INTERVIEW MIT SAFILOS KREATIVEDIREKTOR, NICOLA BONAVENTURA

Beim Stichwort Designer-Eyewear kommen uns sofort grandiose Modehäuser wie Fendi und Dior, aber auch Industriegrößen wie Carrera in den Sinn. Safilo ist vielleicht kein so bekannter Name, obwohl die Firma für viele ikonische Brillen dieser Marken verantwortlich ist. Auch für Polaroid, Swatch, Celine und ganz aktuell für Elie Saab produziert sie unter Lizenz die berühmten Designer Brillen.

Photography BERT SPANGEMACHER
Interview JUSTIN ROSS

Wir trafen uns im Anschluss an einer Safilo Pressekonferenz im Berliner Soho House, auf der die aktuellen Herbst/Winter-Modelle vorgestellt wurden, mit Safilos Kreativdirektor Nicola Bonaventura zum Gespräch.
Die neue Kollektion beweist, wie mühelos Eyewear mit Trends und Lifestyle-Entwicklungen Schritt hält – Kategorien wie Athleisure und Future Tech kommen aus dem aktuellen Modedesign. Nicola und sein Team arbeiten absolut am Puls der Zeit.  Als Industrie-Insider verriet er uns, wie diese Trends für die jeweiligen Marken umgesetzt werden und wie sein kreativer Design-Prozess abläuft.

Interview: 08/2016 mit Nicola Bonaventura

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Wie bist du Eyewear-Designer geworden?

Ich bin schon lange in dem Business. Mittlerweile mehr als fünfzehn Jahre. Ich habe meinen Abschluss an einer Design-Schule in Italien gemacht und bin dann als selbstständiger Grafikdesigner in der Modebranche tätig gewesen. Bald darauf wollte ich meine beiden großen Leidenschaften – Kunst und Produkt- bzw. Grafikdesign – miteinander verbinden und Brillendesign macht dies möglich. Man sucht künstlerische Inspiration und orientiert sich an der Mode, aber man muss auch ein Produkt fertigen, das aus festen Materialien hergestellt wird – man macht also auch Industriedesign.

Es ist eine Mischung aus ‚weichen‘ und ‚harten‘ Skills und das hat mir von Anfang an gefallen. Seitdem habe ich bei verschiedenen großen Gruppen mitgewirkt. Ich hatte die Gelegenheit, mit weltweit agierenden Marken wie Giorgi Armani und Hugo Boss zu arbeiten. Von Anfang an war ich immer im Lizenzsektor tätig, zum Beispiel für Dolce & Gabbana.  Meine Stärke war es, dass ich die DNA einer Marke in den Business-Bereich übersetzen konnte.

Was kannst du mir über Safilo sagen – was macht die Marke einzigartig und worauf können wir uns in Zukunft freuen?

Neben Talent muss man einiges mitbringen, um das Produkt zu designen, aber man braucht auch ein gutes Verhältnis zu den verschiedenen kreativen Abteilungen der Marken. Wir haben mehr als 25 Abteilungen, die meisten von ihnen arbeiten unter Lizenzen, aber wir führen auch vier eigene Marken. Bei uns gibt es also ganz verschiedene Firmenstrukturen. Für unsere Produkte ist das entscheidend. Ich selbst arbeite zur Zeit eng mit Fendi und Celine zusammen. Zudem haben wir gerade ein wichtiges Projekt mit dem Uhrenhersteller Swatch gestartet. Und ich arbeite auch an dem Atelier-Segment, das Elie Saab lanciert, unsere erste Haute Couture-Marke in dieser Kategorie. Dieses Projekt ist ein ganz neues Abenteuer, denn die hohen Standards des Hauses müssen in die Brillenkollektion übersetzt werden.

Wie sieht das Verhältnis mit Marken aus, die bereits eine starke Identität haben, und wie entwickelst du passende Designs?

Unser Ziel ist es, den Wert jeder einzelnen Marke zu schützen und ihr gerecht zu werden. Wir wollen uns mit jeder einzelnen Marke verbinden, sie quasi heiraten, in ihre Design-DNA und ihre Designsprache eintauchen und eng mit dem Kreativ-Team der Marke zusammenarbeiten. Diese Beziehungen sind uns am wichtigsten, daraus ergeben sich dann attraktive Partnerschaften und schließlich das Design. Natürlich kann immer etwas schiefgehen, Fehler können immer passieren, aber mit einer starken Beziehung kann man weitermachen und daraus lernen. Safilos Ansatz ist da meiner Meinung nach in dem System von großen Marken und Lizenzierungen einzigartig. Insbesondere in der Produktentwicklung sind wir für unsere Arbeitsweise bekannt und werden dafür geschätzt.

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Mir ist aufgefallen, wie Safilo die aktuellen Designs präsentiert: die Modelle werden über verschiedene Marken hinweg nach größeren Trends in der Mode und im Einzelhandel gruppiert, zum Beispiel Athleisure. Welche Trends behältst du im Auge?

Es gibt eine Art natürlicher Inspiration, die von unseren Designern und auch von mir selbst kommt. Wir reisen, wir surfen im Internet, wir haben unsere Fühler ausgestreckt und spüren, was passiert. Gleichzeitig haben wir auch ein Team, das Trends bei Konsumenten analysiert. Sie setzen sich mit uns in Verbindung und gleichen mit den Designern ab, was in zwei Jahren wirklich Trend bei den Kunden sein wird. Meistens fangen wir mit der Ästhetik an, na klar, aber dieses Team geht vom Kundenverhalten aus. Oft führt das gar nicht zu einer anderen Ästhetik, sondern dazu, dass diese Ästhetik stärker in Verbindung zu den Menschen steht und ihrer Weise, ihr Leben zu leben und Produkte zu kaufen, die sie lieben. Wir passen unsere instinktiven Impulse und Interessen an die Forschung an. Das Ergebnis ist dann das, was du gestern Abend gesehen hast.

Wir finden heraus, was die großen Tendenzen in den nächsten Jahren sein werden, dann designen wir und bilden daraus drei große Gruppen. Natürlich ist Athleisure ein Trend, sowieso alles, was mit technischen Geräten, funktionalen Elementen und leistungsstarken Materialien zu tun hat. Zuerst war es ein Trend aus Konsumentensicht, denn die Menschen fokussieren sich gerade auf ihr Wohlbefinden. Gleichzeitig verfolgte die Industrie die selben Ideen, übersetzte sie aus dem Sport in die Mode. Deswegen ist man häufig überrascht, wenn Marken wie Givechy und Dior viele Materialien aus ganz unterschiedlichen Quellen mischen.

Carrera ist auch so eine Marke, die wir besitzen und die eine 60 Jahre lange Geschichte im Sport hat. Carrera fing 1956 mit Produkten für Sportarten wie Golf und Ski an, danach für Radfahrer und dann kamen natürlich Sonnenbrillen. Wir hatten die Chance, diese Marke neu zu gestalten, sie mit den Trends in Sport und Lifestyle und ihrer urbanen, sportlichen Attitüde zu verbinden. Für mich ist das ein perfektes Paar. Wir bieten Produkte an, die zur Mode gehören, aber auch Lifestyle-Produkte und Produkte für den Massenmarkt – quasi wie Polaroid. Mit der selben Haltung gegenüber der Ästhetik bedienen wir verschiedene Preisgruppen und Technologien.

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Worin unterscheidet sich deiner Meinung nach Eyewear für Männer und Frauen?

Heutzutage ist das sehr interessant, weil es diese geschlechtslosen Ansätze gibt, ein Megatrend überhaupt. Das führt zu einer Vermischung, durch die im Endeffekt die Form, die Farbe oder das Material bei vielen Marken für alle passend sein können. Viele der Brillen von gestern Abend, ob Sonnenbrillen oder Korrekturbrillen, können sowohl von ihm als auch von ihr getragen werden. Und dann gibt es Marken wie Fendi oder Max Mara, die von Anfang an für Frauen konzipiert waren und deren Produkte zweifellos für Frauen gemacht werden. Aber wenn ich zehn Jahre zurückdenke, dann hat sich in dieser Zeit einiges an dem Vorgehen geändert.

Bis vor fünf oder sechs Jahren wurde ganz klar zwischen den beiden Kategorien unterschieden und wenige Produkte hatten diese Anpassungsfähigkeit für beide Geschlechter. Jetzt sind sie viel verbreiteter und für viele Marken haben sie sogar Priorität. Das spiegelt unsere Gesellschaft und unsere Lebensweise wider. Viele Länder behandeln Frauen gleichwertig, die Menschheit entwickelt sich weiter und unser Bild von Familie auch. Es geht hier wirklich um eine menschliche Veränderung und das zeigt sich eben auch in kleinen Dingen wie einem Produkt.

Dank Nicolas Einblicken in die Welt des Eyewear-Designs haben wir verstanden, dass Brillendesign kein Kinderspiel ist – es mag einfach aussehen, mit starken Farben, trendigen Technologien und Materialien Aufmerksamkeit zu erhaschen. Aber das Image einer weltberühmten Marke aufzugreifen und es mit viel Fingerspitzengefühl zu adaptieren und zu modernisieren, das ist ein unglaublich komplizierter Prozess. Einer, den Safilo und sein Kreativdirektor Nicola Bonaventura als unangefochtene Experten perfekt beherrschen.