Fotos Bert Spangemacher
Interview Justin Ross

Eloquent, bedacht und aufrichtig – diese drei Eigenschaften der Band Son Lux zieht ihre Fans in die sorgsam gezeichnete Welt von Ryan Lott, Ian Chang und Rafiq Bhatia. Als wir die Musiker von Son Lux treffen ist uns sofort klar, warum: Ryan hat eine ehrliche und authentische Stimme gepaart mit einer intelligenten und intuitiven Herangehensweise an Musik. Eine willkommene Abwechslung vom mechanischen und überproduzierten Rauschen der Popmusik. Ryans Sound klingt so vertraut, auf eine beruhigende, fast natürliche Weise, weil er sich einer Vielzahl von Tropen, Genres, Kompositionsstilen, changierend zwischen Klassik bis zeitgenössischer Elektromusik, bedient. Son Lux erforscht Kontraste und findet Inspiration in allem was uns umgibt.

Wir haben uns mit der Band im Rahmen ihrer Europa-Tour in Berlin getroffen, wo sie gerade ihr neues Album Bones bewerben. Die Jungs haben uns verraten, dass hier zu spielen etwas von nach Hause kommen für sie hat: Das allererste Mal, dass das Trio zusammen als Son Lux auftrat, war im Bi Nuu, der Ort an dem wir gerade sitzen um über ihre Tourerfahrungen, ihre einzigartige Herangehensweise an Musik als Kollaboration und ihr unvergleichliches Stilgefühl zu sprechen.

Ian
ic berlin! BLANCA F. Black
Ryan
ic berlin! GÜLICH Ü. Matt Gold
Rafiq
RAY-BAN RB4237 601/30

Justin: Wie fühlt es sich an, wieder in Berlin zu sein?

Ryan: Ziemlich cool. Ich freue mich auf heute Abend, unser erstes Konzert hier hat viel Spaß gemacht, aber ich denke, dass wir seit dem letzten Mal viel besser geworden sind und jetzt ist es eine andere Art Konzert. Es ist unser ganz eigener Auftritt.

Justin: Wie habt ihr euch kennen gelernt?

Ryan: Nun, ich habe Rafiq zuerst getroffen [in New York]. Wir haben einige gemeinsame Freunde, ein paar Musikerfreunde, und wir haben uns tatsächlich online kennen gelernt…

Rafiq: Auf Tinder [lacht.].
Er schrieb mir eine E-Mail, ob ich nicht ein Konzert mit ihm spielen wolle, und ich konnte nicht, aber ich hörte mir seine Musik an. Sie war absolut fantastisch und ich merkte sofort, dass sie ganz einzigartig konstruiert war und ich mich ihr sofort verbunden fühlte und das passiert wirklich selten.

Justin: Du hast dich selbst in ihr wiedergefunden.

Ryan: Ja, genau. Also, unglücklicherweise konnten wir dieses Konzert nicht zusammen spielen, aber ich bat ihn um eine Kollaboration auf Lanterns, unserem ersten Album, an dem ich zu der Zeit arbeitete. Kurz darauf machte ich die Musik zu einem Films namens The Disappearance of Eleanor Rigby und Rafiq hat auch dazu einen großen Teil beigetragen. Das lief aber alles über’s Internet. Wann haben wir uns persönlich kennen gelernt?

Ryan
RAY-BAN RB7073 5589

Rafiq: Erst nach einer ganzen Weile. Wir haben einmal auf Skype zwei Stunden nur gequatscht, ich habe die ganze Zeit blöde Witze erzählt. Das hat Spaß gemacht. Wir haben uns nicht in echt getroffen bis wir mit den Proben für diese Joe’s Pub-Auftritte [in New York] anfingen.

Ryan: Und irgendwann brauchte ich eine Band, um mit Lanterns auf Tour gehen zu können. Also, ich wusste sofort, dass ich mit Rafiq zusammenarbeiten wollte und dass er dabei helfen würde, das Ensemble zu füllen. Und dann hat er mit Ian zusammengearbeitet. Ian spielt und spielte in unzähligen Bands und hatte viele Videos von sich und ich schaute sie mir an. Was mich an Ians Art faszinierte, war, dass er wie ein Chamäleon ist. Er kann diesen total kranken, improvisierten Avantgarde-Jazz spielen und gleichzeitig auch richtig mechanistischen elektronischen Scheiß auf Drumpads und akustischem Schlagzeug. Und er kann gut mit Click spielen, das ist ein Mini-Metronom im Ohr, und man kann organisch zusammenspielen, weil man denselben Takt im Ohr hat, und das kann nicht jeder Musiker. Das war noch so eine Fähigkeit, von der ich wusste, dass wir sie gut gebrauchen konnten.

Sobald wir mit den Proben anfingen, hatte ich großes Vertrauen in diese Jungs. Mir selbst habe ich nicht so sehr vertraut, weil ich noch nicht viele Konzerte gespielt hatte. Aber wir haben ziemlich schnell vier Proben auf engstem Raum absolviert und dann hier [Bi Nuu in Berlin] vor vollem Haus gespielt.

Justin: Ihr habt gesagt, ihr habt viel online zusammengearbeitet, bevor ihr euch getroffen habt – jetzt, wo ihr so viel Zeit zusammen verbringt, hat sich eure Arbeitsweise verändert?

Ryan: Weißt du, wir arbeiten immer noch viel online. Viel von der Musik für Son Lux entsteht immer noch sehr privat, in sehr abgefahrenen Phasen persönlichen Experimentierens. Aber wir tauschen uns immer über unsere Ideen aus. Selbst gestern Nacht sind wir unsere Sprachnotizen auf unseren Handys durchgegangen und haben diese und jene Ideen wiedergefunden. Oh, schick mir das, sowas; und so sind wir uns immer der Möglichkit bewusst, dass jeden Moment eine großartige Idee entstehen könnte, und wenn wir zusammen sind, entstehen ziemlich viele gute Ideen.

Ian: Überraschend viele Ideen für gute Lieder sind beim Soundcheck entstanden, oder einer von uns spielt einfach etwas und ein anderer spielt dazu. Das macht immer viel Spaß.

Ian
BARTON PERREIRA TRUMAN Matte Stonehenge

Justin: Wie wirkt sich die Tour auf euren kreativen Prozess aus? Nehmt ihr etwas aus den Orten mit, an denen ihr spielt?

Ryan: Als Trio hat die Tour unseren kreativen Prozess erst angestoßen, denn ursprünglich war Son Lux mein persönliches Projekt und die Band entstand nur als meine Liveband. Aber dann stimmte die kreative Chemie zwischen uns einfach, während wir Tag ein, Tag aus zusammen waren, und diese Chemie gab mir einfach neues Leben und kreatives Leben. So verwandelte sich die Liveband von Son Lux in ein echtes Trio.

Justin: Der nächste Schritt also.

Ryan: Ja, und für mich, wenn ich darüber nachdenke, mit Son Lux Musik zu machen, dann geht es nicht nur darum, auf was für Ideen ich mit meinem eigenen Gehirn und in meiner eigenen kleinen Kammer komme, aber es schließt das auch nicht aus, was ziemlich cool ist. Es gibt diesen persönlichen, heiligen Raum immer noch, und das ist großartig zum Musik machen, er ist nur vergrößert.

Justin: Und geteilt. Wo befindet sich dieser heilige Raum für dich? Wohin gehst du, um dich auf die Produktion zu konzentrieren?

Ryan: Ich habe mein eigenes Studio in meinem Apartment in Brooklyn, und Rafiq hat jetzt sein eigenes Studio.

Rafiq: Ja, habe ich! Es ist super.

Rafiq
THOM BROWNE

Ryan: Dieser Mann [Ian] hat gerade mal ein eigenes Bett, denn er ist immer auf Tour, immer unterwegs. Für ihn ist der Raum wohl sein iPhone.

Ian: Ja, mein Telefon ist mein heiliger Raum.

Ryan: Ich meine, es ist so unglaublich, was man jetzt alles tun kann und dabei so wahnsinnig mobil bleibt. Ideen entstehen wirklich aus einem Telefon oder einer App, einer Beat-App, aus einer Sprachnotiz, mit der man eine gesummte Melodie aufgenommen hat.

Justin: Wie bereitet ihr euch auf einen Auftritt vor, habt ihr irgendwelche Rituale oder Routinen?

Rafiq: Uff, ja, weißt du, wir haben seit letztem Januar 200 Konzerte gespielt.

Ryan: 230 oder 240 Konzerte mittlerweile.

Rafiq: Mit einer vier Kilogramm schweren Gitarre auf der Schulter und ziemlich athletischen Bewegungen habe ich mit der Zeit meine Schulter echt ermüdet. Ich hatte so ein taubes Gefühl und ganz komische Sensationen in meinen Armen, also mache ich Dehnübungen für meinen Oberkörper, bevor wir spielen. Also auf der körperlichen Ebene ist das eins. Wir sind aber alle ziemlich entspannt und bevor wir auf die Bühne gehen, umarmen wir uns. Eine Gruppenumarmung, bevor wir rausgehen.

Justin: Das ist schön.

Rafiq: Weißt du, irgendwas daran ist besonders, es ist eine kleine Sache, aber irgendwie besonders. [Alle stimmen zu.] Einmal haben wir es nicht gemacht und es bei dem Konzert alle gemerkt.

Ryan: Das haben wir gemacht?

Rafiq: Ja, bei diesem einen Konzert.

Justin. Nie wieder! Erzählt mir mehr über euren Stil … was braucht ihr, damit ihr euch wohlfühlt?

Ian: Ich trage eine Brille, seitdem ich fünf bin, und als ich ein Jahr lang Kontaktlinsen ausprobierte, konnte ich mich nicht dafür begeistern… ich bin echt fast blind. Ich werde total müde, wenn ich mit meinen Augen nicht scharf stellen kann und es ist alles ziemlich dunkel, also sind Brillen für mich wirklich wichtig. In letzter Zeit trage ich immer ein Paar Stiefel. Ich glaube, ich trage diese Palladium-Stiefel schon ewig, vor allem auf Tour, ich packe immer nur wenig ein.

Rafiq
THOM BROWNE
Ryan
MOSCOT
Ian
RAY-BAN RB3532V 2500

Rafiq: Ja, wenig ist untertrieben, er lebt aus einem Koffer. Und da ist immer noch Platz drin. Es ist wie die Tasche bei Harry Potter.

Justin: Ihr trag alle eine Brille?

Ryan: Ich mag sie auf jeden Fall lieber als Kontaktlinsen.

Rafiq: Ich habe Kontaktlinsen noch nichtmal ausprobiert.

Ryan: Ich habe mal weiche Kontaktlinsen einen Tag lang ausprobiert und zwei an einem einzigen Tag kaputt gemacht, da meinten meine Eltern, dass wir uns das nicht leisten können, und ich war total verzweifelt. Also habe ich dann eine Brille bekommen und habe mein ganzes Leben lang ziemlich furchtbare Brillen getragen, bis ich meine Frau kennenlernte und sie mich dazu brachte, mir eine coole Brille zu kaufen und das ist jetzt die, die ich trage.

Justin: Was für coole Brillen?

Ryan: Die hier ist von Moscot und wirklich uralt. Ich habe die schon seit sieben Jahren! Ich brauche eine neue, aber weißt du, ich glaube, ich kaufe die hier einfach nochmal.

Justin: Das ist deine einzige, du hast keine Ersatzbrille?

Ryan: Ich habe noch eine Custom-Moscot, die ist durchsichtig und hat dann oben am Rand einen rotbraunen Farbverlauf, und dann ist sie noch in Schwarz getaucht, also sieht sie ziemlich einzigartig aus. Und meine Sonnenbrille ist auch von Moscot, aber die ist lemtosh.

Justin: Woher kommt der Name Son Lux?

Ryan: Ursprünglich wollte ich einen Namen für das Projekt, das ich gerade entwickelte. Ich habe nach Pop-Redewendungen gesucht, und auch nach abenteuerlicheren, experimentelleren Ideen, und wollte eine Fusion aus den Beiden schaffen. Ich mochte die Idee, nicht meinen eigenen Namen zu benutzen. Und mittlerweile bin ich besonders dankbar, dass ich das nicht getan habe, weil wir jetzt ein Trio sind. Mir gefiel die Idee, einen zweiteiligen Namen zu nehmen, weil es sich persönlicher anfühlt, so wie Vorname, Nachname. Ich habe mit einfachen und symmetrischen Worten herumgespielt, weil mir das grafisch wichtig war. Das Wort Lux, das ist Latein für Licht, ist ein besonderes Wort, es kommt aus einer toten Sprache und ist so abgeschlossen und bewegend und spezifisch. Und dann das Wort Son oder Sōn, im Englischen fühlt es sich so vertraut an, wie Sohn, wie bei Sohn und Tochter, und hat dieses sehr offene Gefühl. Son fühlt sich offen an und ironischerweise sogar irgendwie heller als das Wort Lux. Ich wollte symmetrische Worte, die von sich aus kontrastieren. Denn das ist es, was wir musikalisch immer schaffen wollen, spannende Kontraste finden, die sich trotzdem symmetrisch anfühlen.

Justin: Das ist spannend, denn als ich deinen Tumblr sah, löste er so ein Gefühl in mir aus, mit sich kontrastierenden Texturen und gleichen Formen. Und jetzt verstehe ich, warum man euch als intellektuellen Pop bezeichnet, das war eine tiefgründige Antwort, vielen Dank dafür!

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