Die neuen Vorreiter – Artist Profile 11

Guillaume Kashima

Interview JUSTIN ROSS
Fotografin CHARLOTTE KRAUSS

Guillaume Kashima ist ein französischer Illustrator, Designer und, auch wenn er sich selbst davor scheut, es zu sagen, definitiv ein Künstler. Eine Vielzahl von Einflüssen aus Hip-Hop, Street Art und Popkultur prägt seine gewitzte Herangehensweise an Pop Art für das digitale Zeitalter. Ich arbeitete mit Guillaume für eine Ausstellung im SomoS Art House in Berlin zusammen, als er dort 2016 im Rahmen des Pictoplasma Festivals für Illustratoren ausstellte, und hatte das Glück, damals einen seiner Drucke zu ergattern. Sein spezieller Standpunkt und sein einzigartiger Illustrationsstil haben in letzter Zeit viel Aufmerksamkeit erregt, was zu Aufträgen von großen Kunden wie Vodafone und Google geführt hat. Der beste Ort, um seine Arbeit zu sehen, ist der Ace & Tate-Laden in der Fasanenstraße in Berlin, wo man eines seiner exzentrischen, fast aliengleichen Wesen hinter einer Wand hervorlugen sieht. Oder man besucht seine Website, um eine ganze Reihe an Drucken, Animationen, Objekten und anderen Projekten zu betrachten.

Guillaume Kashima interview
Korrekturbrillen von YUN

Name Guillaume Kashima
Alter 40
Nationalität französisch
Techniken Zeichnung, Illustration, Keramik
lebt und arbeitet in Berlin
neues Werk Wandgemälde für eine Ace & Tate-Filiale
mehr unter guillaumekashima.com

Alright
Alright

War dir schon immer klar, dass du ein Künstler (oder Illustrator) bist?

Nein. Als ich jung war, wusste ich nicht, was es bedeutet, ein Künstler zu sein. Ich wurde von einer alleinerziehenden Mutter aufgezogen, deshalb war keine Zeit für Galerie- und Museumsbesuche übrig. Sie hat aber immer meine Kreativität gefördert. Ich habe schon viel gezeichnet und genäht. Ich würde sagen, ich hatte ein Bewusstsein für Schönheit. Mir war auch klar, dass jemand für diese Schönheit verantwortlich war. Das wurde mir mit etwa 12 Jahren klar, als Jean Paul Gaultier im Fernsehen zu seiner Kollektion interviewt wurde. Ich verstand die Verbindung zwischen einer Person und ihrer Arbeit. Ich war schüchtern und etwas unbeholfen als Kind, aber die Leute mochten meine Zeichnungen und dadurch konnte ich Fragmente meiner Persönlichkeit mit ihnen teilen. So konnte ich andere Menschen erreichen und wahrscheinlich war das einer der Gründe, die mich zum Grafikdesign gebracht haben.

Empfindest du die Kunstwelt eher als rücksichtslos und umkämpft oder als gemeinschaftlich und voller Unterstützung? Oder gibt es für dich Abstufungen zwischen diesen beiden Extremen?

Früher habe ich mich unter meinen Kollegen schlecht gefühlt, weil ich meine eigenen Unsicherheiten und meine Frustration projiziert habe. Ich fühlte mich verurteilt und bedeutungslos… bis vor gar nicht so langer Zeit, als ich meine Stimme gefunden habe. Das war absoluter Zufall. Aus dem Nichts. Aus dieser Perspektive betrachtet, habe ich verstanden, dass die meisten Menschen mit sich selbst beschäftigt sind. Es gibt keinen Wettkampf. Ich kann immer noch neidisch sein, wenn ich gerade keine Aufträge habe und jemand einen großen bekommt, aber bei dieser Angst geht es um mich, nicht um die anderen.

Guillaume Kashima
Guillaume Kashima

Was ist deiner Meinung nach dein bisher größter Erfolg?

Emojis und animierte Sticker, die ich für verschiedene Plattformen gemacht habe. Ich liebe die Vorstellung, dass Menschen meine Werke benutzen, um zu kommunizieren und Witze zu machen. Das ist großartig.

Muss Kunst immer bedeutungsvoll sein? Gibt es Raum für ästhetische Spielereien oder denkst du das Politische immer mit?

Früher habe ich mich zur Kunst gewendet, um aus unserer Welt schlau zu werden. Als Teenager, um zu verstehen, was schwul sein bedeutet. Vor gar nicht so langer Zeit, circa 2016, verfolgte ich in den Nachrichten die Proteste gegen homosexuelle Ehen in Frankreich, Black Lives Matter und später die Trump-Wahl, und wurde richtig paranoid. Um mich herum gab es immer eine beruhigende Stimme, aber sie kam nie aus „der Kunstwelt”. Dieses Jahr war die 9. Berlin Biennale und ich sagte einfach „Tschüß”. Ich mochte zeitgenössische Kunst noch nie so richtig, aber das Zynismus-Level war zu hoch. Wenn ich darüber nachdenke, scheint mir zeitgenössische Kunst sowieso nicht ein Schauplatz für politische Kommentare zu sein. Man muss schnell antworten und nur Musik oder Stand Up-Comedy können das. Beyoncé veröffentlichte „Formation” im Dezember 2016. Kendrick veröffentlichte „Damn” im April 2017. Und in dieser Zeit habe ich keine einzige Ausstellung gesehen, die Kommentare in dieser Art gemacht hat.

Ich persönliche bringe Politik in meine kommerziellen Arbeiten. Wenn ich für andere Bilder kreiere, bin ich besonders sorgsam, was Repräsentation angeht. Ich versuche, Raum für jeden zu schaffen … das klingt blöd, aber die meisten Bilder um uns herum zeigen weiße cissexuelle Menschen. Wir brauchen andere Stimmen und Gesichter. Ich glaube nicht, dass das Absicht ist. Die meisten Menschen, die die Entscheidungen bei der Entstehung dieser Bilder treffen, sehen so aus, und wenn man diesen Diskurs nicht an sie heranträgt, denken sie nicht daran.

Vermutlich wirke ich jetzt wie ein Moralapostel, aber wofür hat man denn sonst so eine Plattform?

Wie ist es, in Berlin zu arbeiten und zu leben?

Berlin ist die perfekte Homebase. Man kann noch mit wenig Geld gut auskommen. Wenn man ein neues Handwerk oder eine neue Technik lernen will, gibt es immer jemanden, den man fragen kann. Der Nachteil ist, dass ich hier überhaupt keine Inspiration finde. Die Stadt scheint festzustecken. Man spürt gar nicht, dass wir uns auf 2020 zubewegen. Es gibt kaum Vielfalt. Diese „Es gibt nur eine richtige Variante”-Stimmung ist manchmal erdrückend … aber es gibt auch interessante alternative Wege. Und ich kann nicht fassen, dass es nichtmal ein gutes Museum gibt, wie das Tate oder Pompidou. Ich meine … was zur Hölle?

Woran arbeitest du und wo kann man deine Arbeiten das nächste Mal sehen?

Im Moment lerne ich von meinen Studiokollegen, Keramik herzustellen. Es ist spannend, etwas Neues zu lernen. Wir haben viel Spaß. Wir haben eine Seite namens „Cassius Clay Clay”, auf der wir unsere Experimente und komischen Kram verkaufen. Schaut es euch an, kauft etwas.

Guillaume Kashima interview
Sonnenbrille von RTco

Wo siehst du dich und deine Kunst in zehn Jahren?

Das ist eine furchterregende Frage, denn wie Heidi sagt: „Eines Tages bist du noch dabei, am nächsten Tag bist du raus”. In Verbindung mit der Tatsache, dass ich kaum Ehrgeiz habe, kann das nur zu einem Desaster führen … aber wenn ich mir etwas für mich selbst wünschen könnte, dann, dass ich einfach glücklich damit bin, meine Technik zu perfektionieren, und davon leben kann. Ehrlich gesagt hatte ich immer viel Glück, Arbeit zu finden und Menschen zu treffen, die sie wertschätzen. Mehr als das brauche ich nicht.


Jezt wo ich darüber nachdenke, falls ein Mann daher kommt: Der Beifahrersitz ist noch frei.