Direkt von der Quelle: Shinto entdecken mit Masatsugu Okutani

Interview JUSTIN ROSS
Fotograf BERT SPANGEMACHER

Masatsugu Okutani, der einzige Shinto-Priester außerhalb Japans, erklärt die alten Bräuche des Shinto, ihre Ursprünge und ihre moderne Inkarnation. In einer Welt voller Ablenkungen verbreitet Shinto die Lehre, zurück zu unseren Wurzeln zu kehren und zu entdecken, was das Wesentliche für uns ist. Shinto-Philosophien sind nicht auf die Kultur beschränkt, aus der sie stammen, und bilden die Basis einer ganzen Reihe von Bräuchen, die zur Zeit weltweit Fuß fassen. Von minimalistischen Designansätzen, verändertem Konsumverhalten, und sogar bis zu Marie Kondos neuer Erfolgsshow auf Netflix, die Ordnung und Sauberkeit anpreist, bietet Shinto eine Gelegenheit, nicht nur Überflüssiges aus unserem Leben zu entfernen, sondern die Welt mit ganz neuen Augen zu sehen. Masatsugu Okutani spielt eine zentrale Rolle dabei, diese Denkart in die westliche Welt zu bringen. Er berät bekannte Unternehmen wie LVMH genauso wie Regierungsorganisationen und Kreativagenturen dabei, wie Shinto-Praktiken ihre Firmen bedeutungsvoller und erfolgreicher machen können. Im Interview mit 4SEE teilt Masatsugu Okutani seine Erfahrungen aus seiner jahrzentelangen Arbeit als Priester, Berater und Lehrer für Shinto auf der ganzen Welt.

Masatsugu Okutani shinto raw studios Bert Spangemacher
Masatsugu Okutani

Ein uralter Brauch, eine über Jahrhunderte und Generationen weitergegebene Tradition, ein spiritueller Inkubator, der eine so einzigartige Denkweise hervorgebracht hat, dass sie schwer in Worte zu fassen ist – Shinto befindet sich irgendwo zwischen Philosophie und Religion. Es ist eine Sammlung von Weltanschauungen, die die Menschheit mit der Natur verbinden. Kurzgesagt handelt es sich um eine ganze Lebensweise. Und für das japanische Volk ist es so untrennbar mit seiner Sprache und seiner Kultur verknüpft, dass es seinem Denken zugrunde liegt, für alles von Design bis Essen, von Architektur bis Alltag.

Tatsächlich hat diese japanische Praxis eine ununterbrochene Geschichte, die schriftlichen Überlieferungen weit vorausgeht: Eine ungebrochene Kette aus Riten und Ritualen wurde von Generation zu Generation überliefert, von Familien, die sich dem Erhalt der Shinto-Praktiken gewidmet haben. Und jetzt bringt zum ersten Mal ein Shinto-Priester, Masatsugu Okutani aus der bergigen Nagano-Präfektur, diese Bräuche in den Westen – zuerst nach Paris, nun auch nach Deutschland.

Um mehr über das tradtionsreiche und oft geheimnisvolle Shinto zu lernen, ist Masatsugu Okutani der beste Ansprechpartner. Als einziger außerhalb Japans lebender und praktizierender Shinto-Priester ist er in einer einzigartigen Position, um einen Einblick in die Anziehungskraft von Shinto und die Anwendung seiner essenziellen Charakteristiken in westlichen Kontexten und unserer technologischen Welt zu bieten.

Masatsugu Okutani führt eine weit zurückreichende Reihe von Shinto-Priestern fort. Er ist der 25. Oberpriester (oder Leiter) des Yabuhara-Schreins, dessen Geschichte sich bis in das Jahr 680 zurückverfolgen lässt. Nach seinem Studium der klassischen japanischen Literatur, Geschichte und Shinto-Zeremonien an der Kokugakuin-Universität im Tokioer Stadtteil Shibuya trat Masatsugu Okutani, auch Masa-san genannt, dem Verband der japanischen Schreine bei, bevor er einen ungewöhnlichen Bildungsweg für einen Shinto-Priester einschlug und in Großbritannien einen MBA abschloss. Aber wahrscheinlich war es gerade diese Erfahrung, die seine Fähigkeiten so einzigartig und für die Organisation unbezahlbar gemacht hat.

Nach seiner Rückkehr nach Tokio trat er dort einem der größten und bekanntesten Schreine Japans bei, dem Meiji Jingu-Schrein. Aufgrund dessen Lage und Berühmtheit kam er mit einem ständigen Strom an Touristen in Kontakt, die sich für den Ort interessierten, und nutzte diese Gelegenheit, um ihnen Shinto näherzubringen. Schnell merkte er, dass dies keine leichte Aufgabe war, und so entschied er sich, seine Methoden am Meiji Jingu-Forschungsinstitut zu verfeinern. Dort untersuchte er, wie Ausländer, vor allem Europäer, die Kernprinzipien der japanischen Kultur sahen und welche Beziehung sie dazu hatten.

Schließlich merkte Masa-san, dass es ein wichtiger Schritt sein würde, seine Forschung in die Praxis zu übersetzen. Um Shinto-Prinzipien an ein ganz neues Publikum in einem komplett anderen Kontext zu vermitteln, zog er 2011 nach Paris. Nun lebt er mit seiner Frau und seinem neugeborenen Sohn in Hamburg. Unser Gespräch mit Masa-san versucht, die Grundlagen des zutiefst komplexen Glaubenssystems des Shinto zu erfassen, und zu verstehen, was es außerhalb von Japan und in unserer modernen Welt relevant macht.

Masatsugu Okutani shinto raw studios Bert Spangemacher
Masatsugu Okutani

Wolltest du schon immer Shinto-Priester werden?

Es ist eine Familientradition, Shinto-Priester zu sein. Den Beruf geben wir seit mehr als 800 Jahren weiter, er hat eine lange Geschichte. Wir haben einen Familienbaum und Portraits der Vorfahren und Nachfahren. Mit jeder Generation geben wir all die Geschichten und Geschichte weiter.

Mein Vater sagte mir, dass ich mit meinem Leben machen könne, was ich wollte, aber mein Elternhaus lag direkt neben einem Schrein (jinja auf Japanisch), also sah ich mein ganzes Leben lang, was mein Vater tat. In dem kleinen Dorf, in dem ich aufwuchs, sahen mich die Leute als den nächsten Shinto-Priester. Also fühlte es sich für mich ganz natürlich an, Shinto-Priester zu werden, schon seit meiner Kindheit.

Wie verbreitet ist Shinto außerhalb Japans?

Es gibt nur einen Priester außerhalb Japans: Ich bin der einzige.

Es gibt einige fundamentale Charakteristiken im Shinto – es gibt keinen Gründer, es gibt keine heilige Schrift wie die Bibel oder andere Texte, keine Glaubenslehre, keine Theologie und Philosophie, kein Konzept von Glaube oder Nicht-Glaube, deshalb auch keine Gläubigen und Ungläubigen und keine Verordnung über Gut und Böse. Wir haben keinen missionarischen Ansatz, um andere zu konvertieren.

Was bringt dich dazu, mehr Bewusstsein für Shinto in Europa schaffen zu wollen?

Wenn wir die Grundwerte von Shinto vermitteln können, dann spielen kultureller Kontext oder Traditionen keine Rolle. Wenn man Menschen an den jinja oder den Schreinen sieht, denken die Leute natürlich an Japan. Die Menschen sehen nur die Oberfläche, aber im Kern geht es nicht darum, wie es aussieht.

Shinto kennt ein Konzept namens musuhi. Musuhi ist die Lebenskraft, die die Bedeutung von Geburt, Fortpflanzung und gegenseitige Verbindung, das Bilden einer Organisation und von Netzwerken beinhaltet. Es ist die Kraft, die konstruktive und nachhaltige Evolution und Entwicklung leitet und letztendlich Harmonie schafft. Das ist die Bedeutung von musuhi – ein zentraler Wert von Shinto; die zentrale Kraft des Menschen als Teil der Natur.

Shinto jinjas sind Orte, an denen diese Lebenskraft maximiert wird. Es ist, wie wenn man ein iPhone oder ein anderes Gadget benutzt, man muss den Akku aufladen, sonst läuft es nicht. Genauso ist es. Die Rolle der jinja ist es, Lebenskraft aufzuladen.

Im Shinto führen wir viele Harae durch, auf Deutsch bedeutet das Reinigungszeremonien, um Menschen oder Orte zu reinigen. Denn es gibt Dinge, die die Lebenskraft schwächen, die Kegare. Ke heißt auf Japanisch „Geist” und kare/gare ist, wie wenn man einer Blume kein Wasser gibt und sie immer schwächer und schwächer wird, bis sie verwelkt. Das ist kegare. Wir bemühen uns, diese kegare so viel wie möglich zu entfernen. Das stärkste kegare ist der Tod – das Gegenteil von musuhi. Kegare ist Sterben, gehemmtes Wachsen und Entwickeln, und Krankheit oder Anomalien in der Lebenskraft – alles, was Schönheit entstellt: Objekte, die weder schön noch nützlich sind.

Masatsugu Okutani shinto raw studios Bert Spangemacher
Masatsugu Okutani

Lass uns über Paris sprechenn: Wie kam es dazu, dass du mit großen Firmen gearbeitet hast, die Shinto-Elemente in ihre Marken einbringen wollten?

In Frankreich habe ich zum Beispiel Zeremonien für Boutiquen durchgeführt, und die Anwesenden brachten ihre Hunde oder kleinen Kinder mit. In Japan gehören Tiere nicht an gesegnete Orte, aber ich konnte es ihnen nicht abschlagen. Aber es passierten interessante Dinge, als ich die Zeremonie begann. Ein Baby hatte geweint, oder ein Hund gebellt, aber sobald ich mit der Zeremonie angefangen hatte, wurden sie ganz still und ruhig. Weil Babys und Hunde keine Rationalität kennen, nur Empfindungen, konnten sie die plötzlichen Veränderungen durch die Zeremonie im Raum und an dem Ort spüren.

Aus meiner Arbeit mit französischen Firmen, großen Marken und Modelabels habe ich gelernt, dass sie ihre Boutiquen haben, aber fürchten, dass sich diese in Zukunft nicht halten können, wenn die Kunden einfach nur Geld gegen Produkte tauschen. Also wollen diese Firmen Orte schaffen, die experimenteller und eine Erfahrung für sich sind, ähnlich wie jinja. Ich kann dabei helfen, einen solchen Ort für Kunden zu schaffen, wo mehr als nur Geld ausgetauscht wird. Es wird spannender, wenn ich etwas schaffen kann, bei dem Menschen das Gefühl haben, dass sie etwas Ursprüngliches fühlen oder ihre Empfindsamkeit in diesem Raum aktivieren können.

Was würdest du ihnen über Shinto beibringen, das wir alle lernen sollten?

Kurzgesagt geht es darum, zu seinen Wurzeln zurückzukehren. Es gibt ein Konzept namens honmono, was im Deutschen als ‘authentisch’ übersetzt wird, aber meines Wissens nach nicht ganz das Gleiche ist. Hon kommt von ki, also Baum. Honmono besteht aus zwei chinesischen Schriftzeichen und Ideogrammen, hon und mono. Die Ableitung des Wortes hon ist die Stelle, an der die Wurzeln eines Baum am dicksten sind, deshalb bedeutet hon Ursprung oder Quelle. Mono steht für die gesamte Energie aller Materie, sichtbar und unsichtbar. Es gibt viele Übersetzungen dafür, aber auf Japanisch steht shina für ‘Dinge’. Man könnte eine ganze Reihe von Büchern über die Bedeutung von mono schreiben, so viele unterschiedliche Bedeutungen gibt es. Aus diesen Bedeutungen der beiden Wörter leitet sich die Definition von honmono ab, was eine Entität ist, die diese Quelle beinhaltet oder zeigt. Das Gegenteil von honmono ist nisemono, also ‘künstlich’. Es besteht aus den beiden chinesischen Schriftzeichen für Mensch und nasu, was für ‘etwas bewusst tun’ steht. Das bedeutet, seine rationale Vernunft zu verwenden.

Wenn Menschen von nisemono sprechen, geht es um etwas, das jemand absichtlich getan hat. Das Gegenteil von Rationalität ist Empfindsamkeit. Die ursprüngliche Bedeutung von honmono war natürliche Vorsehung. Die Natur ist honmono weil sie ohne ein einziges künstliches Element erschaffen wurde. Das bedeutet auch, dass es in der Natur keine Vorwände gibt. In anderen Worten, es gibt nichts Künstliches in der Natur. Künstliche Elemente sind eine Funktion oder Aktion der Vernunft.

Menschen haben Verstand und Empfindsamkeit, aber die Natur kennt keine Vernunft. Und Empfindsamkeit ist direkt mit der Lebenskraft verbunden. Ich habe zwar als Shinto-Priester von Japan aus gearbeitet, aber diese Dinge – Empfindsamkeit und Vernunft – gehören nicht zu einer Kultur oder einem Umfeld, also kann ich sie überall vermitteln.

Masatsugu Okutani shinto raw studios Bert Spangemacher
Masatsugu Okutani

Wie kommt es, dass Japan und die japanische Kultur weiterhin unglaublich einflussreich und gleichzeitig immer noch mysteriös sind?

Ein Grund, weshalb die japanische Kultur Menschen aus dem Westen anzieht, ist, dass Japan geografisch das Ende der Seidenstraße darstellt. Viele Dinge kamen in Japan an und wir haben sie ‘japanisiert’. Vor allem während der Edo-Zeit haben wir das Land abgeschottet. Diese Zeit war quasi eine Zeit der Fermentation für Japan – etwas Neues akzeptieren, es auf das japanische Volk anpassen und es dann verwandelt wieder zum Leben erwecken.

Hat das etwas damit zu tun, weshalb Japan als der absolut beste Ort weltweit für die Herstellung von Brillen gilt?

Japan ist eine kleine Insel und zwischen Japan und Kontinentalchina liegt ein Meer, das sehr aggressiv ist. In gewisser Weise ist Japan ein bisschen wie Galapagos. Deshalb ist Subjektivität wichtiger als Objektivität.

Nehmen wir japanische Schwerter als Beispiel, die im Geschäft mit Antiquitäten die einzigen sind, die man zum Schneiden verwenden kann. Andere Schwerter aus westlichen Ländern oder China sind wegen ihrer saya, der Schwertscheide, wertvoll, weil sie mit Juwelen verziert ist. In Japan herrscht eine andere Logik. Die Japaner denken eher induktiv und die Europäer deduktiv.

Menschen mit einer deduktiven Denkweise sind sehr gut, was Strategien angeht, und sie sind an Theorie interessiert. Aber Menschen mit einer induktiven Denkweise sind sehr schlecht im Strategischen, dafür sehr gut bei Techniken, da sie sich viel mit Details auseinandersetzen.

Ist das einer der Gründe, weshalb du im Ausland lebst und dein Wissen über die japanische Kultur in einen fremden Kontext bringst?

Wenn Menschen über Diversität reden, zum Beispiel in Firmen, und dabei Länder oder Herkunft meinen, interessiert mich das nicht. Was mir wichtig ist, ist, Dynamiken zu schaffen, Zusammenarbeit zwischen induktiven und deduktiven Denkweisen. Sie haben gegenteilige Ansätze, aber wenn man zusammenarbeitet, entsteht eine dynamische Kraft.