4SEE OPINION – DESIGN ÜBER GRENZEN HINWEG

Meinung JILL YOE GRAVES
Fotograf BERT SPANGEMACHER
Illustration MATTHIEU DE SCHEPPER

Wie Design im 21. Jahrhundert traditionelle Disziplinen abschüttelt, um mit systemischen, holistischen Ansätzen wichtige globale Probleme anzupacken.

Im Laufe des letzten Jahrzehnts hat sich innerhalb der Design-Community eine Bewegung gebildet, die herausfinden will, was Design (mit einem großen D) innerhalb der komplexen Verwebungen der heutigen Gesellschaft wirklich bedeutet. Der Wert dieser Auffassung von und Sichtweise auf Design liegt darin, verstehen zu können, wie Designentscheidungen die Politiken persönlicher und sozialer Befreiung beeinflussen.

Ein großer Teil diesers Unterfangens ist, Design in einem sehr allgemeinen Sinn neu zu definieren. Design erfasst neue Felder wie Landwirtschaft, Bildung, Gesundheit, Energieversorgung, Transport und andere, die typischerweise nicht mit der Disziplin in Verbindung gebracht werden. Es betrachtet alte Probleme, ordnet sie neu ein und kreiert neue Herangehensweisen, um passender auf unsere menschlichen Bedürfnisse eingehen zu können. Aufgrund der Inklusion dieser Felder in der Designweiterentwicklung wird nach neuen Methoden,Theorien und Techniken verlangt, um aufkommende, komplexe Problemstellungen besser lösen zu können.

Die Neudefinition von Design stellt Designer vor die Aufgabe, Probleme mit kollaborativen Prozessen systemisch anzugehen. Design integriert die Benutzer als Ko-Produzenten, mit mehr Fokus auf Menschen statt auf Marktnachfrage. Es braucht Designer, die Dinge anders betrachten, und Design nicht mehr materiell denken, sondern verstehen, wie Design angewandt werden kann und wie es auf immaterielle und metaphysische Bereiche einwirkt.

Was heißt das also für uns und unsere Zukunft? Wo gibt es Beispiele für eine gelungene Umsetzung im „praktischen” Leben? Wo sind diese Beispiele für Modelle, wilde Denkansätze und Ideen, die die Grenzen des Möglichen verschieben?

Betrachten wir beispielsweise das Sustainable Dance Floor-Projekt. Wie viel Energie produziert eine Person während einer Nacht (oder Nächten) im Berghain? Natürlich hängt das vom Individuum ab, aber Studio Roosegaarde hat tatsächlich einen interaktiven Dancefloor in Rotterdam produziert, der Strom durch Tanzen erzeugt. Jedes Modul erzeugt bis zu 25 Watt, welche wiederum genutzt werden, um die Beleuchtung und das DJ-Pult zu versorgen. Aber es handelt sich nicht nur um eine aufgestülpte Ideologie, die Designlösung verbessert die Erfahrung an sich, indem sie Interaktion und Licht nutzt, um mehr Nutzerbeteiligung zu erreichen. Der eigens dafür gebaute Raum integriert das Konzept komplett in sein Design. Das einzigartige Club-Konzept beinhaltete mit Regenwasser gespeiste Toiletten, Bars mit möglichst wenig Abfall, recyceltes Material und sogar die Heizung wurde teilweise durch die Verstärker und andere Geräte der auftretenden Bands betrieben.

A girl on a sustainable dance floor
4SEE Opinion – Design Über Grenzen Hinweg // Photo by BERT SPANGEMACHER //
Art Collage by MATTHIEU DE SCHEPPER //
Dance floor photo by courtesy of Daan Roosegaarde // www.studioroosegaarde.net

The Plus Pool in New York Citys verschmutztem East River, das aus einer entspannten Diskussion unter Freunden entstand und dann zu einer hocherfolgreichen Kickstarter-Kampagne wurde, bringt Systemintegration auf ein ganz neues Level, indem es Erholung, öffentliche Infrastruktur und Umweltschutz in einem verbindet. Das Konzept sieht vor, ein 836qm großes Schwimmbecken aus vier Modulen in Form eines Plus-Zeichens zu erbauen. Der schwimmende Pool soll dann das Wasser reinigen während man planscht. Noch kämpft das Projekt mit der Stadt um Genehmigungen sowie um die finale Installation im Fluß, plant aber ein Filtriersystem mit Dreifach-Membran einzusetzen. Dieses soll Fremdkörper und Bakterien vom Pool fern und für Schwimmer sicher halten und dabei gleichzeitig noch die Wasserqualität im East River verbessern.

The Plus Pool in NYC
4SEE Opinion – Design Über Grenzen Hinweg // The Plus Pool in NYC // Rendering
By Family New York // Courtesy of Friends of + POOL
The Plus Pool in NYC
4SEE Opinion – Design Über Grenzen Hinweg // The Plus Pool in NYC // Rendering
By Family New York // Courtesy of Friends of + POOL

Die Anwendungen dieser neuen Methoden und Denkstrategien wie Sustainable Dance Floor oder Plus Pool nutzen Design-Wissen. Sie stützen sich dabei besonders auf spezielle Tools einer bestimmten Unterkategorie innerhalb von Design, lassen sich aber nicht von den Grenzen einer Kategorie einschränken, sondern verschmelzen das Know-How mit den entsprechenden Tools in ständiger Zusammenarbeit mit designfremden Experten zu neuen Konzepten.

Weil wir ständig von einer Welt bombardiert werden, die die „neusten Innovationen”, „Technologien der Zukunft”, „Disruptors” sucht, verlieren wir schnell die Einfachheit unserer Aufgabe aus dem Auge. Oft braucht es nur einen Blick zurück und einen Blick auf unsere Umgebung, um die Systeme und Strukturen, die die ganze Zeit da waren und unsere Existenz untermauern, zu erkennen. Und dann nutzt man diese Erkenntnisse und Beobachtungen, um strategisch zu denken und Probleme zu lösen.

Die Transformation von Design im 21. Jahrhundert verlangt nach mehr interdisziplinärer Zusammenarbeit. An der Wurzel dieser Notwendigkeit stehen die Disziplinen selbst, die alleine schlecht ausgestattet sind, um komplexe Probleme zu bearbeiten. Richard Buchanan sagt es in seinem Artikel Design Research and New Learning selbst am besten: „Wir besitzen viel Wissen, aber dieses Wissen ist in ein so großes Feld von Spezialisierungen fragmentiert, dass wir keine Verbindungen und Integrationen finden können, die Menschen entweder in ihrem Verlangen, die Welt zu verstehen und zu kennen, oder in ihrer Fähigkeit, informiert und verantwortungsvoll im praktischen Leben zu handeln, helfen.”

Die verworrene Natur der gegenwärtigen großen Herausforderungen fordert uns dazu auf, die Strukturen vergangener Design-Praktiken zu verlassen – um tiefgehendere Forschung zu betreiben, die das Wissen von dem Design sehr fremden Disziplinen braucht. Wenn Design dazu qualifiziert sein will, sich mit den Anliegen des 21. Jahrhunderts zu befassen, Anliegen, die konsistent komplex sind und manchmal sogar übel, dann ist es notwendig, dass das Fach nicht nur kurzfristig mit anderen Feldern zusammenarbeitet, sondern die Praxis unmissverständlich neu erfindet. Was ist sonst die Aufgabe einer Design-Disziplin, die die dringendste Design-Aufgabe des Tages nicht lösen kann?

Über die Autorin

Jill Yoe Graves ist Spezialistin für Digitale Strategien mit Fokus auf Design-Lösungen für Nachhaltigkeitsfragen. Zur Zeit ist sie Head of Global Design für Yara International, einem führenden Unternehmen für digitale Lösungen in der Landwirtschaft, die nicht nur den Bauern zu Gute kommen, sondern sich dabei gleichzeitig positiv auf Umweltschutz und das Langzeitziel, kommende Generationen zu ernähren, auswirken.