4SEE Opinion - Design Beyond Borders, The Plus Pool in NYC

4SEE OPINION – DESIGN ÜBER GRENZEN HINWEG

Meinung JILL YOE GRAVES
Fotograf BERT SPANGEMACHER
Illustration MATTHIEU DE SCHEPPER

Wie Design im 21. Jahrhundert traditionelle Disziplinen abschüttelt, um mit systemischen, holistischen Ansätzen wichtige globale Probleme anzupacken.

Im Laufe des letzten Jahrzehnts hat sich innerhalb der Design-Community eine Bewegung gebildet, die herausfinden will, was Design (mit einem großen D) innerhalb der komplexen Verwebungen der heutigen Gesellschaft wirklich bedeutet. Der Wert dieser Auffassung von und Sichtweise auf Design liegt darin, verstehen zu können, wie Designentscheidungen die Politiken persönlicher und sozialer Befreiung beeinflussen.

Ein großer Teil diesers Unterfangens ist, Design in einem sehr allgemeinen Sinn neu zu definieren. Design erfasst neue Felder wie Landwirtschaft, Bildung, Gesundheit, Energieversorgung, Transport und andere, die typischerweise nicht mit der Disziplin in Verbindung gebracht werden. Es betrachtet alte Probleme, ordnet sie neu ein und kreiert neue Herangehensweisen, um passender auf unsere menschlichen Bedürfnisse eingehen zu können. Aufgrund der Inklusion dieser Felder in der Designweiterentwicklung wird nach neuen Methoden,Theorien und Techniken verlangt, um aufkommende, komplexe Problemstellungen besser lösen zu können.

Die Neudefinition von Design stellt Designer vor die Aufgabe, Probleme mit kollaborativen Prozessen systemisch anzugehen. Design integriert die Benutzer als Ko-Produzenten, mit mehr Fokus auf Menschen statt auf Marktnachfrage. Es braucht Designer, die Dinge anders betrachten, und Design nicht mehr materiell denken, sondern verstehen, wie Design angewandt werden kann und wie es auf immaterielle und metaphysische Bereiche einwirkt.

Was heißt das also für uns und unsere Zukunft? Wo gibt es Beispiele für eine gelungene Umsetzung im „praktischen” Leben? Wo sind diese Beispiele für Modelle, wilde Denkansätze und Ideen, die die Grenzen des Möglichen verschieben?

Betrachten wir beispielsweise das Sustainable Dance Floor-Projekt. Wie viel Energie produziert eine Person während einer Nacht (oder Nächten) im Berghain? Natürlich hängt das vom Individuum ab, aber Studio Roosegaarde hat tatsächlich einen interaktiven Dancefloor in Rotterdam produziert, der Strom durch Tanzen erzeugt. Jedes Modul erzeugt bis zu 25 Watt, welche wiederum genutzt werden, um die Beleuchtung und das DJ-Pult zu versorgen. Aber es handelt sich nicht nur um eine aufgestülpte Ideologie, die Designlösung verbessert die Erfahrung an sich, indem sie Interaktion und Licht nutzt, um mehr Nutzerbeteiligung zu erreichen. Der eigens dafür gebaute Raum integriert das Konzept komplett in sein Design. Das einzigartige Club-Konzept beinhaltete mit Regenwasser gespeiste Toiletten, Bars mit möglichst wenig Abfall, recyceltes Material und sogar die Heizung wurde teilweise durch die Verstärker und andere Geräte der auftretenden Bands betrieben.

A girl on a sustainable dance floor
4SEE Opinion – Design Über Grenzen Hinweg // Photo by BERT SPANGEMACHER //
Art Collage by MATTHIEU DE SCHEPPER //
Dance floor photo by courtesy of Daan Roosegaarde // www.studioroosegaarde.net

The Plus Pool in New York Citys verschmutztem East River, das aus einer entspannten Diskussion unter Freunden entstand und dann zu einer hocherfolgreichen Kickstarter-Kampagne wurde, bringt Systemintegration auf ein ganz neues Level, indem es Erholung, öffentliche Infrastruktur und Umweltschutz in einem verbindet. Das Konzept sieht vor, ein 836qm großes Schwimmbecken aus vier Modulen in Form eines Plus-Zeichens zu erbauen. Der schwimmende Pool soll dann das Wasser reinigen während man planscht. Noch kämpft das Projekt mit der Stadt um Genehmigungen sowie um die finale Installation im Fluß, plant aber ein Filtriersystem mit Dreifach-Membran einzusetzen. Dieses soll Fremdkörper und Bakterien vom Pool fern und für Schwimmer sicher halten und dabei gleichzeitig noch die Wasserqualität im East River verbessern.

The Plus Pool in NYC
4SEE Opinion – Design Über Grenzen Hinweg // The Plus Pool in NYC // Rendering
By Family New York // Courtesy of Friends of + POOL
The Plus Pool in NYC
4SEE Opinion – Design Über Grenzen Hinweg // The Plus Pool in NYC // Rendering
By Family New York // Courtesy of Friends of + POOL

Die Anwendungen dieser neuen Methoden und Denkstrategien wie Sustainable Dance Floor oder Plus Pool nutzen Design-Wissen. Sie stützen sich dabei besonders auf spezielle Tools einer bestimmten Unterkategorie innerhalb von Design, lassen sich aber nicht von den Grenzen einer Kategorie einschränken, sondern verschmelzen das Know-How mit den entsprechenden Tools in ständiger Zusammenarbeit mit designfremden Experten zu neuen Konzepten.

Weil wir ständig von einer Welt bombardiert werden, die die „neusten Innovationen”, „Technologien der Zukunft”, „Disruptors” sucht, verlieren wir schnell die Einfachheit unserer Aufgabe aus dem Auge. Oft braucht es nur einen Blick zurück und einen Blick auf unsere Umgebung, um die Systeme und Strukturen, die die ganze Zeit da waren und unsere Existenz untermauern, zu erkennen. Und dann nutzt man diese Erkenntnisse und Beobachtungen, um strategisch zu denken und Probleme zu lösen.

Die Transformation von Design im 21. Jahrhundert verlangt nach mehr interdisziplinärer Zusammenarbeit. An der Wurzel dieser Notwendigkeit stehen die Disziplinen selbst, die alleine schlecht ausgestattet sind, um komplexe Probleme zu bearbeiten. Richard Buchanan sagt es in seinem Artikel Design Research and New Learning selbst am besten: „Wir besitzen viel Wissen, aber dieses Wissen ist in ein so großes Feld von Spezialisierungen fragmentiert, dass wir keine Verbindungen und Integrationen finden können, die Menschen entweder in ihrem Verlangen, die Welt zu verstehen und zu kennen, oder in ihrer Fähigkeit, informiert und verantwortungsvoll im praktischen Leben zu handeln, helfen.”

Die verworrene Natur der gegenwärtigen großen Herausforderungen fordert uns dazu auf, die Strukturen vergangener Design-Praktiken zu verlassen – um tiefgehendere Forschung zu betreiben, die das Wissen von dem Design sehr fremden Disziplinen braucht. Wenn Design dazu qualifiziert sein will, sich mit den Anliegen des 21. Jahrhunderts zu befassen, Anliegen, die konsistent komplex sind und manchmal sogar übel, dann ist es notwendig, dass das Fach nicht nur kurzfristig mit anderen Feldern zusammenarbeitet, sondern die Praxis unmissverständlich neu erfindet. Was ist sonst die Aufgabe einer Design-Disziplin, die die dringendste Design-Aufgabe des Tages nicht lösen kann?

Über die Autorin

Jill Yoe Graves ist Spezialistin für Digitale Strategien mit Fokus auf Design-Lösungen für Nachhaltigkeitsfragen. Zur Zeit ist sie Head of Global Design für Yara International, einem führenden Unternehmen für digitale Lösungen in der Landwirtschaft, die nicht nur den Bauern zu Gute kommen, sondern sich dabei gleichzeitig positiv auf Umweltschutz und das Langzeitziel, kommende Generationen zu ernähren, auswirken.

4SEE Opinion - Authentic Fashion Experiences // Photography Bert Spangemacher // Artwork Matthieu de Schepper

4SEE OPINION – AUTHENTISCHE MODE-ERFAHRUNGEN

Meinung DAPHNE MOHAJER VA PESARAN
Fotograf BERT SPANGEMACHER
Grafik MATTHIEU DE SCHEPPER

Dr.Daphne Mohajer va Pesaran ist Designerin und Dozentin für Modedesign an der renommierten RMIT University im australischen Melbourne. Ihre Forschungsinteressen sind untraditionelle Designmethoden, multispezifisches Worlding, Biotechnologie und Design, Materialidentität, Kommunitarismus, traditionelles Handwerk und ökologisches Design.

Viele Fragen müssen an Mode und Authentizität gestellt werden. In einer bildschirmbasierten Gesellschaft, in der Bilder unsere Selbstwahrnehmung bestimmen, ist es oft schwer, authentische Beziehungen – selbst zu Freunden – aufrecht zu erhalten. Authentische Mode-Erfahrungen sind noch schwerer zu finden. Während die Aspekte von Mode, die als unauthentisch gelten, einfach (und oft!) isoliert und kritisiert werden, müssen wir Wege finden, Authentizität in der Herstellung von Mode zu fördern. In diesem Fall kann Authentizität von Originalität, die im Markentumult des digitalen Bilder-Markts immer schwerer erreichbar wird, abgegrenzt werden.

Ein Grund dafür könnte sein, dass modernes Fashiondesign ein stark umkämpftes Spiel mit Referenzen ist. Zwischen den Spielern herrscht eine geradezu sportliche Übereinkunft darüber, dass Regeln zu Originalität ignoriert werden können und Produkte und Erfahrungen, die als authentisch gelten, höheren Wert erlangen. Aber was ist eine authentische Erfahrung in der Mode? Ist es die Materialität eines Produkts, die ihm Authentizität verleiht, oder ist es die Anerkennung einer bestimmten Marke oder eines Designers durch die Konstruktion bestimmter Bilder? Wie verkörpert oder enthält eine Marke oder ein Produkt Authentizität?

4SEE Opinion - Authentic Fashion Experiences // Photography Bert Spangemacher // Artwork Matthieu de Schepper
4SEE Opinion – Authentische Mode-Erfahrungen //
Photography Bert Spangemacher //
Artwork Matthieu de Schepper

Ich möchte anhand eines sehr speziellen Modephänomens über Authentizität und Mode nachdenken: japanische Papierkleidung. In Japan gibt es eine sehr alte und unbekannte Kultur des Tragens von Papierkleidung. Ich sage „unbekannt”, weil zwar viele ästhetische Traditionen Japans global beliebt sind, aber nur wenige Menschen Papierkleidung kennen. Das könnte daran liegen, dass dieses Phänomen komplett ausgestorben war, dann wiedererweckt wurde, und dann nochmal ausgestorben ist. Es konnte sich einfach nicht gegen funktionalere Neuerungen wie Baumwolle und Nylon durchsetzen. Historisch wurden japanisches Papier (washi) und Papierkleidung als Ersatzmaterial für Regenkleidung, Arbeitskleidung und sogar Möbel und Haushaltsartikel benutzt, um nur ein paar der vielseitigen Anwendungsgebiete zu nennen. Heutzutage wird es für Kleidung einmal pro Jahr in nur einem einzigen buddhistischen Tempel in Kyoto verwendet, in einer Zeremonie mit Feuer und Wasser.

Aber die breitere Anwendung, oder Anerkennung, von Washi befindet sich wieder einmal im Prozess der Wiederentdeckung. Der Ort, an dem dieser Leben-Tod-Leben-Zyklus stattfindet, ist eine Stadt viele Meilen nördlich von Tokio namens Shiroishi, die so berühmt für ihre Papierherstellung ist, dass selbst Issey Miyake sie in den 1980ern besuchte, um die Herstellung von Papierkleidung zu lernen. Aber heute gibt es nur einen einzigen Papiermacher in der Stadt: Abe hat Knollen aus den originalen Anbauflächen angepflanzt und stellt das Papier in der Garage hinter dem Spirituosengeschäft seiner Familie her. Aber macht er authentisches Shiroishi-Papier? Was macht sein Papier authentisch? Man könnte argumentieren, dass er Shiroishi-Papier macht, weil er es dort herstellt, und seine Materialien dafür aus der Gegend kommen. Sind Tradition und Standort die einzigen Zutaten für Authentizität? Die folgende Passage aus einem Artikel, den ich 2018 über Verortung und Mode geschrieben habe, beleuchtet das:

Massenproduzierte Mode ist ein besonders ortloses Unterfangen, bei dem die lokalen sozio-materiellen Kontingenzen der Produktion bewusst verschleiert werden, um die Markenidentität zu vermitteln. Das weltweite Fast Fashion-System, das aus Mengen von körperlosen Symbolen gebaut wurde, existiert als eine Flotte aus ortlosen schwebenden Inseln, die nirgendwo bestimmt verankert sind. Trotzdessen existiert ein System der materiellen Herstellung, das Materialien und Objekten Wert verleiht, der aufgrund der Verbindung zwischen Menschen und Landschaft nur in bestimmten Regionen erreicht werden kann – lokale Materialidiosynkrasien könnten ein Gefühl von Örtlichkeit in ihrem Ausdruck eines intimen, an einen bestimmten Ort gebundenen Austausches von Material vermitteln. Basierend auf der Möglichkeit des körperlichen Austausches von Material mit der Landschaft könnte eine Methode des Modedesigns bestärkt werden, die sich bewusst macht, dass ein regional spezifischer Sinn für den Standort – oder terroir – innerhalb eines Stoffes existiert, genau wie Lokalität in Wein oder Käse als Ausdruck von Jahreszeit, Region, Klima und Landschaft identifiziert werden kann.

4SEE Opinion - Authentic Fashion Experiences // Photography Bert Spangemacher // Artwork Matthieu de Schepper
4SEE Opinion – Authentische Mode-Erfahrungen //
Photography Bert Spangemacher //
Artwork Matthieu de Schepper

Ein Weg, Authentizität zu erlangen und auszudrücken, ist, transparent zu handeln. Wenn die Tradition einer Marke von ihren Anfängen an nachverfolgt und sichtbar gemacht wird – sei es in einer italienischen Kleinstadt, einem Feld in Japan, oder einem Kellerapartment in Harlem -, dann sind die Geschichten der Orte und Kulturen, aus denen sie stammen, greifbar. Transparenz ist außerdem bei Äußerungen dazu, wann, wie, wo und aus was ein Produkt hergestellt wird, unerlässlich, um die zentrale Frage herauszukitzeln, warum ein Produkt überhaupt gemacht werden sollte.

4SEE Opinion - Authentic Fashion Experiences // Photography Bert Spangemacher // Artwork Matthieu de Schepper
4SEE Opinion – Authentische Mode-Erfahrungen //
Photography Bert Spangemacher //
Artwork Matthieu de Schepper

Daphne Mohajer va Pesaran, PhD
Dozentin für Modedesign (Honours + Masters), RMIT University, Melbourne, Australien

Daphne is a fashion designer and researcher. She recently relocated to Melbourne after spending ten years at Tokyo’s Bunka Fashion School studying and teaching. Her PhD dissertation outlined a theoretical and conceptual framework for thinking through art and design proposals when species meet, and considered fashion design methods that might emerge at moments of ecological instability. While in Tokyo her design work was exhibited internationally; she also worked alongside Shoichi Aoki, the founder and editor of FRUiTS magazine, was a trend forecaster for Stylesight and WGSN, and contributed to A Magazine, MUSE Magazine, Dazed & Confused, FRUiTS, Tune, The Japan Times, and peer-reviewed academic journals. Working with Anika Kozlowski (Ryerson University, Toronto) she is probing and critiquing existing sustainability narratives in fashion, and exploring forms of dress and material culture that emerge during and after ecological crisis.

Eyes on the Future Mykita Eyewear

­AUGEN AUF DIE ZUKUNFT

Essay SHEPHERD LAUGHLIN

Photography BERT SPANGEMACHER
Grafik MATTHIEU DE SCHEPPER

Shepherd Lauglin ist ein New Yorker Autor, Marktforscher und Stratege, der sich auf Technologie, Kultur und Verbraucherperspektiven spezialisiert hat. Er hat als Trendprognostiker für J. Walter Thompson Intelligence und The Future Laboraty über Unterhaltungstechnologien auf der CES und SXSW berichtet.

Mittlerweile sollte es offensichtlich sein, dass es die Zukunft auf unsere Augen abgesehen hat. Lange Zeit waren „Brillen” nur ein Werkzeug, um Fehlsichtigkeit zu korrigieren, aber schon bald werden sie viel mehr als das sein – so wie ein „Telefon” heute nicht mehr nur ein Gerät ist, das uns ermöglicht, Gespräche über weite Distanzen zu führen, sondern eher wie ein Schweizer Taschenmesser multifunktional sowohl unsere Identität vermittelt als auch sofortigen Zugang zum Großteil des gesamten menschlichen Wissens verschafft. AR, also augmented reality, könnte bedeuten, dass Brillen ein ähnliches Fenster für Informationen bieten, mit bisher ungeahnten Möglichkeiten. Wir haben schon die Entstehung der technologischen Buchstabensuppe miterlebt – AR, VR, IoT (das „Internet der Dinge”), AI, Wearables und mehr. Niemand weiß so ganz genau, wie das alles zusammen arbeitet, oder was passiert, wenn es dazu kommen sollte. Welchen Einfluss könnte AR auf unser Leben in den nächsten zehn Jahren haben?

Schon lange bevor irgendjemand seiner Brille mit einem gequälten „Ok, Google” Leben einhauchte, hat Hollywood uns Versionen unserer Freunde und Nachbarn aus einer nahen Zukunft gezeigt, in der sie mit offenem Mund und implantierten, glasigen Augen durch digitale Gläser starren. Kein Franchise lässt die „Brillen aus der Hölle” so vorprogrammiert wirken wie die britische Fernsehserie Black Mirror, die das Thema regelmäßig in einer Parade aus Worst-Case-Szenarien aufgreift. Was passiert mit unseren Seelen – mal abgesehen von unseren Netzhäuten – wenn die Technologie uns Welten eröffnet, die so faszinierend und verführerisch sind, dass die Realität einfach nicht mithalten kann?

Zahlreiche AR-Brillen werden bald verfügbar sein, so etwa die HoloLens 2 von Microsoft und das erste Head-Mounted-Display von dem Startup Magic Leap. Die frühen Versionen werden wahrscheinlich klobig und teuer sein und es wird eine Weile dauern, bis die dafür angebotenen Inhalte die Möglichkeiten der neuen Geräte voll auskosten können. Also werden sie nicht direkt ein Erfolg werden.

Aber wenn AR zwangsläufig in die echte Welt ausbricht, dann werden merkwürdige neue Verhaltensweisen entstehen, genau wie bei der ersten AR-App, die zum Massenphänomen wurde (die Polizei erhielt eine Welle von Anzeigen wegen Hausfriedensbruchs, als Pokémon Go zahlreiche Menschen dazu brachte, in die Vorgärten ihrer Nachbarn zu strömen – schnapp sie dir alle!). Wenn Leute virtuelle Objekte bedienen, die nur sie selbst sehen können, dann sehen sie für den Rest von uns albern aus, wenn sie mit ihren Händen in der Luft wedeln. Das wird zuerst verwirrend sein, so wie die Menschen, die laut mit ihrem auf den ersten Blick unsichtbaren Bluetooth-Headset sprechen. Aber mit der Zeit werden wir uns daran gewöhnen.

AR wird sich überall dort verbreiten, wo unser Verhalten schon von Gamification geprägt ist, vor allem in gewerblichen Bereichen. Man nehme E-Commerce und Logistik. Heutzutage arbeiten Tausende „Picker” in Warenlagern, um Produkte zu verpacken, die wir faul bei Amazon bestellt haben. Der schnellste Weg, diese Arbeit zu erledigen, ist nicht immer offensichtlich, aber AR könnte eine neue Informationsebene über die echte Welt legen, um klarere Anweisungen zu bieten und damit die Effizienz zu verbessern. Tatsächlich könnte AR Schritt-für-Schritt-Schulungen in Echtzeit für zahlreiche Berufe und Hobbies in der realen Welt bieten – vom Fliegen eines Flugzeugs bis zur Herstellung einer Platine.

Irgendwann wird AR auch Videospiele revolutionieren. Dieser Prozess hat bereits begonnen. Betrachten wir Merge Cube, ein Kinderspielzeug, das eine simple Plastikbox mit Schichten digitaler Bilder kombiniert und durch ein Smartphone oder ein AR/VR-Headset betrachtet wird. Je nach dem, welche App man auswählt, kann der Würfel eine interaktive Abenteuergeschichte, ein Modell des Sonnensystems oder ein Puzzle sein. (Der sicherste Weg, damit eine Technologie innerhalb von 10 Jahren alltäglich wird, ist, sie heute Kindern in die Hand zu drücken.)

Aber das wirklich Spannende ist das Potenzial von AR in allen Arten von Storytelling. Die Vermischung von physischen und virtuellen Welten durch AR bedeutet, dass wir jeden Ort in eine neue Umgebung verwandeln können. Wir werden unsere Wände mit dichtem Blattwerk aus dem Dschungel oder dem Innenleben eines Raumschiffs neu tapezieren. Wenn wir AR mit Haptik kombinieren und Kleidung tragen, die uns die Berührung digitaler Charaktere fühlen lässt, werden wir noch näher an die sagenumwobenen Holodecks heran kommen, die Geeks schon seit Jahrzehnten herbei sehnen.

Das alles erinnert mich an eine in den aufregenden Tagen, als Facebook sein Oculust Rift, das die aktuelle VR-Welle losgetreten hatte, gerade erst an Endkunden versandt hatte, eilig zusammengetrommelte Konferenz im New Yorker New Museum. Janet Murray, ein alter Hase, was Vorhersagen angeht, und Autorin des Klassikers über digitales Storytelling Hamlet on the Holodeck aus den Neunzigern, prognostizierte, dass sich ein Hype-Kreislauf entwickeln würde. „Es ist sehr wichtig, nicht auf Leute zu hören, die es schon totsagen, nur weil sie kein Geld damit gemacht haben”, sagte sie. „Was wir jetzt beobachten, ist die Bildung einer Gemeinschaft aus Anwendern, und das wird sich halten.” Kunst treibt Dinge voran, auch dann, wenn sich die kurzlebige Aufmerksamkeit der Wirtschaft längst anderen Dingen zugewandt hat.

Und was auch immer diese Welle von Technologien sonst noch hervorbringt, sie wird sich definitiv nachhaltig auf Storytelling auswirken. In der Mode und im Design sind es Geschichten, die Objekte mit Bedeutung aufladen und so zum Leben erwecken – was ist also möglich, wenn man Dinge wirklich lebendig erscheinen lassen kann? Überlassen wir die Dystopien einen Moment lang den Drehbuchatuoren und malen uns aus, wie augmented reality ein Teil unserer eigenen Geschichten werden könnte.

Friederike-Tebbe

Stellen Sie sich vor, Sie sehen zum ersten Mal

Farben sind ohne Zweifel ein wesentlicher Teil unseres Schönheitsempfindens; wir alle haben tiefsitzende Farbvorlieben, die unsere Anziehung zu Dingen genauso beeinflussen wie unsere Gefühle. Für unsere neue 4SEE-Kolumne haben wir Friederike Tebbe, eine Expertin auf dem Feld der Farbenlehre und Farbberaterin für bekannte Architekturprojekte, nach ihrer Philosophie der Farbwahrnehmung unserer alltäglichen Welt gefragt.

Fotografie & Text Friederike Tebbe

„Es ist nicht wichtig, was wir beobachten. Sondern was wir sehen.”


Unsere Welt ist eine farbenfrohe Welt. Farben schaffen Ordnung, Klarheit und Orientierung. Fast jeder von uns hat eine Lieblingsfarbe und eine Farbe, die wir absolut nicht leiden können. Und trotzdem nehmen wir Farben nicht wirklich ernst, deshalb ist Farbe meistens der letzte Aspekt, der beim Designprozess beachtet wird. Wir äußern spontane und deutliche Vorlieben, Vorurteile und Bedenken. Und trotzdem wissen wir in der Regel nicht, woher oder warum wir sie haben; es ist mehr ein Fall für unser Bauchgefühl.


Ähnlich wie Gerüche und Geschmack beeinflussen Farben stark unsere Emotionen. Und trotzdem sind sie, da sie sich ständig verändern, schwer zu fassen. Genaue Beobachtung ist die wichtigste Voraussetzung, um ein sicheres Verständnis für Farben zu entwickeln. Aber wie funktioniert dieser Prozess – das Sehen, Erkennen, Verstehen und Beurteilen? Wie können wir uns inmitten des Farbenmeers, das uns jeden Tag umgibt, das so chaotisch und vielfältig scheint, durcheinander und verwirrend, anziehend und unbegreiflich, einen Überblick verschaffen? Wie können wir unser Bewusstsein für Farben verfeinern und unsere Fähigkeit, sie zu unterscheiden, pflegen?



Genau wie man Objekte anders betrachten kann, so kann man auch den Akt des Sehens betrachten. Selbstbeobachtung offenbart schnell, wie eingeschränkt das alltägliche Sehen ist. Sieht man breit oder lang? Schaut man nach vorne oder zurück? Sieht man besser im Stehen oder im Sitzen? Wie gut hört man, während man sieht?


Durch genaues Untersuchen und auf unsere Beobachtungen gestützt können wir viel über das Erleben von Farben und ihren Kontext lernen. Beobachten Sie, was Sie sehen, und wie Sie sehen und was Sie zu sehen glauben. Legen Sie eine Art „Album” aus Eindrücken und Einsichten an. Machen Sie Fotos, sammeln Sie Ausschnitte, nehmen Sie einen Pinsel zur Hand – oder, wenn dafür keine Zeit ist, sehen Sie sich einfach aufmerksam um. Versuchen Sie, die Dinge anzusehen, ohne Wertungen oder Bedeutungen an sie zu heften. Das ist schwieriger, als man zu Beginn vermutet, und benötigt eine gewisse Distanz. Aber wenn man es einmal geschafft hat, verändert es den eigenen Blick auf die Dinge. Also wechseln Sie ganz einfach Ihre Perspektive. Schauen Sie Ihre Umgebung von oben an, oder mit den Augen eines Außerirdischen. Stellen Sie sich vor, Sie sehen zum ersten Mal.

Friederike Tebbe ist eine Farbtheoretikerin und Designerin, die auch als Beraterin für Architektur- und Designprojekte arbeitet. Sie hat an der Universität der Künste (UdK) Berlin Seminare zu Farben und Design geleitet und hält regelmäßig Workshops und Vorträge zu dem Thema. Sie ist Autorin mehrerer Bücher über Fotografie und schreibt über Farben und Wahrnehmung in unserer Umgebung. Ihr neuestes Buch Grün Hören, Gelb Denken: Farbe verstehen ist 2017 bei Jovis erschienen.

Friederike Tebbe, Designerin, Fotografin, und Inhaberin des Studio Farbarchiv in Berlin

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