SPOTLIGHT ON LILLY

Fotograf BERT SPANGEMACHER
Interview MADELEINE ARCHER

Der Hype um die Mischung aus Gerade-Noch- und Gerade-Nicht-Mehr-Teenagern der Rockband LIILY aus LA ist keine Eintagsfliege – das Video für ihre Debut-Single „Toro” hat bereits über eine Millionen Views alleine auf Youtube. Wegen ihrer energiegeladenen, ungezügelten Live-Auftritte fasst die Band rasch Fuß in der Rockszene. Diese Jungs aus dem Valley sind auf dem beste Wege weit zu kommen, und zwar schnell.

Gerade erst von ihrem kochend heißen Auftritt beim Download Festival in Madrid abgereist, verbrachte 4SEE einen Montagnachmittag mit den Jungs der Band für ein Foto-Shooting auf dem unverwechselbaren Gelände des Berghains. Zwischen Skatern, vom Wochenende durchgerockten Berlinern und verirrten, aber amüsierten Touristen sprachen 4SEE und LIILY über das Tourleben, die unanfechtbare Anziehungskraft von LA, und wie es sich anfühlt, mit 19 die Bühne mit ikonischen Headlinern wie Weezer, Slipknot und Beck zu teilen.

LIILY besteht aus Maxx Morando (Schlagzeug), Charlie Anastasis (Bass), Dylan Nash (Gesang), Sam Delatorre (Gitarre) und Desi Scaglione (Gitarre). Ihre neueste EP „I Can Fool Anybody in this Town” erschien am 8. März 2019.

LILLY - Sam Delatorre (guitar), Maxx Morando (drums), Dylan Nash (vocals), Charlie Anastasis (bass) Photography by Bert Spangemacher
LILLY – Sam Delatorre (guitar), Maxx Morando (drums), Dylan Nash (vocals), Charlie Anastasis (bass)

Interview: 01/07/2019 with LIILY at Panorama Bar Biergarten.

Madeleine, 4SEE:
LIILY, hallo! Willkommen in Berlin. Seid ihr zum ersten Mal hier?

Alle: Zum zweiten Mal. Das erste Mal war letzten Monat.

Eure ersten Eindrücke?

Charlie: Wir mögen es hier sehr. (Alle stimmen zu: „Ich mag’s, ja, ich finde es gut…”). Es gibt einige Ähnlichkeiten zu LA, vor allem an diesem Ort hier.

Der generelle Vibe in Berlin?

Charlie: Ja, der generelle Vibe.

Woher kommt euer Name LIILY?

Dylan: Ohh, tolle Frage. Maxx liebt diese Frage.

Maxx: Äh, es war tatsächlich einfach so, als Sam und ich nach einem Namen suchten, war eine Freundin von uns da und sie hieß Lily.

Mit zwei „i”?

Maxx: Nein, das kam einfach, weil wir damals nur zu zweit in der Band waren. Deshalb zwei „i”.

Es gab auch eine andere Band namens The Lillies, oder?

Alle: Jup.

Charlie: Der Vater meiner Ex-Freundin war in der Band…

Dylan: Wow, das ist abgefahren. Schreibt das ins Interview.

LILLY - Sam Delatorre (guitar), Maxx Morando (drums), Charlie Anastasis (bass), Dylan Nash (vocals) Photography by Bert Spangemacher

Ihr kommt gerade vom Download Festival Madrid, wo ihr mit Slipknot und Tool gespielt habt. Wie war das?

Dylan: Wir haben am Tag davor gespielt, am Papa Roach-Tag. Es war so heiß. Wir konnten keine Konzerte ansehen, es war irre heiß, es war verrückt. Die haben da gerade eine Hitzewelle, von daher… Die Sonne stand direkt über uns, als wir zu spielen begannen. Das waren bestimmt fast 40 Grad. Wir waren dann zufrieden damit, ins Hotel zurückzufahren, ich glaube, wir wollten nicht noch wirklich andere Auftritte sehen.

Ihr hattet also nicht wirklich die Gelegenheit, mit anderen Bands zu sprechen?

Dylan: Nein, ich war sogar von den Leuten beeindruckt, die früh am Tag da waren, um uns zu sehen. Die ganze Arbeit hinter der Bühne … Teil der Stage-Crew zu sein, das wäre furchtbar gewesen.

Sam: Sie hatten immerhin Cargo-Shorts an.

Würdet ihr sagen, dass Bands wie Slipknot und Tool, also 90er-Hard Rock, euch beeinflusst haben?

Charlie: Nein, nein. Ich mag Tool, Tool ist cool, aber Download Festival war dazu gedacht, die Demographie zu erreichen, mit der wir sonst nicht in Verbindung gebracht werden. Aber es hat uns in dieser Gruppe bekannt gemacht und wir haben einige positive Reaktionen vom Publikum bekommen. Und wir hatten ein paar Zwischenrufe.

Wie geht ihr mit Störenfrieden um?

Charlie: Einfach zurückschreien. Dylan? Dylan weiß, wie es geht.

Dylan: Ich … das ist schon öfter passiert und meistens sage ich nichts, aber wenn es 40 Grad warm ist und man eine wirklich ganz normale Show spielt, und dann ist jemand ein, du weißt schon („ein Arsch”), dann neigt man dazu, das nicht so schön zu finden. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt…

LILLY - Dylan Nash (vocals), Charlie Anastasis (bass), Maxx Morando (drums), Sam Delatorre (guitar) Photography by Bert Spangemacher
LILLY – Dylan Nash (vocals), Charlie Anastasis (bass), Maxx Morando (drums), Sam Delatorre (guitar)

Mit welcher Musik seid ihr aufgewachsen? Welche Bands beeinflussen euch?

Alle: Das ändert sich ständig.

Sam: Als ich klein war, war es die Musik meiner Eltern, meine Mutter hat zum Beispiel viel Massive Attack und Zero 7 gehört.

Portishead auch?

Sam: Ja, mein Vater hat mir Portishead gezeigt. Und mein erstes Album war The Wall.

Einer von euch hat einen Cousin, der bei The Walkmen spielt, oder?

Alle: Ja, Maxx. Du meinst Maxx.

Haben sie euch beeinflusst?

Alle: Ja, absolut.
Maxx: Was mich angeht … nun, unser Manager ist Peter Matthew Baeur, der ist auch in der Band. Aber für mich persönlich ist Matt (Barrick) der Grund, weshalb ich Schlagzeug spielen gelernt habe, und ich denke, wir alle mögen The Walkmen, sie sind eine tolle Band. Definitiv ein Einfluss.

Wie geht ihr mit dem Touren um? Habt ihr schon gemeinsame Traditionen oder Rituale vor Auftritten?

Charlie: Als Band sind wir noch neu dabei, aber es wird schon viel einfacher. Früher haben wir Weihrauch verbrannt, aber das ist nicht so gut auf Tour…

So ähnlich wie Salbei-Rächerungen?

Dylan: Nein, es war mehr ein Ding, als wir 15 waren und Weihrauch angezündet haben. Aber egal. Nicht wirklich. Es wird leichter. Wir haben nicht mehr so den Drang, das zu machen.

Eure Auftritte sind immer sehr körperlich.

Dylan: Wir sind langweilig. Es ist sehr anstrengend aufzutreten, ich meine, auf Tour zu sein ist immer anstregend, egal welche Musikrichtung man spielt, aber ich glaube, für uns ist es noch intensiver.

Maxx: Vor allem in Europa, wir sind für zwei Wochen nach Europa gereist, kamen zurück nach Hause, waren dann vielleicht zweieinhalb Wochen da, dann ging es zurück nach Europa, das ist so viel Zeit und viel Hin und Her.

Dylan: Wenn wir nicht gerade zwei Tage frei haben, gehe ich nicht aus. Ich gehe vor einem Auftritt nicht feiern.

Charlie: Man sagt sich, dass man rausgehen will, die Städte erkunden, aber es ist einfach zu erschöpfend. Aber das hier ist schön (der Biergarten an der Panorama-Bar).

Wie viel Zeit hattet ihr zwischen Madrid und Berlin zum Erholen?

Dylan: Tatsächlich eine Menge. Also, wir haben in Madrid gespielt, sind am nächsten Tag von dort nach Berlin geflogen, hatten gestern frei und morgen geht es ab nach Hamburg. Also hatten wir jetzt einige Tage für unsere Freizeit.

Und in Hamburg spielt ihr mit Weezer. Wie fühlt sich das an?

Dylan: Das ist ziemlich cool. Es ist irgendwie … ich habe es noch nicht ganz realisiert. Es ist nicht echt, bis wir dort sind. Das ist eine Band, die wir alle früher schon gehört haben. Eine Band, die gefühlt jeder in meiner Kindheit gehört hat. Weezer ist eine der größten Bands. Da ist irre viel Nostalgie. Es wird cool sein, sie kennenzulernen.

Was wollt ihr sie fragen? Habt ihr irgendwelche brennenden Fragen an Weezer?

Charlie: Nein. „Hi.”

Sam: Ich glaube, wenn man das probiert, klingt man einfach wie ein Depp, weil man die Frage nicht richtig rüberbringen kann.

LILLY - Charlie Anastasis (bass), Maxx Morando (drums), Dylan Nash (vocals), Sam Delatorre (guitar) Photography by Bert Spangemacher
LILLY – Charlie Anastasis (bass), Maxx Morando (drums), Dylan Nash (vocals), Sam Delatorre (guitar)

Ihr habt einen sehr authentischen, echten Instagram-Auftritt, was ich total mag, er wirkt nicht so gefiltert.

Alle: Danke. Das hören wir nicht so oft. Wir bekommen viel Kritik für unser Instagram.

Wer macht die Posts und kümmert sich darum?

Sam: Jeder von uns. Wir machen einfach so viele Bilder wie möglich, die wir cooler als unser Essen finden. Oder Kunst. Wir posten viel Kunst.

Ihr habt keinen Zeitplan, sowas wie einen Post pro Tag?

Charlie: Naja, es gibt Leute um uns herum, die versuchen, sowas zu etablieren, und es ist … nun, ich persönlich hasse sowas, und ich hasse es, das zu benutzen. Das geht uns allen so. Wir geben uns Mühe und versuchen das mehr wie ein Werkzeug zu sehen. Aber du weißt schon.

Maxx: Ich denke, einer der Gründe, warum uns Instagram so schwer fällt, ist, dass keiner unser persönlichen Accounts so ist … wir posten nicht so oft auf unseren persönlichen Accounts, deswegen ist niemand besonderes scharf darauf, auf unserem Band-Konto den Rest der Welt auf dem Laufenden zu halten. Aber es gehört zu dem, was wir tun, dazu, also müssen wir uns anpassen.

Ihr habt in vergangenen Interviews davon gesprochen, in der Gegend um LA bleiben zu wollen. Ist das noch Teil eurer Pläne als Band?

Charlie: Jup. Wenn es klappt, würde ich gerne für immer in LA leben. Es ist mein Zuhause. Es ist der beste Ort zum Leben, und einfach meine Heimat.

Maxx: Und es hat Anteile, Stücke aus vielen Ecken der Welt, da kommen viele Einzelteile zusammen. Es ist so wie das, was wir über unsere Berlin-Reisen gesagt haben.

Charlie: Wir sehen einige Aspekte von LA hier. Wir sehen Teile von LA überall. Es ist unser Zuhause.

Maxx: Das kommt bestimmt auch daher, dass wir es gewohnt sind, wir sehen alles in Bezug auf LA. Für das, was wir machen, gibt es kaum einen besseren Ort. Ich meine, in den USA sind LA, New York und Nashville die besten Städte für Musik, und wir waren in allen und in LA passt die Szene am besten zu uns.

Charlie: Ich finde, es geht nichtmal direkt um die Musik, sondern ehrlich gesagt um die Athmosphäre.

Maxx: Ja. Vor allem ist es die Athmosphäre.

Ich führe das Interview für 4SEE, eine Zeitschrift, die Brillen durch Mode, Kunst und Kultur betrachtet. Ich stelle die Brillenfrage – wer in der Band trägt Brillen? Sam, du trägst eine Korrekturbrille?

Sam: Ich trage Korrekturbrillen. Ich habe so schlechte Augen.

Alle: Wirklich die schlechtesten Augen.

Stellen Brillen eine besondere Herausforderung für eine Band dar, die so körperlich spielt?

Sam: Ehrlich gesagt nicht. Ich trage nie eine auf der Bühne. Naja, es gibt Momente, in denen ich vergesse, sie zu absetzen, weil ich nicht bemerke, dass ich sie noch trage, oder ich habe meine Kontaktlinsen vergessen. Aber in 95% der Fälle setze ich Kontaktlinsen ein, bevor wir auf die Bühne gehen. Eines meiner liebsten Dinge ist es, eine verrückte Show hinzulegen, bei der das Publikum uns für absolut hektisch hält, und nach dem Auftritt meine Brille aufzusetzen und ganz friedvoll zu sein.

Gibt es einen spezifischen Stil der Westküste, den ihr aufgreift?

Charlie: Ich glaube, in unserer Altersgruppe sind gerade Second Hand-Läden, Vintage-Klamotten, alles aus den 70ern, 80ern, das man günstig kriegen kann, beliebt.

Sam: Es gab einen Zeitpunkt, an dem wir uns alle mehr Gedanken über unsere Kleidung gemacht haben, aber das ist jetzt anders, jetzt ist es uns egal. Wir haben nicht das Geld, um viel für Klamotten auszugeben.

Maxx: Deshalb gehen wir in Läden, wo es Sachen für fünf Dollar gibt. Es gibt einen Laden in LA namens Jet Rag, der immer sonntags eine Sonderaktion macht, bei der ein Haufen Kleidung auf einen Parkplatz gekarrt wird und man schnappt sich einfach irgendwas und alles kostet nur einen Dollar.

Dylan: Da hab ich das hier her. (Dylan trägt ein blassgelbes Vintage-Hemd im Stil der 70er).

Alle: Ja, genau, von da.

Sam: Aber überall in den USA gibt es Second Hand-Läden, es gibt viele gebrauchte Sachen, die spottbillig sind.

Charlie: LA ist wahrscheinlich am teuersten.

Dylan: Aber es geht auch um einzigartige Teile.

Letzte Frage: Was treibt euch an, Musik zu machen?

Sam: Coole Frage.

Maxx: Was unsere Musik antreibt? Ich glaube, es ist unsere Natur. Es ist eine Unzufriedenheit mit dem, was wir gemacht haben. Es ist so, egal was wir in der Vergangenheit gemacht haben, der nächste Schritt ist immer, sich zu verbessern, weiterzukommen, nicht zurückzublicken.

Dylan: Es geht auch darum, was wir zu sagen haben, verstehst du?

Charlie: Was sich ständig ändert.

Maxx: Aber wir haben für unser nächstes Album eine konkretere Vorstellung. Alle von uns haben komplett unterschiedliche Lebenseinstellungen und andere Vorstellungen für Musik durch unsere Erfahrungen.

Sam: Das gilt besonders für die Lieder auf unserer EP, einige dieser Lieder haben wir geschrieben, als ich 15, 16 Jahre alt war, das ist lange her. Es ist viel passiert. Es gibt einen großen Unterschied zwischen einem Sechzehnjährigen und einem Neunzehnjährigen.

Maxx: Unsere nächste Veröffentlichung wird … es wird ein Weg sein, uns jetzt weiterzuentwickeln, was wir sagen und welche Musik wir machen wollen.