Lebensbereichernder Minimalismus

Interview TOMIO NAGAOKA
Fotograf ERIC LAIGNEL

In dem komplexen Kosmos der Brillen sind die schönsten Designs meist die einfachsten, nahtlos in unser Selbstbild integriert, um unser Wohlergehen genauso zu verbessern wie unser Stilgefühl. Die Grundlagen hochwertigen Designs sind universelle Eigenschaften. Von wem könnte man diese besser lernen als von einem der führenden Designbüros der Welt: Clodagh Designs. Die ausgezeichnete Designerin Clodagh hat die Welt, in der wir leben, von privaten Rückzugsorten bis hin zu prächtigen Luxushotels und Spas, neu definiert. Ihre wohlüberlegte Anwendung von innenausstatterischen Designprinzipien basiert auf einer Mischung aus ihrer eigenen Philosophie eines „Life-Enhancing Minimalism™” mit einer vielfältigen Spanne an Einflüssen, darunter Feng Shui und Farbtherapie.

Ihr innovativer Ansatz zur Innengestaltung kommt in einem mit Auszeichnungen prämierten Portfolio zur Geltung, dessen Arbeiten sich über mehr als 30 Länder verteilen. Seit ihren Anfängen wurde Clodagh von der Umwelt inspiriert und setzt sich für umweltbewusste Projekte auf der ganzen Welt ein. Heutzutage findet man Clodaghs Designs an ganz unterschiedlichen Orten, von Hotels mit Millionen von Quadratmetern, Wohnhäusern, internationalen Spas, Privatresidenzen, Restaurants, Ladengeschäften und Showrooms über Damenbekleidung und Kosmetikverpackungen, Branding, Möbel sogar bis hin zu Privatjets und Luxusjachten.

Aus ihren vielen Jahren Designerfahrung hat sie gelernt, dass es beim Design nicht in erster Linie um das Design, sondern darum geht, „Erfahrungen zu kreieren, die Menschen genießen können”. Clodagh geht Designen ganzheitlich an, mit dem höheren Ziel, durch ihre Interpretation von Räumen unser Wohlbefinden zu unterstützen und zu verstärken. Ihr drittes Buch namens Life-Enhancing Design handelt von dem Design für Wellness und wird im Laufe dieses Jahres erscheinen. Sie sprach mit 4SEE über ihren Werdegang als Designerin, ihre Designphilosopie und die Kraft zur Veränderung, die im Design lebenswerter Umgebungen liegt.

Was ist der Kern deiner Designphilosophie? Kannst du sie mit ein oder zwei Worten zusammenfassen, die nur zu dir passen?
Bereichender Minimalismus. Alles, was man braucht, aber nicht mehr als das. Aber alles, was man braucht, um sich glücklich und zufrieden zu fühlen. Denn ich glaube an Design für Wellness. Ich designe mit Wellness im Blick und achte darauf, dass ein Zuhause Menschen in ihrem Leben unterstützt. Ich mag universelle Designs – man entwirft für Babys und für Hundertjährige. Es ist ein Prozess für alle Lebensphasen.

Als Innendesignerin zeichnet dich aus, dass du sehr bestimmte Vorstellungen hast, was Materialien und Texturen angeht … woher kommt das?
Das ist genau mein Ding. Denn die Natur ist voller Texturen. Ich mag zwar auch glänzende und harte Objekte, aber man braucht das Gegengewicht, finde ich. In meinen Augen ist Design wie Komponieren. Es gibt ein Thema, das sich durch alles hindurchzieht, es gibt hohe Töne und tiefe Töne. Wenn alles gleich klingt, dann ist es langweilig. Deswegen sind Texturen so unglaublich wichtig für mich. Außerdem arbeite ich seit 1986 mit Feng Shui und Biogeometrie, Biophilie, Farbtherapie…. Ich wähle sorgfältig aus, wie ich diese Modalitäten in meine Arbeit einbringe, und arbeite dafür mit Experten zusammen. Das alles, damit Menschen sich wirklich wohl und sicher fühlen, wenn sie sich in einem meiner Räume aufhalten.

Also geht es beim Design nicht nur um Schönheit?
Beim Design dreht sich nichts um das Design. Design ist, Erfahrungen zu kreieren, die Freude schaffen.

Wie findest du Inspiration, wenn du ein Projekt mit einem Kunden diskutierst, der vielleicht gar nichts über Innendesign weiß?
Nun, der Kunde mag nichts von Innendesign verstehen, aber jeder ist eine Marke. Jeder Mensch ist eine Marke. Ich sage oft, dass man die gleichen Zutaten 50 verschiedenen Köchen geben kann und man am Ende 50 verschiedene Gerichte bekommt. Deshalb nutzen wir sehr häufig erst Worte, um eine Geschichte zu entwickeln, bevor wir Linien zu Papier bringen. Wir führen ein Interview mit dem Kunden und stellen sehr knackige Fragen. Dieses Interview ist extrem wichtig, weil es meiner Auffassung nach die persönliche Marke herausbildet. Design besteht zu großen Teilen aus Beobachtung, Psychologie und der Wahrnehmung, wie Menschen Räume durchqueren.

Deinen Ansatz kann man auf alle möglichen Sparten des Innendesigns anwenden…
Kann man, und wir führen jetzt auch Beratungen zu Gärten und Kunst durch. Ich sitze häufig in einem Café und beobachte einfach die Leute. Wir arbeiten gerade an einem großen Hotel mit Restaurant auf den Caymaninseln. Gestern ging das ganze Team gemeinsam aus, wir hatten einen Drink und sahen einfach zu, wie der Koch und das ganze Restaurant das machten, was unserer Ansicht nach unserer eigenen Arbeit am nähesten kam – wie sie das Essen in Szene setzten, bevor sie es servierten. Denn man muss auch immer daran denken, was hinter den Kulissen passiert. Es geht nicht nur um das Äußere. Auf gewisse Weise designen wir genauso von innen heraus wie von außen nach innen. Ich denke, dass viel Design in dem Business ausschließlich vom Äußeren her gedacht wird, aber wir arbeiten von innen nach außen.

Mir ist aufgefallen, dass die Arbeit vieler Innendesigner nach einigen Jahren überholt oder veraltet aussieht. Deine Arbeit scheint dagegen mit der Zeit noch zu reifen. Woher kommt das?
Ich glaube nicht an Trends, ich glaube an Bewegungen. Meine Bewegung war immer in Richtung Einfachheit, Komfort, Freude, wunderbare Kunst, wunderbares Essen… und ich bin außerdem stark von Japan beeinflusst. Selbst bevor ich zum ersten Mal dort war, haben die Leute gemeint, ich wäre von Japan beeinflusst gewesen. Vielleicht war ich in einem früheren Leben japanisch… Nehmen wir die wunderschönen Bauten in Japan, die verändern sich nicht, die sind einfach schön, und dabei bleibt es! Selbst solche von Architekten wie Tadao Ando, sie verändern sich nicht, sie sind einfach schön. Ständige Veränderung nützt nichts, man muss sich nur einfach in die richtige Richtung bewegen, Wenn Design ehrlich ist und wirklich auf Menschen und ihre Bedürfnisse ausgelegt ist, dann wird es ewig halten.

Du hast als Modedesignerin angefangen, als du noch eine Jugendliche in Irland warst, aber ab einem gewissen Punkt hast du deine Karriere vom Modedesign zum Innendesign verschoben. Wie ist es dazu gekommen, und warum?
Tja, im Grunde habe ich meinen Ehemann, mein Land und meine Karriere gewechselt. Ich war Modedesignerin – ich hatte eine bekannte Firma – aber ich hatte keine gute Ehe! [lacht] Ich traf einen anderen Mann, heiratete ihn, und wusste nicht so recht, was ich als Nächstes tun wollte. Ich gab meine Firma in Dublin auf, und mein Mann beschloss, einige Zeit in Spanien zu leben. Ich sprach damals noch kein Spanisch, also fragte ich ihn, ob ich mich nicht um das Haus kümmern könnte, das wir gekauft hatten. Ich könnte mich mit dem Architekten auseinandersetzen und dabei Spanisch lernen, während mein Mann sich um sein Geschäft kümmerte. Dabei merkte ich, als ich mit dem Architekten sprach, dass der nicht wirklich viel Ahnung davon hatte, wie Menschen leben – wo ein Esszimmer sein sollte im Verhältnis zur Küche, solche Sachen. Also übermalte ich seine Entwürfe immer wieder.
Das Haus war schon lange verlassen, und es war einfach sehr verstaubt und alt – ein wunderschönes altes Haus. Und an dem Tag der Abrissarbeiten … Das Haus hatte vier Meter hohe Fensterläden, die zum Platz davor ausgerichtet waren. Sie standen offen und es lag überall Staub. Die Sonne schien durchs Fenster auf den Staub und zeigte sich in einem Lichtstrahl. Ich schaute den Lichtstrahl an und auf einmal wusste ich: „Das ist es, was ich machen will, ich will Räume gestalten. Ich will Erfahrungen schaffen.” Als mein Mann an dem Abend nach Hause kam, sagte ich: „Daniel, ich habe entschieden, was ich machen will.” So fing es an.

Heutzutage bist du eine der gefeiertesten Innendesigner und die vielleicht beschäftigste weibliche Designerin. Du bist wahrscheinlich in viele Projekte eingebunden, aber worauf fokussierst du dich im Moment?
Nun, da gibt es wirklich viele [lacht]. Wir schließen gerade die Innenausstattung von 1800 Apartments in Jackson Park in Queens, New York City, ab. Wir arbeiten an einem sehr großen Gebäude in San Francisco, Miet- und Eigentumswohnungen – es ist unser sechstes Projekt mit dem selben Bauunternehmer. Unsere Arbeiten sind immer große Erfolge für ihn, die Leute stehen dafür Schlange. Ich habe einen Auftrag in Washington und wir arbeiten an einem sehr großen Erholungsort in Kaplankaya, Türkei. Die ganze Anlage ist etwa 24 Hektar groß. Wir arbeiten mit der Landschaft, insgesamt werden es 150 Hotelzimmer und ein riesiges Spa.
Außerdem arbeiten wir an neuen Lizenzen. Im Spätherbst wird eine Kollektion mit Wandbelägen erscheinen. Wir haben auch eine Wasserhahnkollektion, die gerade erschienen ist und die wir weiterentwickeln. Gerade erst im vergangenen Frühjahr haben wir eine Zusammenarbeit mit Restoration Hardware begonnen und setzen diese weiter fort. Meiner Meinung nach unterscheidet sich unser Design von anderen, weil wir uns so viel Wissen aneignen. Wir haben Recherchen zum gesunden Gehirn betrieben. Es gibt ein Institut zur Erforschung gesunder Gehirne in Wisconsin. Ich bin dort rausgefahren, habe mir Vorträge angehört und vor dem Dalai Lama präsentiert, was wirklich außergewönlich war… Und wir stellen uns die Frage: „Was macht Menschen glücklich?” Das ist die Frage, die uns wirklich antreibt. Das ist eine Frage, die ich Leuten immer stelle, wenn sie uns etwas im Studio zeigen – „Wird dich das glücklich machen?”
Als ich 2007 nach Tibet gereist bin, habe ich mir eine tolle neue Kamera gekauft und angefangen, selbst Fotos zu machen. Vor ungefähr fünf Jahren habe ich damit angefangen, sie zu verkaufen, und nun habe ich meine erste Ausstellung. Ich erkunde immer etwas Neues.

So habe ich dich die letzten 30 Jahre gesehen: immer ausprobierend, immer vorwärts mit Dingen, die die Leute noch nicht gesehen haben, etwas Neuem. Aber nicht trendig-neu.
Nicht trendig, nein. Bei meinen Kunden lasse ich nicht locker, bis ich das Gefühl habe, dass etwas genau richtig ist für das Wohlergehen und die Gesundheit und Freude der Menschen, die dort sein werden. Witzigerweise hat mir einer meiner Kunden letztens eine E-Mail geschickt, in der er schrieb: „Unerbittlich, Clodagh!” [lacht.]