Yair Neuman Wires Courtesy of Wires

Bereit zum Durchstarten
Passend zu unserem Thema Geschwindigkeit werfen wir einen Blick auf die progressiven Disrupter und Innovatoren aus den Startup-Hauptstädten der Welt. Hier sind die Menschen hinter den großen Ideen, die die Zukunft verändern werden, die neue Lösungen für alte Probleme finden und uns dabei mit ihrem Unternehmergeist und ihrem Veränderungswillen inspirieren.

Interview JUSTIN ROSS

YAIR NEUMAN, WIRES
Neugierig Gewagt Reduziert | Draht neu gedacht, frischer Wind im Brillendesign

Firma: Wires
Position: Gründer und Designer
Alter: 34
Ort: London
Gründungsjahr: 2017
Website: Wiresglasses

„Innovativ sein heißt schnell sein, denn gute Ideen machen Schule.”

YAIR NEUMAN, WIRES
YAIR NEUMAN, WIRES

Was ist Wires Glasses?

Wires Glasses ist eine unabhängige Brillenmarke, die verändern will, wie Brillen gemacht und getragen werden. Die Brillen werden aus einem einzigen Stück Edelstahldraht mit einem schraubenlosen Gelenk, das mit verschiedenen Gläserfassungen kombinierbar ist, gefertigt. Dieser modulare Ansatz bedeutet, dass man seinen Look verändern kann, ohne gleich eine neue Brille kaufen zu müssen.

Warum hast du dein Unternehmen gegründet?
Die Idee für Wires kam mir, als ich eine Sonnenbrille für einen Urlaub brauchte und selbst eine mit Dingen aus meinem Studio herstellte. Das war mein erster Prototyp. Aber ich begeistere mich schon lange für Draht und die vielen Möglichkeiten, die er zum Kreieren und Formen bietet. Man denke nur an afrikanische Drahtkunst, vor allem in Zimbabwe, wo unsere erste Kollektion produziert wurde. In meinen Augen lebt Draht zwischen einer 2D- und einer 3D-Welt. Er kann eine flache Unterschrift oder Silhouette sein, aber auch eine komplexe, vielschichtige Struktur. Jedenfalls, an diesem Sommertag im Jahr 2016 erschien es mir einfach sinnvoll, ein Stück Draht mit Fassungen, die ich in meiner Werkstatt 3D-gedruckt hatte, auf meinem Kopf zu tragen! Daraus ist eine reduzierte Brillenmarke entstanden, die sich auf die Grundfunktionen einer Brille konzentriert.

Was ist an deiner Firma anders? 

Wir arbeiten daran, so wenig Material wie möglich bei Design und Produktion zu verwenden, und regen unsere Kunden dazu an, ihre Wires ihr Leben lang zu tragen. Wir möchten, dass unsere Kunden ihre Wires so behandeln und tragen wie eine Kette oder einen Ring.

Was hast du von der Gründung deiner Firma gelernt?
Am wichtigsten sind die Menschen, die dort arbeiten.

Was war die bisher größte Herausforderung? 

Den richtigen Kern meines Teams und risikobereite Produzenten zu finden.

Was hast du vorher gemacht?

Ich habe Lautsprecher aus Keramik in Stoke on Trent (englische Keramikstadt) gefertigt.

Wo findest du als Unternehmer Inspiration?

Bei Modeikonen wie Bowie oder Oskar Schlemmer natürlich. Zur Zeit beschäftige ich mich viel mit Strukturen und Mechanismen und hole sie hinter dem Vorhang hervor und schiebe sie hinein ins Rampenlicht, um ihre Schönheit zu zeigen.

Was bedeutet es, ein Start-Up zu sein?
Dass es sowohl beruhigend als auch belastend ist, wenn jemand glaubt, dass man es groß rausbringen wird.

Ist es wichtiger, zuerst da zu sein oder am schnellsten zu sein?

Das kommt darauf an. In einem umkämpften Markt wie bei Brillen mit sehr etablierten Marken heißt innovativ sein auch schnell sein, denn gute Ideen machen Schule. Aber für eine neue Marke kann das eine größere Herausforderung sein, denn Produktion und Vertrieb befinden sich noch im Aufbau und brauchen Zeit für Tests.

Welchen Rat kannst du Menschen geben, die aus ihrer guten Ideen ein eigenes Business machen möchten?

Versuche, dich nicht in deine eigene Kreation zu verlieben und wenn es passt, lasse andere die Führung übernehmen.

Wo siehst du dich in zehn Jahren?

In einem kleinen griechischen Dorf, wo ich an neuen Kollektionen arbeite, die Technologie und Mode noch stärker so verbinden, dass die Nutzer und die Umwelt davon profitieren.

Foto: mit freundlicher Genehmigung von Wires

Adrian Bianco Eyewear by BLACKFIN ESBJERG Bert Spangemacher

Bereit zum Durchstarten

Passend zu unserem Thema Geschwindigkeit werfen wir einen Blick auf die progressiven Disrupter und Innovatoren aus den Startup-Hauptstädten der Welt. Hier sind die Menschen hinter den großen Ideen, die die Zukunft verändern werden, die neue Lösungen für alte Probleme finden und uns dabei mit ihrem Unternehmergeist und ihrem Veränderungswillen inspirieren.

Interview JUSTIN ROSS
Fotograf BERT SPANGEMACHER

ADRIAN BIANCO, BIANCISSIMO
Jugendkultur rund um den Globus | Auf Entdeckungsreise in Tokios Subkulturen

Projekt: Biancissimo & Ruby Pseudo
Position: Ich mache viel zu viele Dinge
Alter: 32
Ort: weltweit
Gründungsjahr: 2016
Website: biancissimo

„Authentisch und ehrlich zu sein verschafft einem keine Profite und Freunde in der Branche, aber dafür gewinnt man Respekt und Vertrauen.”

Was ist deine Mission?
Ich habe dieses Projekt ins Leben gerufen, weil ich Subkulturen, kreative Köpfe, die treibenden Kräfte und jungen Stimmen, die nicht unbedingt berühmt oder bekannt sind, ans Licht bringen wollte. Außerdem sollen Leute das beste und authentischste Essen entdecken können und sie dazu bringen, einen Flug nach Japan zu buchen.

Was ist an deinem Projekt (oder dir) anders?
Es geht nicht um mich.

Was hast du von der Gründung deines Projekts gelernt?
Authentisch und ehrlich zu sein verschafft einem keine Profite und Freunde in der Branche, aber dafür gewinnt man den Respekt und das Vertrauen der Menschen.

Was war die bisher größte Herausforderung?
Bei mir und meiner Idee zu bleiben, meist unbezahlt, und dran zu bleiben, während ich mit meinen ganzen anderen Jobs Geld verdiene. Ich kann oft Nein zu Advertorials und bezahlten Inhalten sagen, weil ich die ganze Zeit an anderen Jobs und Projekten arbeite. Das ist nicht leicht, meine Energie ist begrenzt und ich verbringe selten einen Tag ohne Arbeit. Das ist das Leben, das ich mir ausgesucht habe.

Was hast du vorher gemacht?
Ich habe für Virtue/Vice im Kreativbereich und als Chefredakteur gearbeitet. Ich habe viel für Adidas Originals gemacht und ein wenig für Nike. Ich habe das ganze „Kreativ-Medienmensch in Berlin”-Ding durchgezogen. Kram, der gut klingt, wenn man abends in einer Bar davon erzählt, aber im Endeffekt ist es einfach Arbeit. Schön und notwendig.

Wo findest du als Unternehmer Inspiration?
Ich finde sie bei starken Frauen. Sie sind meine Inspiration. Ich bin nur unter Frauen aufgewachsen und für mich ist eine Frau alles. Sie ist der Boss, wer auch immer sie ist. Ich versuche auch, zu Manga- und Animehelden aufzuschauen. Sie vergessen nie, dass man auch über sich selbst lachen sollte, nehmen sich selbst nie zu ernst und sind trotzdem super stark. Das mag ich.

Was bedeutet es, ein Start-Up zu sein?
Arbeite viel, stecke da viel Zeit rein, sei frei, hab Angst vor Steuern, hab alle Freiheit, so lange zu schlafen wie du willst, und stehe trotzdem um sieben Uhr morgens auf.

Ist es wichtiger, zuerst da zu sein oder am schnellsten zu sein?
Sei einfach du. Das ist das Wichtigste.

Welchen Rat kannst du Menschen geben, die aus ihrer guten Ideen ein eigenes Business machen möchten?
Mach es einfach. Es hat so lange gedauert, bis ich endlich losgelegt habe, und ich hätte es schon viel früher tun können. Ich hatte zu viel Angst, aber man hat immer Angst davor, sein eigenes Ding zu machen. Also warte nicht.

Wo siehst du dich in zehn Jahren?
In meinem Büro in Tokio.

Leah Lange Junique Bert Spangemacher

Bereit zum Durchstarten
Passend zu unserem Thema Geschwindigkeit werfen wir einen Blick auf die progressiven Disrupter und Innovatoren aus den Startup-Hauptstädten der Welt. Hier sind die Menschen hinter den großen Ideen, die die Zukunft verändern werden, die neue Lösungen für alte Probleme finden und uns dabei mit ihrem Unternehmergeist und ihrem Veränderungswillen inspirieren.

Interview JUSTIN ROSS
Fotograf BERT SPANGEMACHER

LEA LANGE, JUNIQE
kreativ aufregend innovativ | Kunst für Kulturbegeisterte nur einen Klick entfernt

Firma: JUNIQE
Position: Co-Gründerin & Geschäftsführerin
Alter: 31
Ort: Berlin
Gründungsjahr: 2014
Website: juniqe

„Eine wirklich großartige Idee muss ein Problem lösen und etwas besser, schneller, günstiger oder effizienter machen.”

Was ist JUNIQE?
JUNIQE vereint sorgfältig kuratierte, aber dennoch bezahlbare Kunstposter, gerahmte Drucke und mehr von über 600 Künstlern. Das JUNIQE HQ ist in Berlin, aber wir haben Kunden aus über 13 Ländern in Europa. Seit unserer Gründung hat das Unternehmen mehr als 20 Millionen Euro (24 Millionen Dollar) in Investments erhalten und beschäftigt derzeit 100 Mitarbeiter.

Warum hast du dein Unternehmen gegründet?
Die Idee zu JUNIQE kam mir, als ich mein Haus einrichtete und Freunden beim Dekorieren ihrer Häuser half. Es gab viele Anlaufstellen, um schön designte Möbel in allen Preisklassen zu kaufen, aber es war unglaublich schwierig, etwas Tolles für die Wände zu finden. Das wollte ich ändern.

Was ist an deiner Firma anders?
Mit JUNIQE haben wir den Markt umstrukturiert – was wir jetzt anbieten, gab es vorher einfach nicht. Kunst war immer gleichbedeutend mit Bildender Kunst, und dieser Sektor wurde von einer Insidergruppe dominiert, die wusste, was überhaupt Kunst ist und welche Künstler man im Auge behalten musste. Das waren meist die Leute, die das Geld hatten, um echte Kunst zu kaufen, also war es eine sehr exklusive Runde. Am anderen Ende des Spektrums stand der massenproduzierte Wandschmuck. Dazwischen gab es nichts.

Was war die bisher größte Herausforderung?
Einer unserer bisher größten Herausforderungen mussten wir uns direkt am Anfang stellen. Wir versuchten, Geld aufzutreiben, ohne wirkliche Daten, Kunden oder sogar eine Website zu haben. Wir hatten nur unseren Businessplan und eine Präsentation. Man braucht viel Leidenschaft und Durchhaltevermögen, wenn man gerade erst anfängt, und man muss viele Player von der eigenen Idee überzeugen. Ob das Investoren, Personal oder Kreative sind, es ist unmöglich, sie zu begeistern, wenn man nicht selbst für seine Idee brennt.

Wo findest du als Unternehmerin Inspiration?
Für Inspiration für Startups lese ich regelmäßig First Round Review, einen Blog von Eight Roads. Inspiration in Bezug auf meine Branche finde ich bei Horizont, W&V und Business of Fashion for Marketing. Aber ich komme auch aus einer Unternehmerfamilie – sowohl mein Vater als auch mein Großvater leiteten eigene Firmen. Ich habe großen Respekt für die beiden und bin natürlich mit einer gewissen Offenheit für alles Unternehmerische aufgewachsen.

Ist es wichtiger, zuerst da zu sein oder am schnellsten zu sein?
Am schnellsten, denke ich. Deshalb können Startups ganze Branchen auf den Kopf stellen: Sie machen die Dinge besser, effizienter, und lösen Probleme – viel schneller als es irgendjemand sonst könnte.

Welchen Rat kannst du Menschen geben, die aus ihrer guten Ideen ein eigenes Business machen möchten?

Wenn ich nur einen Ratschlag zur Gründung eines Startups geben kann, dann ist es, sich auf das eine allerwichtigste Ding zu konzentrieren, das dein Business antreibt. Und das beinhaltet, dass man wenn nötig auch mal „Nein” sagt. Ein Unternehmen von Null an aufzubauen ist unglaublich herausfordernd. Wenn man anfängt, fühlt es sich an, als würde alles gleichzeitig passieren. Man muss sich auf das Unerwartete vorbereiten und improvisieren können.

Wo siehst du dich in zehn Jahren?
Gute Frage. Wahrscheinlich dort, wo ich jetzt bin: als Unternehmerin, die Probleme erkennt und löst.

Thomas-Wirthensohn Eyewear by JACQUES MARIE MAGE Lance Cheshire

HOMME LESS in the City

Interview CHRISTINE TOMAS
Fotograf LANCE CHESHIRE

Tagsüber geht Mark in einem Designer-Anzug, der ihn einfach umwerfend aussehen lässt, die Straßen New Yorks entlang. Für manche verkörpert Mark mit seinem Job in der Mode- und Filmbranche den amerikanischen Traum. Doch nachts wandelt dieser sich zum Albtraum: In Wahrheit ist Mark obdachlos.

I love vintage glasses, the first pair was a pair of black frames I found at a flea market in Vienna.

New York ist als die Stadt bekannt, die niemals schläft, mit einer Energie und einem Tempo mit dem kaum eine andere Stadt mithalten kann. Der Immobilienmarkt hingegen hält Schritt. Aber was passiert, wenn die Anforderungen der Stadt und die schwindelerregenden Lebenshaltungskosten zu viel werden? Wer wird zurück gelassen, und warum? Was braucht man, um in dieser Stadt Fuß zu fassen, und welchen sozialen Preis fordert das Business? Über 200 Stunden Material aus einem Zeitraum von mehr als drei Jahren schnitt Thomas Wirthensohn für sein Regie-Debüt HOMME LESS zusammen, ein Film, der die raue, filterlose Schönheit von NYC einfängt und zeigt, wie weit manche gehen müssen, um hier überleben zu können. 4SEE traf sich mit Thomas, dem Filmemacher mit bemerkenswert großem sozialen Gewissen, zum Interview, um mehr über die Inspiration hinter seinem preisgekrönten Film und seine Zukunftspläne zu erfahren.

Wie hast du Mark kennengelernt und wie hast du erfahren, dass er obdachlos war?
Wir haben uns in den späten 80er Jahren kennengelernt, als wir für die gleiche Modelagentur in Europa arbeiteten. 30 Jahre später liefen wir uns dann bei einer Fotoausstellung in NYC über den Weg. Er trug einen klassischen grauen Anzug und sah wie ein Filmstar aus. Nachdem wir einige Stunden in einer Bar verbracht und auch ein paar Drinks hatten, fragte ich ihn, wo er wohnte. Er offenbarte, dass er keine Wohnung hatte und stattdessen seit drei Jahren heimlich auf einem Dach schlief.

Der Großteil deiner Arbeit hatte vorher mit Werbung und Produktion zu tun. Was hat dich dazu inspiriert, eine Dokumentation zu drehen?
Dokumentarfilme und Werbung haben sehr unterschiedliche Arbeitsweisen. Es kann sehr inspirierend sein, im Team zu arbeiten und alles zu geben, um ein bestimmtes Produkt oder Ergebnis zu erzielen, aber ich verspürte den Wunsch, etwas ohne strikte Vorgaben und Grenzen zu machen. Mark faszinierte mich auf vielen Ebenen. Zuerst interessierte mich die Diskrepanz zwischen seiner Erscheinung und seinem Lebensstil. Obwohl seine Geschichte ziemlich einzigartig war, fragte ich mich, wie viele weitere Menschen es da draußen wohl gab, die am Rande der Gesellschaft balancierten, mit Müh und Not die Fassade eines gut situierten Bürgers aufrecht erhielten, aber gerade genug zum Überleben verdienten. Sein Leben schien sehr mutig und abenteuerlich, aber auch düster und bedrückend. Diese Konflikte beschäftigten mich und daraus entstand die Idee zum Film.

Eyewear by JACQUES MARIE MAGE
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Was war Marks erste Reaktion als du ihm eine Dokumentation vorgeschlagen hast?
Ich glaube, er war geschmeichelt, aber zu Beginn nicht sicher, ob ich es hinkriegen würde. Schließlich war es mein erster Film und ich hatte keine Ahnung von dem, was ich tat. Ich wusste nur, dass ich diesen Film machen musste, komme, was wolle, und ich glaube, diese Entschlossenheit hat ihn überzeugt. Eine Woche nach seiner Enthüllung begannen wir mit den Dreharbeiten, nur er und ich, die ganze Zeit. Kein Soundtyp, kein Assistent, kein Produzent. Guerrilla-Style.

Wie sah deine Vision für den Film im Großen und Ganzen aus?
Ich wollte nicht urteilen. Mein Ziel war es, sein Leben aus verschiedenen Perspektiven zu zeigen und ihn selbst erklären zu lassen. Anfangs versuchte ich sogar, ihm zu helfen, bis ich verstand, dass er sein abenteuerliches und einzigartiges Leben auf dem Dach sogar genoss und nicht offen für Veränderungen war. Es lag nicht in meinen Absichten, eine Lösung für eine bestimmte Situation zu finden; stattdessen ging es mehr darum, Fragen zu stellen, um einen Dialog zu entwickeln. Dieses Konzept ging auf – Leute sprachen darüber und wir hatten viele tolle Momente auf unserer Festivaltour. Medien weltweit berichteten über den Film. Wir waren sogar zu Gast bei The View, der Show von Whoopi Goldberg.
 
Mark hat diese Fassade über Jahre hinweg aufrecht erhalten. Nicht einmal seine Mutter oder sein Freund, auf dessen Dach er lebte, wussten über seine Situation Bescheid. Gab es während des Drehs jemals Momente, in denen du das Gefühl hattest, dass er nicht ganz ehrlich war?
Wahrheit ist meiner Auffassung nach etwas recht Subjektives. Wir beschreiben die Welt, wie wir sie aus unserer eigenen Perspektive sehen. Das bedeutet, dass andere nicht alles genauso sehen, und das müssen wir respektieren. Natürlich können wir uns auf Grundlagen einigen, etwa „Dieser Apfel ist rot”, aber während ich finde, dass er süß schmeckt, findet jemand anderes ihn vielleicht sauer. Ich habe mir nicht viele Gedanken darüber gemacht, ob er ‚lügen’ könnte, denn ich konnte sehen, dass seine Geschichte stimmte. Er schien es zu genießen, vor der Kamera über sein Leben zu sprechen. Er sagte sogar, dass es ihm dabei half, seine Gedanken zu sortieren, und dass es sich fast wie Therapie anfühlte. Meiner Meinung nach belog er vor allem sich selbst darüber, wie er in diese Situation geraten war. Wir haben alle unsere Probleme und Fehler und diese zu betrachten erfordert Mut. Es kann weh tun, tief in sich zu gehen und danach zu fragen, wer wir wirklich sind. Wenn man nicht bereit für diesen Weg ist, wird sich das eigene Leben immer im Kreis drehen und die immer gleichen Probleme mit sich bringen. Das ist jedenfalls meine Erfahrung.

Seid ihr noch in Kontakt?
Ja, aber wir sehen uns nicht oft.


Wenn du Drehbuchautor statt Dokumentarfilmer wärst, wie würdest du Marks Geschichte zu Ende schreiben?
Gute Frage. Würde ich für Hollywood schreiben, würde Mark eine Frau treffen, die ihn rettet, und dann fahren sie gemeinsam in den Sonnenuntergang und leben glücklich bis ans Ende aller Tage. (lacht) Ironischerweise wäre das fast so passiert, aber letztlich ging es nicht auf. Das Ding ist, dass die Geschichte nie wirklich zu Ende ist. Wenn ich einen Film schaue, in dem der Typ endlich das Mädchen kriegt, dann ist das das Ende des Films, aber im echten Leben geht es dann erst richtig los.

Du hast früher in Wien gelebt. Könnte es dort so eine Geschichte wie die von Mark geben?
Wien hat eine bessere Lebensqualität, wenn man Faktoren wie Kosten, Luftqualität, Krankenversicherung, Lebensstandard und so weiter beachtet. Marks Geschichte könnte auch in Wien passiert sein, weil er nicht nur von Umständen in seine Situation gezwungen wurde, sondern an einem bestimmten Punkt selbst eine Entscheidung getroffen hat. So schwer das auch gewesen sein mag, es verlieh ihm ein gewisses Gefühl von Unabhängigkeit und Freiheit. Wenn ich heute mit ihm spreche, sagt er, dass er das Dach vermisst.

Woran arbeitest du als Nächstes?
Zur Zeit arbeite ich an einigen Dokumentarfilmen. Einer setzt sich mit Gewissen, Wissenschaft und psychedelischen Substanzen auseinander. Ein anderer handelt von meiner Schwiegermutter, die im Harlem der 60er und 70er Jahre eine Ikone war. Und ich arbeite an einem Kurzfilm über eine PanAm-Stewardess aus eben dieser Zeit.  


Eyewear by JACQUES MARIE MAGE
Eyewear by JACQUES MARIE MAGE

Studio Innenraum Portraits: Fotografiert in den Bath House Studios, New York City,
Speziellen Dank an James Gingold

Studio Dachterassen Portraits: Fotografiert in den Go Studios Penthouse, New York City,
Spezieller Dank an Halley

Speziellen Dank an Roger Dong, G.E Projects, New York City

clodagh design

Lebensbereichernder Minimalismus

Interview TOMIO NAGAOKA
Fotograf ERIC LAIGNEL

In dem komplexen Kosmos der Brillen sind die schönsten Designs meist die einfachsten, nahtlos in unser Selbstbild integriert, um unser Wohlergehen genauso zu verbessern wie unser Stilgefühl. Die Grundlagen hochwertigen Designs sind universelle Eigenschaften. Von wem könnte man diese besser lernen als von einem der führenden Designbüros der Welt: Clodagh Designs. Die ausgezeichnete Designerin Clodagh hat die Welt, in der wir leben, von privaten Rückzugsorten bis hin zu prächtigen Luxushotels und Spas, neu definiert. Ihre wohlüberlegte Anwendung von innenausstatterischen Designprinzipien basiert auf einer Mischung aus ihrer eigenen Philosophie eines „Life-Enhancing Minimalism™” mit einer vielfältigen Spanne an Einflüssen, darunter Feng Shui und Farbtherapie.

Ihr innovativer Ansatz zur Innengestaltung kommt in einem mit Auszeichnungen prämierten Portfolio zur Geltung, dessen Arbeiten sich über mehr als 30 Länder verteilen. Seit ihren Anfängen wurde Clodagh von der Umwelt inspiriert und setzt sich für umweltbewusste Projekte auf der ganzen Welt ein. Heutzutage findet man Clodaghs Designs an ganz unterschiedlichen Orten, von Hotels mit Millionen von Quadratmetern, Wohnhäusern, internationalen Spas, Privatresidenzen, Restaurants, Ladengeschäften und Showrooms über Damenbekleidung und Kosmetikverpackungen, Branding, Möbel sogar bis hin zu Privatjets und Luxusjachten.

Aus ihren vielen Jahren Designerfahrung hat sie gelernt, dass es beim Design nicht in erster Linie um das Design, sondern darum geht, „Erfahrungen zu kreieren, die Menschen genießen können”. Clodagh geht Designen ganzheitlich an, mit dem höheren Ziel, durch ihre Interpretation von Räumen unser Wohlbefinden zu unterstützen und zu verstärken. Ihr drittes Buch namens Life-Enhancing Design handelt von dem Design für Wellness und wird im Laufe dieses Jahres erscheinen. Sie sprach mit 4SEE über ihren Werdegang als Designerin, ihre Designphilosopie und die Kraft zur Veränderung, die im Design lebenswerter Umgebungen liegt.

Was ist der Kern deiner Designphilosophie? Kannst du sie mit ein oder zwei Worten zusammenfassen, die nur zu dir passen?
Bereichender Minimalismus. Alles, was man braucht, aber nicht mehr als das. Aber alles, was man braucht, um sich glücklich und zufrieden zu fühlen. Denn ich glaube an Design für Wellness. Ich designe mit Wellness im Blick und achte darauf, dass ein Zuhause Menschen in ihrem Leben unterstützt. Ich mag universelle Designs – man entwirft für Babys und für Hundertjährige. Es ist ein Prozess für alle Lebensphasen.

Als Innendesignerin zeichnet dich aus, dass du sehr bestimmte Vorstellungen hast, was Materialien und Texturen angeht … woher kommt das?
Das ist genau mein Ding. Denn die Natur ist voller Texturen. Ich mag zwar auch glänzende und harte Objekte, aber man braucht das Gegengewicht, finde ich. In meinen Augen ist Design wie Komponieren. Es gibt ein Thema, das sich durch alles hindurchzieht, es gibt hohe Töne und tiefe Töne. Wenn alles gleich klingt, dann ist es langweilig. Deswegen sind Texturen so unglaublich wichtig für mich. Außerdem arbeite ich seit 1986 mit Feng Shui und Biogeometrie, Biophilie, Farbtherapie…. Ich wähle sorgfältig aus, wie ich diese Modalitäten in meine Arbeit einbringe, und arbeite dafür mit Experten zusammen. Das alles, damit Menschen sich wirklich wohl und sicher fühlen, wenn sie sich in einem meiner Räume aufhalten.

Also geht es beim Design nicht nur um Schönheit?
Beim Design dreht sich nichts um das Design. Design ist, Erfahrungen zu kreieren, die Freude schaffen.

Wie findest du Inspiration, wenn du ein Projekt mit einem Kunden diskutierst, der vielleicht gar nichts über Innendesign weiß?
Nun, der Kunde mag nichts von Innendesign verstehen, aber jeder ist eine Marke. Jeder Mensch ist eine Marke. Ich sage oft, dass man die gleichen Zutaten 50 verschiedenen Köchen geben kann und man am Ende 50 verschiedene Gerichte bekommt. Deshalb nutzen wir sehr häufig erst Worte, um eine Geschichte zu entwickeln, bevor wir Linien zu Papier bringen. Wir führen ein Interview mit dem Kunden und stellen sehr knackige Fragen. Dieses Interview ist extrem wichtig, weil es meiner Auffassung nach die persönliche Marke herausbildet. Design besteht zu großen Teilen aus Beobachtung, Psychologie und der Wahrnehmung, wie Menschen Räume durchqueren.

Deinen Ansatz kann man auf alle möglichen Sparten des Innendesigns anwenden…
Kann man, und wir führen jetzt auch Beratungen zu Gärten und Kunst durch. Ich sitze häufig in einem Café und beobachte einfach die Leute. Wir arbeiten gerade an einem großen Hotel mit Restaurant auf den Caymaninseln. Gestern ging das ganze Team gemeinsam aus, wir hatten einen Drink und sahen einfach zu, wie der Koch und das ganze Restaurant das machten, was unserer Ansicht nach unserer eigenen Arbeit am nähesten kam – wie sie das Essen in Szene setzten, bevor sie es servierten. Denn man muss auch immer daran denken, was hinter den Kulissen passiert. Es geht nicht nur um das Äußere. Auf gewisse Weise designen wir genauso von innen heraus wie von außen nach innen. Ich denke, dass viel Design in dem Business ausschließlich vom Äußeren her gedacht wird, aber wir arbeiten von innen nach außen.

Mir ist aufgefallen, dass die Arbeit vieler Innendesigner nach einigen Jahren überholt oder veraltet aussieht. Deine Arbeit scheint dagegen mit der Zeit noch zu reifen. Woher kommt das?
Ich glaube nicht an Trends, ich glaube an Bewegungen. Meine Bewegung war immer in Richtung Einfachheit, Komfort, Freude, wunderbare Kunst, wunderbares Essen… und ich bin außerdem stark von Japan beeinflusst. Selbst bevor ich zum ersten Mal dort war, haben die Leute gemeint, ich wäre von Japan beeinflusst gewesen. Vielleicht war ich in einem früheren Leben japanisch… Nehmen wir die wunderschönen Bauten in Japan, die verändern sich nicht, die sind einfach schön, und dabei bleibt es! Selbst solche von Architekten wie Tadao Ando, sie verändern sich nicht, sie sind einfach schön. Ständige Veränderung nützt nichts, man muss sich nur einfach in die richtige Richtung bewegen, Wenn Design ehrlich ist und wirklich auf Menschen und ihre Bedürfnisse ausgelegt ist, dann wird es ewig halten.

Du hast als Modedesignerin angefangen, als du noch eine Jugendliche in Irland warst, aber ab einem gewissen Punkt hast du deine Karriere vom Modedesign zum Innendesign verschoben. Wie ist es dazu gekommen, und warum?
Tja, im Grunde habe ich meinen Ehemann, mein Land und meine Karriere gewechselt. Ich war Modedesignerin – ich hatte eine bekannte Firma – aber ich hatte keine gute Ehe! [lacht] Ich traf einen anderen Mann, heiratete ihn, und wusste nicht so recht, was ich als Nächstes tun wollte. Ich gab meine Firma in Dublin auf, und mein Mann beschloss, einige Zeit in Spanien zu leben. Ich sprach damals noch kein Spanisch, also fragte ich ihn, ob ich mich nicht um das Haus kümmern könnte, das wir gekauft hatten. Ich könnte mich mit dem Architekten auseinandersetzen und dabei Spanisch lernen, während mein Mann sich um sein Geschäft kümmerte. Dabei merkte ich, als ich mit dem Architekten sprach, dass der nicht wirklich viel Ahnung davon hatte, wie Menschen leben – wo ein Esszimmer sein sollte im Verhältnis zur Küche, solche Sachen. Also übermalte ich seine Entwürfe immer wieder.
Das Haus war schon lange verlassen, und es war einfach sehr verstaubt und alt – ein wunderschönes altes Haus. Und an dem Tag der Abrissarbeiten … Das Haus hatte vier Meter hohe Fensterläden, die zum Platz davor ausgerichtet waren. Sie standen offen und es lag überall Staub. Die Sonne schien durchs Fenster auf den Staub und zeigte sich in einem Lichtstrahl. Ich schaute den Lichtstrahl an und auf einmal wusste ich: „Das ist es, was ich machen will, ich will Räume gestalten. Ich will Erfahrungen schaffen.” Als mein Mann an dem Abend nach Hause kam, sagte ich: „Daniel, ich habe entschieden, was ich machen will.” So fing es an.

Heutzutage bist du eine der gefeiertesten Innendesigner und die vielleicht beschäftigste weibliche Designerin. Du bist wahrscheinlich in viele Projekte eingebunden, aber worauf fokussierst du dich im Moment?
Nun, da gibt es wirklich viele [lacht]. Wir schließen gerade die Innenausstattung von 1800 Apartments in Jackson Park in Queens, New York City, ab. Wir arbeiten an einem sehr großen Gebäude in San Francisco, Miet- und Eigentumswohnungen – es ist unser sechstes Projekt mit dem selben Bauunternehmer. Unsere Arbeiten sind immer große Erfolge für ihn, die Leute stehen dafür Schlange. Ich habe einen Auftrag in Washington und wir arbeiten an einem sehr großen Erholungsort in Kaplankaya, Türkei. Die ganze Anlage ist etwa 24 Hektar groß. Wir arbeiten mit der Landschaft, insgesamt werden es 150 Hotelzimmer und ein riesiges Spa.
Außerdem arbeiten wir an neuen Lizenzen. Im Spätherbst wird eine Kollektion mit Wandbelägen erscheinen. Wir haben auch eine Wasserhahnkollektion, die gerade erschienen ist und die wir weiterentwickeln. Gerade erst im vergangenen Frühjahr haben wir eine Zusammenarbeit mit Restoration Hardware begonnen und setzen diese weiter fort. Meiner Meinung nach unterscheidet sich unser Design von anderen, weil wir uns so viel Wissen aneignen. Wir haben Recherchen zum gesunden Gehirn betrieben. Es gibt ein Institut zur Erforschung gesunder Gehirne in Wisconsin. Ich bin dort rausgefahren, habe mir Vorträge angehört und vor dem Dalai Lama präsentiert, was wirklich außergewönlich war… Und wir stellen uns die Frage: „Was macht Menschen glücklich?” Das ist die Frage, die uns wirklich antreibt. Das ist eine Frage, die ich Leuten immer stelle, wenn sie uns etwas im Studio zeigen – „Wird dich das glücklich machen?”
Als ich 2007 nach Tibet gereist bin, habe ich mir eine tolle neue Kamera gekauft und angefangen, selbst Fotos zu machen. Vor ungefähr fünf Jahren habe ich damit angefangen, sie zu verkaufen, und nun habe ich meine erste Ausstellung. Ich erkunde immer etwas Neues.

So habe ich dich die letzten 30 Jahre gesehen: immer ausprobierend, immer vorwärts mit Dingen, die die Leute noch nicht gesehen haben, etwas Neuem. Aber nicht trendig-neu.
Nicht trendig, nein. Bei meinen Kunden lasse ich nicht locker, bis ich das Gefühl habe, dass etwas genau richtig ist für das Wohlergehen und die Gesundheit und Freude der Menschen, die dort sein werden. Witzigerweise hat mir einer meiner Kunden letztens eine E-Mail geschickt, in der er schrieb: „Unerbittlich, Clodagh!” [lacht.]

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