Stellen Sie sich vor, Sie sehen zum ersten Mal

Farben sind ohne Zweifel ein wesentlicher Teil unseres Schönheitsempfindens; wir alle haben tiefsitzende Farbvorlieben, die unsere Anziehung zu Dingen genauso beeinflussen wie unsere Gefühle. Für unsere neue 4SEE-Kolumne haben wir Friederike Tebbe, eine Expertin auf dem Feld der Farbenlehre und Farbberaterin für bekannte Architekturprojekte, nach ihrer Philosophie der Farbwahrnehmung unserer alltäglichen Welt gefragt.

Fotografie & Text Friederike Tebbe

„Es ist nicht wichtig, was wir beobachten. Sondern was wir sehen.”


Unsere Welt ist eine farbenfrohe Welt. Farben schaffen Ordnung, Klarheit und Orientierung. Fast jeder von uns hat eine Lieblingsfarbe und eine Farbe, die wir absolut nicht leiden können. Und trotzdem nehmen wir Farben nicht wirklich ernst, deshalb ist Farbe meistens der letzte Aspekt, der beim Designprozess beachtet wird. Wir äußern spontane und deutliche Vorlieben, Vorurteile und Bedenken. Und trotzdem wissen wir in der Regel nicht, woher oder warum wir sie haben; es ist mehr ein Fall für unser Bauchgefühl.


Ähnlich wie Gerüche und Geschmack beeinflussen Farben stark unsere Emotionen. Und trotzdem sind sie, da sie sich ständig verändern, schwer zu fassen. Genaue Beobachtung ist die wichtigste Voraussetzung, um ein sicheres Verständnis für Farben zu entwickeln. Aber wie funktioniert dieser Prozess – das Sehen, Erkennen, Verstehen und Beurteilen? Wie können wir uns inmitten des Farbenmeers, das uns jeden Tag umgibt, das so chaotisch und vielfältig scheint, durcheinander und verwirrend, anziehend und unbegreiflich, einen Überblick verschaffen? Wie können wir unser Bewusstsein für Farben verfeinern und unsere Fähigkeit, sie zu unterscheiden, pflegen?



Genau wie man Objekte anders betrachten kann, so kann man auch den Akt des Sehens betrachten. Selbstbeobachtung offenbart schnell, wie eingeschränkt das alltägliche Sehen ist. Sieht man breit oder lang? Schaut man nach vorne oder zurück? Sieht man besser im Stehen oder im Sitzen? Wie gut hört man, während man sieht?


Durch genaues Untersuchen und auf unsere Beobachtungen gestützt können wir viel über das Erleben von Farben und ihren Kontext lernen. Beobachten Sie, was Sie sehen, und wie Sie sehen und was Sie zu sehen glauben. Legen Sie eine Art „Album” aus Eindrücken und Einsichten an. Machen Sie Fotos, sammeln Sie Ausschnitte, nehmen Sie einen Pinsel zur Hand – oder, wenn dafür keine Zeit ist, sehen Sie sich einfach aufmerksam um. Versuchen Sie, die Dinge anzusehen, ohne Wertungen oder Bedeutungen an sie zu heften. Das ist schwieriger, als man zu Beginn vermutet, und benötigt eine gewisse Distanz. Aber wenn man es einmal geschafft hat, verändert es den eigenen Blick auf die Dinge. Also wechseln Sie ganz einfach Ihre Perspektive. Schauen Sie Ihre Umgebung von oben an, oder mit den Augen eines Außerirdischen. Stellen Sie sich vor, Sie sehen zum ersten Mal.

Friederike Tebbe ist eine Farbtheoretikerin und Designerin, die auch als Beraterin für Architektur- und Designprojekte arbeitet. Sie hat an der Universität der Künste (UdK) Berlin Seminare zu Farben und Design geleitet und hält regelmäßig Workshops und Vorträge zu dem Thema. Sie ist Autorin mehrerer Bücher über Fotografie und schreibt über Farben und Wahrnehmung in unserer Umgebung. Ihr neuestes Buch Grün Hören, Gelb Denken: Farbe verstehen ist 2017 bei Jovis erschienen.

Friederike Tebbe, Designerin, Fotografin, und Inhaberin des Studio Farbarchiv in Berlin

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