4SEE OPINION – DESIGN FÜR EINE POST-GENDER-WELT

Die Welt um uns herum – all unsere Räume, Geräte und neuen Technologien – werden von jemandem und für jemanden designt. Wenn wir eine bessere Zukunft schaffen wollen, ist es entscheidend, diesen Prozess zu erkennen, zu verstehen und alles daran zu setzen, Design für mehr und bessere Repräsentation zu nutzen. Design für mehr Sichtbarkeit heißt, traditionelle Pfade zu verlassen und hart daran zu arbeiten, den weißen, männlichen Standard aus unserer gebauten Umgebung zu entfernen. Das ist der einzige Weg, eine Zukunft zu entwerfen, die uns tatsächlich darin bestärkt, auf eine Post-Racial-, Post-Gender- und menschenfreundliche Weise zu leben.

Opinion DAN REID

„Ich wurde mit der Realität konfontriert, dass Räume verfälscht statt gemacht werden.”

Non-Binary model for 4SEE Opinion, Post-Gender-World
4SEE Opinion – Designing for a Post-Gender World
Eyewear by BLACKFIN Florida Bay

Fotograf ANTOINE DE ALMEIDA
Fashion Director / Stylist DEVON KAYLOR
Haare & Make-Up MELISSA RIGHI
Model VALENTIN GENSCHEL-KAYLOR

Die Erkenntnis, dass Design genau das ist, was ich machen möchte, aber dass es nirgendwo einen Platz für mich gibt, war und ist immer noch zum Verzweifeln. Das Arbeitsfeld, in dem ich eine Karriere aufbauen wollte, ist paradoxerweise gleichzeitig befreiend und beschränkend. Genau diese Freiheit hat es mir erlaubt, die Realität, und später auch Politik, meiner eigenen Repräsentation zu akzeptieren; die Beschränkungen konfrontierten mich mit der Realität, dass in diesem Bereich Räume verfälscht und nicht gemacht werden.

Amerikanische kulturelle, gesellschaftliche und legislative Geschlechternormen aus dem späten zwanzigsten Jahrhundert diktieren die Zugänglichkeit von bestimmten öffentlichen und privaten Bereichen. Häusliche, intime Räume waren feminin; professionelle, der Freizeit und der höheren Bildung dienende Räume maskulin. Die maskuline Erfahrung von Raum ist zur Basis für zeitgenössisches architektonisches Schaffen und Bauen geworden.

Das Ende des zwanzigsten Jahrhunderts erlebte einen Anstieg des notwendigen Gehalts, um einen durchschnittlichen Haushalt in ‚westlichen’ Volkswirtschaften finanzieren zu können. Der Bedarf an mehr Kapital führte zu einem steten Anstieg von Frauen, die dem Haushalt entflohen und in maskuline Räume eintraten. Vielen dieser Unternehmensräume, die Frauen betraten, mangelte es sogar an Toiletten, die sie während des Arbeitstages nutzen konnten. Öffentlicher Raum, als Erweiterung der maskulinen-femininen Trennung, veränderte sich ebenfalls durch den Einstieg von Frauen in den Arbeitsmarkt. Zugang zu einem Arbeitsplatz diktierte auch den Zugang zu ‚öffentlichen’ Parks, Plätzen und Wegen innerhalb der städtischen Landschaft, deshalb wurden viele dieser Räume ohne Rücksicht auf Frauen, in der Tat ohne jegliche andere Gender, entworfen.

Genderdiskriminierung wurde in vielen Räumen durch architektonisches Design geschaffen und erhalten. Es wurde als politisches Werkzeug statt als politischer Katalysator benutzt. In letzter Zeit hat sich diese Beziehung verändert.

Und doch finden sich in der Betrachtung von Gender, Architektur und Design wenig Beispiele, weil genderlose Architektur tatsächlich erst kürzlich zum Gesprächsthema geworden ist. Es gibt Hoffnung, dass die Zukunft wirklich mehr Bewusstsein und Inklusion leben wird, aber die Realität ist, dass wir noch nicht dort angekommen sind, was der Grund dafür ist, dass diese Ideen bisher mehr Theorie als Praxis sind: weil es die Praxis noch nicht gibt. Noch wurde kein Gebäude mit dem Ziel, wirklich genderlos zu sein, gebaut. Wir stehen jedoch an der Schwelle zu dieser Entwicklung, und darauf möchte ich mich konzentrieren.

Selbst- und basisdemokratisch organisierte Architekturen erfinden die Beziehung zwischen Politik, Bürokratie und Architektur neu. Die Einführung von genderneutralen Toiletten in Einzelhandels-, Gemeinschafts-, Bildungs- und sogar Arbeitsräumen markiert diesen Wandel. Am Arbeitsplatz standen rechteckige Tische und Besprechungsräume einst für eine klare, stark gegenderte Hierarchie. Der Trend zu runden Designs und Möbeln für diese gleichen Räume hebt eine kleine, aber wichtige Verschiebung von binären Machtdynamiken zu etwas, das mehr sein kann, hervor.

Die Berliner Initiative CO-WC (eine clevere Abkürzung für „Come Out of the Water Closet”) macht den Umstieg auf genderneutrale Toiletten durch Schilder, die eine einfache Lentikulardruck-Technik (wie die, mit der diese kitschigen Wackelbilder gemacht werden) verwenden, um je nach Blickwinkel zwischen dem traditionellen blauen Männeken zu einer pinken Frau zu wechseln. An Orten wie beispielsweise dem betahaus Co-Working Space in Berlin können diese symbolischen Veränderungen ein größeres Umdenken in Bezug auf Gender-Inklusion signalisieren und außerdem Gespräche über Design und Gender am Arbeitsplatz entfachen.

Agender in London ist ein transformativer, genderloser Verkaufsraum von Faye Toogood. Der Store-in-Store bei Selfridges präsentiert und bewirbt Mode, die über Gender-Binarität hinausgeht und für alle tragbar und zugänglich ist, mit einem Konzept, das die Interaktion zwischen Kundschaft und Shopping-Erlebnis neu deutet. Ein Ziel der Designer*innen war es, explizit die Mittel und Erwartungen einer selbstgewählten Repräsentation zu verändern. In Toogoods Modell ist es selbstverständlich, dass Architektur zentral für Gleichstellung ist.

Diejenigen, die in dem Bereich arbeiten, definieren baurechtliche Grundlagen für ausschließlich männlich und weibliche Bewohner*innen neu und nutzen Design stattdessen dafür, Räume zu schaffen, die für alle Menschen unabhängig ihres Genders geeignet sind.
Wenn marginalisierte Menschen das Zentrum wieder für sich beanspruchen und am Design-Status Quo rütteln, werden die Kapazitäten für das Imaginieren und Realisieren einer neuartigen Design-Zukunft folgen.

Zeitgenössisches Design hat eine gemeinsame Basis voller Unbekannten, Flexibilität und Innovation und einen Raum, in dem andauernde Konflikte der Bewegung aufeinander treffen, zusammen prallen und sich auflösen können, geschaffen. Es passt sich an und wird es weiterhin tun, während Designer*innen, die gleichzeitig kritische Denker*innen, Problemlöser*innen, Wissenschaftler*innen, In-Frage-Steller*innen, Repräsentationsmeister*innen und viel mehr sind, sich ebenfalls anpassen.

Es liegt Befreiung in dem Wissen, dass ich durch meine Arbeit in diesem Handwerk dafür verantwortlich bin, die sozialräumliche Politik des heutigen Designs neu zu zentrieren. Die Hoffnung für die zukünftige Architekturpraxis ist eine, in der Gender nicht mehr gesetzt und sicher, sondern definierend und qualitativ ist. Die bloße Existenz nicht-binärer Ideale in der heutigen Archikteur ist eine radikale Neudefinition einer einst gender-zentrierten Disziplin. Eine Post-Gender-Zukunft ist eine, in der Jobs, Gehalt, Aufgaben oder Möglichkeiten nicht feste Konsequenzen aus einem Gender sind. Sie wird wahrscheinlich von People of Colour geprägt und genderlos und vielfältig und homosexuell und queer und feminin und, am wichtigsten, unglaublich geistreich sein, also nur entfernt verwandt mit denjenigen, die zur Zeit die Disziplin prägen und designen.

DAN REID
Dan Reid arbeitet als Architekturdesigner*in und werdende*r Stadtplaner*in. Xiese Erfahrungen in der Architektur in New York und Boston verdeutlichen die Notwendigkeit, Gleichberechtigung und Sichtbarkeit in den Designprozess einzuschreiben. Xier hegt eine Leidenschaft für die Intersektion zwischen dem Politischen und dem Konstruierten, für Farbtheorie, Hunde und für guten Kaffee.

This article originally appeared in the DISCOVERY issue // published in February 2020.