt dir eine bestimmte Form besonders, Edita? Cat-Eye, rechteckig, rund?

Jannis: Letztes Jahr hattest du viel im Ray-Ban-Stil…

Edita: Letztes Jahr hatte ich diese Brille mit den ganz kleinen Gläsern, erinnerst du dich an die? Wenn ich sie trage, gucken die Leute immer so… (lacht und zieht eine Grimasse) Die ist sehr verrückt.

Jannis: (murmelt) Was stimmt nicht mit diesem Mädchen?

Ich würde diese ganz kleinen Brillen so gerne tragen können. Was ich mich noch interessiert – was soll euer Publikum von eurer EP oder einem eurer Konzerte mitnehmen?

Jannis: Vor allem ein Gefühl. Wir bewegen uns im Pop-Sektor, aber wir wollten immer eine filmnahe musikalische Erfahrung bieten. Also ist es eine Mischung zwischen dem, was man von einer Indie-Pop-Band erwartet, und einer Sphäre und Athmosphäre, die einfach ungewöhnlich ist. Das ist vielleicht das Wichtigste an unserer Show.

Edita: Und die Energie. Ich will die Leute zum Tanzen bringen und dass sie sich frei mit ihrem Körper fühlen, dass sie der Musik folgen, nicht nur zuhören, sondern sie mit dem Körper erfahren.

Jannis: Wie man sich denken kann, ist Edita eine sehr energetische Person, was Auftritte angeht, deswegen gibt es bei uns immer eine große Frontsängerin-Perfomance.

Sie kanalisiert förmlich.

Jannis: Sie kanalisiert. Das erwartet man vielleicht nicht, wenn man nur unsere Musik hört, aber unsere Konzerte sind bei jedem Single-Release anders. Alle sagen immer: „Ich habe das nicht erwartet.”, was uns freut.

Zu guter letzt, wie geht es für Nausica weiter? Habt ihr schon neue Projekte oder Ideen im Visier?

Edita: Ja.

Jannis: Gerade produzieren wir unsere neue Single, die am Ende des Sommers erscheinen soll. Eine weitere Single kommt vor Ende des Jahres heraus und im Dezember touren wir etwa zwei Wochen lang, also sollte die Single zum Beginn der Tour erscheinen. Wir spielen hauptsächlich in Deutschland.

Edita: Es wird noch ein paar Termine in den Niederlanden geben.

Jannis: Gerade sind Konzerte in ganz Deutschland geplant.