4SEE OPINION – AUTHENTISCHE MODE-ERFAHRUNGEN

Meinung DAPHNE MOHAJER VA PESARAN
Fotograf BERT SPANGEMACHER
Grafik MATTHIEU DE SCHEPPER

Dr.Daphne Mohajer va Pesaran ist Designerin und Dozentin für Modedesign an der renommierten RMIT University im australischen Melbourne. Ihre Forschungsinteressen sind untraditionelle Designmethoden, multispezifisches Worlding, Biotechnologie und Design, Materialidentität, Kommunitarismus, traditionelles Handwerk und ökologisches Design.

Viele Fragen müssen an Mode und Authentizität gestellt werden. In einer bildschirmbasierten Gesellschaft, in der Bilder unsere Selbstwahrnehmung bestimmen, ist es oft schwer, authentische Beziehungen – selbst zu Freunden – aufrecht zu erhalten. Authentische Mode-Erfahrungen sind noch schwerer zu finden. Während die Aspekte von Mode, die als unauthentisch gelten, einfach (und oft!) isoliert und kritisiert werden, müssen wir Wege finden, Authentizität in der Herstellung von Mode zu fördern. In diesem Fall kann Authentizität von Originalität, die im Markentumult des digitalen Bilder-Markts immer schwerer erreichbar wird, abgegrenzt werden.

Ein Grund dafür könnte sein, dass modernes Fashiondesign ein stark umkämpftes Spiel mit Referenzen ist. Zwischen den Spielern herrscht eine geradezu sportliche Übereinkunft darüber, dass Regeln zu Originalität ignoriert werden können und Produkte und Erfahrungen, die als authentisch gelten, höheren Wert erlangen. Aber was ist eine authentische Erfahrung in der Mode? Ist es die Materialität eines Produkts, die ihm Authentizität verleiht, oder ist es die Anerkennung einer bestimmten Marke oder eines Designers durch die Konstruktion bestimmter Bilder? Wie verkörpert oder enthält eine Marke oder ein Produkt Authentizität?

4SEE Opinion - Authentic Fashion Experiences // Photography Bert Spangemacher // Artwork Matthieu de Schepper
4SEE Opinion – Authentische Mode-Erfahrungen //
Photography Bert Spangemacher //
Artwork Matthieu de Schepper

Ich möchte anhand eines sehr speziellen Modephänomens über Authentizität und Mode nachdenken: japanische Papierkleidung. In Japan gibt es eine sehr alte und unbekannte Kultur des Tragens von Papierkleidung. Ich sage „unbekannt”, weil zwar viele ästhetische Traditionen Japans global beliebt sind, aber nur wenige Menschen Papierkleidung kennen. Das könnte daran liegen, dass dieses Phänomen komplett ausgestorben war, dann wiedererweckt wurde, und dann nochmal ausgestorben ist. Es konnte sich einfach nicht gegen funktionalere Neuerungen wie Baumwolle und Nylon durchsetzen. Historisch wurden japanisches Papier (washi) und Papierkleidung als Ersatzmaterial für Regenkleidung, Arbeitskleidung und sogar Möbel und Haushaltsartikel benutzt, um nur ein paar der vielseitigen Anwendungsgebiete zu nennen. Heutzutage wird es für Kleidung einmal pro Jahr in nur einem einzigen buddhistischen Tempel in Kyoto verwendet, in einer Zeremonie mit Feuer und Wasser.

Aber die breitere Anwendung, oder Anerkennung, von Washi befindet sich wieder einmal im Prozess der Wiederentdeckung. Der Ort, an dem dieser Leben-Tod-Leben-Zyklus stattfindet, ist eine Stadt viele Meilen nördlich von Tokio namens Shiroishi, die so berühmt für ihre Papierherstellung ist, dass selbst Issey Miyake sie in den 1980ern besuchte, um die Herstellung von Papierkleidung zu lernen. Aber heute gibt es nur einen einzigen Papiermacher in der Stadt: Abe hat Knollen aus den originalen Anbauflächen angepflanzt und stellt das Papier in der Garage hinter dem Spirituosengeschäft seiner Familie her. Aber macht er authentisches Shiroishi-Papier? Was macht sein Papier authentisch? Man könnte argumentieren, dass er Shiroishi-Papier macht, weil er es dort herstellt, und seine Materialien dafür aus der Gegend kommen. Sind Tradition und Standort die einzigen Zutaten für Authentizität? Die folgende Passage aus einem Artikel, den ich 2018 über Verortung und Mode geschrieben habe, beleuchtet das:

Massenproduzierte Mode ist ein besonders ortloses Unterfangen, bei dem die lokalen sozio-materiellen Kontingenzen der Produktion bewusst verschleiert werden, um die Markenidentität zu vermitteln. Das weltweite Fast Fashion-System, das aus Mengen von körperlosen Symbolen gebaut wurde, existiert als eine Flotte aus ortlosen schwebenden Inseln, die nirgendwo bestimmt verankert sind. Trotzdessen existiert ein System der materiellen Herstellung, das Materialien und Objekten Wert verleiht, der aufgrund der Verbindung zwischen Menschen und Landschaft nur in bestimmten Regionen erreicht werden kann – lokale Materialidiosynkrasien könnten ein Gefühl von Örtlichkeit in ihrem Ausdruck eines intimen, an einen bestimmten Ort gebundenen Austausches von Material vermitteln. Basierend auf der Möglichkeit des körperlichen Austausches von Material mit der Landschaft könnte eine Methode des Modedesigns bestärkt werden, die sich bewusst macht, dass ein regional spezifischer Sinn für den Standort – oder terroir – innerhalb eines Stoffes existiert, genau wie Lokalität in Wein oder Käse als Ausdruck von Jahreszeit, Region, Klima und Landschaft identifiziert werden kann.

4SEE Opinion - Authentic Fashion Experiences // Photography Bert Spangemacher // Artwork Matthieu de Schepper
4SEE Opinion – Authentische Mode-Erfahrungen //
Photography Bert Spangemacher //
Artwork Matthieu de Schepper

Ein Weg, Authentizität zu erlangen und auszudrücken, ist, transparent zu handeln. Wenn die Tradition einer Marke von ihren Anfängen an nachverfolgt und sichtbar gemacht wird – sei es in einer italienischen Kleinstadt, einem Feld in Japan, oder einem Kellerapartment in Harlem -, dann sind die Geschichten der Orte und Kulturen, aus denen sie stammen, greifbar. Transparenz ist außerdem bei Äußerungen dazu, wann, wie, wo und aus was ein Produkt hergestellt wird, unerlässlich, um die zentrale Frage herauszukitzeln, warum ein Produkt überhaupt gemacht werden sollte.

4SEE Opinion - Authentic Fashion Experiences // Photography Bert Spangemacher // Artwork Matthieu de Schepper
4SEE Opinion – Authentische Mode-Erfahrungen //
Photography Bert Spangemacher //
Artwork Matthieu de Schepper

Daphne Mohajer va Pesaran, PhD
Dozentin für Modedesign (Honours + Masters), RMIT University, Melbourne, Australien

Daphne is a fashion designer and researcher. She recently relocated to Melbourne after spending ten years at Tokyo’s Bunka Fashion School studying and teaching. Her PhD dissertation outlined a theoretical and conceptual framework for thinking through art and design proposals when species meet, and considered fashion design methods that might emerge at moments of ecological instability. While in Tokyo her design work was exhibited internationally; she also worked alongside Shoichi Aoki, the founder and editor of FRUiTS magazine, was a trend forecaster for Stylesight and WGSN, and contributed to A Magazine, MUSE Magazine, Dazed & Confused, FRUiTS, Tune, The Japan Times, and peer-reviewed academic journals. Working with Anika Kozlowski (Ryerson University, Toronto) she is probing and critiquing existing sustainability narratives in fashion, and exploring forms of dress and material culture that emerge during and after ecological crisis.