HOMME LESS in the City

Interview CHRISTINE TOMAS
Fotograf LANCE CHESHIRE

Tagsüber geht Mark in einem Designer-Anzug, der ihn einfach umwerfend aussehen lässt, die Straßen New Yorks entlang. Für manche verkörpert Mark mit seinem Job in der Mode- und Filmbranche den amerikanischen Traum. Doch nachts wandelt dieser sich zum Albtraum: In Wahrheit ist Mark obdachlos.

I love vintage glasses, the first pair was a pair of black frames I found at a flea market in Vienna.

New York ist als die Stadt bekannt, die niemals schläft, mit einer Energie und einem Tempo mit dem kaum eine andere Stadt mithalten kann. Der Immobilienmarkt hingegen hält Schritt. Aber was passiert, wenn die Anforderungen der Stadt und die schwindelerregenden Lebenshaltungskosten zu viel werden? Wer wird zurück gelassen, und warum? Was braucht man, um in dieser Stadt Fuß zu fassen, und welchen sozialen Preis fordert das Business? Über 200 Stunden Material aus einem Zeitraum von mehr als drei Jahren schnitt Thomas Wirthensohn für sein Regie-Debüt HOMME LESS zusammen, ein Film, der die raue, filterlose Schönheit von NYC einfängt und zeigt, wie weit manche gehen müssen, um hier überleben zu können. 4SEE traf sich mit Thomas, dem Filmemacher mit bemerkenswert großem sozialen Gewissen, zum Interview, um mehr über die Inspiration hinter seinem preisgekrönten Film und seine Zukunftspläne zu erfahren.

Wie hast du Mark kennengelernt und wie hast du erfahren, dass er obdachlos war?
Wir haben uns in den späten 80er Jahren kennengelernt, als wir für die gleiche Modelagentur in Europa arbeiteten. 30 Jahre später liefen wir uns dann bei einer Fotoausstellung in NYC über den Weg. Er trug einen klassischen grauen Anzug und sah wie ein Filmstar aus. Nachdem wir einige Stunden in einer Bar verbracht und auch ein paar Drinks hatten, fragte ich ihn, wo er wohnte. Er offenbarte, dass er keine Wohnung hatte und stattdessen seit drei Jahren heimlich auf einem Dach schlief.

Der Großteil deiner Arbeit hatte vorher mit Werbung und Produktion zu tun. Was hat dich dazu inspiriert, eine Dokumentation zu drehen?
Dokumentarfilme und Werbung haben sehr unterschiedliche Arbeitsweisen. Es kann sehr inspirierend sein, im Team zu arbeiten und alles zu geben, um ein bestimmtes Produkt oder Ergebnis zu erzielen, aber ich verspürte den Wunsch, etwas ohne strikte Vorgaben und Grenzen zu machen. Mark faszinierte mich auf vielen Ebenen. Zuerst interessierte mich die Diskrepanz zwischen seiner Erscheinung und seinem Lebensstil. Obwohl seine Geschichte ziemlich einzigartig war, fragte ich mich, wie viele weitere Menschen es da draußen wohl gab, die am Rande der Gesellschaft balancierten, mit Müh und Not die Fassade eines gut situierten Bürgers aufrecht erhielten, aber gerade genug zum Überleben verdienten. Sein Leben schien sehr mutig und abenteuerlich, aber auch düster und bedrückend. Diese Konflikte beschäftigten mich und daraus entstand die Idee zum Film.

Eyewear by JACQUES MARIE MAGE
Eyewear by JACQUES MARIE MAGE

Was war Marks erste Reaktion als du ihm eine Dokumentation vorgeschlagen hast?
Ich glaube, er war geschmeichelt, aber zu Beginn nicht sicher, ob ich es hinkriegen würde. Schließlich war es mein erster Film und ich hatte keine Ahnung von dem, was ich tat. Ich wusste nur, dass ich diesen Film machen musste, komme, was wolle, und ich glaube, diese Entschlossenheit hat ihn überzeugt. Eine Woche nach seiner Enthüllung begannen wir mit den Dreharbeiten, nur er und ich, die ganze Zeit. Kein Soundtyp, kein Assistent, kein Produzent. Guerrilla-Style.

Wie sah deine Vision für den Film im Großen und Ganzen aus?
Ich wollte nicht urteilen. Mein Ziel war es, sein Leben aus verschiedenen Perspektiven zu zeigen und ihn selbst erklären zu lassen. Anfangs versuchte ich sogar, ihm zu helfen, bis ich verstand, dass er sein abenteuerliches und einzigartiges Leben auf dem Dach sogar genoss und nicht offen für Veränderungen war. Es lag nicht in meinen Absichten, eine Lösung für eine bestimmte Situation zu finden; stattdessen ging es mehr darum, Fragen zu stellen, um einen Dialog zu entwickeln. Dieses Konzept ging auf – Leute sprachen darüber und wir hatten viele tolle Momente auf unserer Festivaltour. Medien weltweit berichteten über den Film. Wir waren sogar zu Gast bei The View, der Show von Whoopi Goldberg.
 
Mark hat diese Fassade über Jahre hinweg aufrecht erhalten. Nicht einmal seine Mutter oder sein Freund, auf dessen Dach er lebte, wussten über seine Situation Bescheid. Gab es während des Drehs jemals Momente, in denen du das Gefühl hattest, dass er nicht ganz ehrlich war?
Wahrheit ist meiner Auffassung nach etwas recht Subjektives. Wir beschreiben die Welt, wie wir sie aus unserer eigenen Perspektive sehen. Das bedeutet, dass andere nicht alles genauso sehen, und das müssen wir respektieren. Natürlich können wir uns auf Grundlagen einigen, etwa „Dieser Apfel ist rot”, aber während ich finde, dass er süß schmeckt, findet jemand anderes ihn vielleicht sauer. Ich habe mir nicht viele Gedanken darüber gemacht, ob er ‚lügen’ könnte, denn ich konnte sehen, dass seine Geschichte stimmte. Er schien es zu genießen, vor der Kamera über sein Leben zu sprechen. Er sagte sogar, dass es ihm dabei half, seine Gedanken zu sortieren, und dass es sich fast wie Therapie anfühlte. Meiner Meinung nach belog er vor allem sich selbst darüber, wie er in diese Situation geraten war. Wir haben alle unsere Probleme und Fehler und diese zu betrachten erfordert Mut. Es kann weh tun, tief in sich zu gehen und danach zu fragen, wer wir wirklich sind. Wenn man nicht bereit für diesen Weg ist, wird sich das eigene Leben immer im Kreis drehen und die immer gleichen Probleme mit sich bringen. Das ist jedenfalls meine Erfahrung.

Seid ihr noch in Kontakt?
Ja, aber wir sehen uns nicht oft.


Wenn du Drehbuchautor statt Dokumentarfilmer wärst, wie würdest du Marks Geschichte zu Ende schreiben?
Gute Frage. Würde ich für Hollywood schreiben, würde Mark eine Frau treffen, die ihn rettet, und dann fahren sie gemeinsam in den Sonnenuntergang und leben glücklich bis ans Ende aller Tage. (lacht) Ironischerweise wäre das fast so passiert, aber letztlich ging es nicht auf. Das Ding ist, dass die Geschichte nie wirklich zu Ende ist. Wenn ich einen Film schaue, in dem der Typ endlich das Mädchen kriegt, dann ist das das Ende des Films, aber im echten Leben geht es dann erst richtig los.

Du hast früher in Wien gelebt. Könnte es dort so eine Geschichte wie die von Mark geben?
Wien hat eine bessere Lebensqualität, wenn man Faktoren wie Kosten, Luftqualität, Krankenversicherung, Lebensstandard und so weiter beachtet. Marks Geschichte könnte auch in Wien passiert sein, weil er nicht nur von Umständen in seine Situation gezwungen wurde, sondern an einem bestimmten Punkt selbst eine Entscheidung getroffen hat. So schwer das auch gewesen sein mag, es verlieh ihm ein gewisses Gefühl von Unabhängigkeit und Freiheit. Wenn ich heute mit ihm spreche, sagt er, dass er das Dach vermisst.

Woran arbeitest du als Nächstes?
Zur Zeit arbeite ich an einigen Dokumentarfilmen. Einer setzt sich mit Gewissen, Wissenschaft und psychedelischen Substanzen auseinander. Ein anderer handelt von meiner Schwiegermutter, die im Harlem der 60er und 70er Jahre eine Ikone war. Und ich arbeite an einem Kurzfilm über eine PanAm-Stewardess aus eben dieser Zeit.  


Eyewear by JACQUES MARIE MAGE
Eyewear by JACQUES MARIE MAGE

Studio Innenraum Portraits: Fotografiert in den Bath House Studios, New York City,
Speziellen Dank an James Gingold

Studio Dachterassen Portraits: Fotografiert in den Go Studios Penthouse, New York City,
Spezieller Dank an Halley

Speziellen Dank an Roger Dong, G.E Projects, New York City