Natasha Lyonne über ihre wilde Vergangenheit und strahlende Zukunft
Die New Yorker Schauspielerin über ihre Netflix-Serie, Superhelden und Sonnenbrillen

Interview & Foto von NADJA SAYEJ
Übersetzung MAIKE ORLIKOWSKI

Russian Doll ist eine dunkle Komödie im Serienformat auf Netflix, die süchtig macht. Die New Yorker Schauspielerin Natasha Lyonne spielt die Hauptrolle, in der sie wieder und wieder stirbt und ihre 36. Geburtstagsparty neu erlebt. Dieser bizarre Kreislauf führt Lyonnes Figur Nadia, die kein Blatt vor den Mund nimmt, zu einigen persönlichen Erkenntnissen, von ihren unverbindlichen Affären über ihre Familienbeziehungen bis zur Konfrontration mit ihren Abhängigkeiten. Nach dem Fotoshooting im Girls Club Spring Fling in New York City trafen wir den Star zum Gespräch über Stil, Sonnenbrillen und ihre Liebe zur Komödie der 1970er Jahre.

Was löst die positive Rezeption deiner neuen Netflix-Serie Russian Doll bei dir aus?
Natasha Lyonne: Ich bin berührt und begeistert davon, wie sie aufgenommen wird. Ich habe so lange so hart an ihr gearbeitet. Sie ist sehr persönlich. Ich liebe, dass die Leute so auf den Charakter reagieren, es ist ziemlich witzig. Sie basiert auf Eliott Goulds Darstellung von Philip Marlowe in Robert Altmans Der Tod kennt keine Wiederkehr. Das weibliche Gegenstück, das ich dazu finden konnte, war vielleicht Diane Lane in Ladies and Gentlemen, The Fabulous Stains. Mir hat schon immer die Frage gefallen: „Was ist Gender überhaupt?”, und auch „Warum sollte es meine Aufgabe sein, das für euch herauszufinden?” Aber meine Serienfigur kann auch auf eigene Faust jemanden abschleppen.

Dafür muss sie nicht einmal ihre Sonnenbrille abnehmen!
Sie macht ihr Ding, und so ist es halt.

Wie ist die Netflix-Serie entstanden?
Amy Poehler und ich haben eine auf meinem Leben basierende Serie namens Old Soul für NBC entwickelt. Als sie dann nicht produziert wurde, dachte ich über das Konzept einer immer wieder neu erlebbaren Party nach, bei der man jedes Mal eine andere Person mit nach Hause nimmt. Verstehst du? Sie mit nach Hause nehmen für die Nacht. Ich würde mich danach immer noch irgendwie leer fühlen. Ich käme immer noch nicht aus meiner Haut heraus. Diese Vorstellung, dass wir angesichts grenzenloser Auswahl verhungern, aber in unseren gebrochenen Egos gefangen sind, bis wir halbwegs herausfinden, was ein sinnvolles Leben bedeutet. Was bedeutet das alles?

Dein Charakter, Nadia, ist eine bindungsscheue Junggesellin, die Drogen nimmt, wild feiert und eine Anti-Haltung hat. Können sich Frauen heute so auf der Leinwand verhalten?
Es fühlt sich so an, als müssten Frauen immer aktiv etwas verbessern wollen oder nach dem einen Typen suchen, aber selten suchen sie nach ihrer eigenen Seele. Dieser Luxus bleibt im Film meist heterosexuellen weißen Männern vorbehalten. Sehr Jack Nicholson in Five Easy Pieces. Meiner Erfahrung nach bekommen wir als Frauen selten die Gelegenheit, so etwas auszuprobieren, aber universell gesprochen müssen wir alle mit uns selbst vorlieb nehmen.

Warum trägst du in der Serie immer Anzug und Sonnenbrille?
Es ist wichtig, eine Uniform zu haben. Nadias Stil ist die perfekte Kombination aus Marisa Tomei und Joe Pescis Rolle in Mein Vetter Winnie. Er ist meiner Meinung nach eine Mischung aus weiblichen und männlichen Looks. Ein geschlechtsloser Charakter, den ich als zutiefst weiblich und gleichzeitig zutiefst menschlich empfinde. Es geht bei ihr mehr um existenzielle Fragen und weniger um das Bedürfnis, sich niederzulassen. Die Suche nach „dem Richtigen” ist eine irrige Vorstellung, die die Gesellschaft aufgebaut hat.

Gibt es irgendwelche direkten Verbindungen zwischen deinem persönlichen Leben und deiner Rolle?
Die Serie ist stark autobiographisch. Sie ist auch stark fiktionalisiert. Das ist fast eine Superhelden-Version von mir, eine Person, die ich gerne wäre. Die Person, die mein Charakter am Ende der Serie ist, ähnelt meiner Persönlichkeit heute. Meine Rolle am Anfang der Serie ist meinem Selbst von vor 15 Jahren näher.

Was meinst du damit?
Es ist wie Richard Pryors autobiographischer Film Jo Jo Dancer – Dein Leben ruft. Dort geht es um seine Selbstanzündung nach seinem Freebase-Konsum, als er in einem Krankenhausbett sein Leben Revue passieren lässt. Es geht darum, dem Ende nahe zu sein und sich zu fragen: „Wenn ich noch eine Chance hätte, was würde ich anders machen?” Aber auch: „Was sind die Dinge, die mich überhaupt hier hin geführt haben?”

Was ist die Kernaussage der Serie?
Dass wir alle unser Bestes geben. Ich lese gerade Michelle Obamas Memoiren, in denen sie ihr Gefühl beschreibt, „nicht genug” zu sein. Es ist leicht, jemanden von außen zu betrachten und zu sagen: „Michelle Obama, du bist die ultimative Version von ‚genug’.” In der Realität ist es, wie wir wissen, ein universelles Gefühl. Es ist okay, sich gegenseitig zu unterstützen, statt sich in Fetzen zu reißen. Das ist der Kern von Russian Doll.