Die neuen Vorreiter – Artist Profile: Sadie Weis

Interview JUSTIN ROSS

4SEE stellt junge Künstler der internationalen Szene vor, deren Arbeit vor allem ihr energetisches Talent und ihren schier grenzenlosen Ideenreichtum widerspiegelt. Besonderer Respekt gebührt aber ihrem ungeheuren Durchhaltevermögen angesichts der manchmal übermächtig erscheinenden Stolpersteine auf dem Weg zum Erfolg. Mit uns teilen sie ihre Probleme, lassen uns an ihrer Gefühllage teilhaben und erzählen von ihren Zukunftsplänen. Ihre Genialität und ihre aufrichtige Leidenschaft für ihre Kunst lassen uns auch ein zweites und drittes Mal die Werke dieser neuen Schwergewichte der kulturellen Epizentren, Berlin und New York, betrachten.

Name Sadie Weis
Nationalität amerikanisch
Techniken Multi-Media, Installation, Malerei, Skulptur, Polymonotype-Siebdruck, Video
lebt und arbeitet in Berlin
mehr unter www.sadieweis.com

American artist Sadie Weis in Berlin, wearing MICHAEL KORS eyewear, photographed by 4SEE
Sadie Weis in Berlin, wearing MICHAEL KORS 0MK1021
Jacket, Legging by Nico Sutor
Photography by ROBERT BEYER

War dir schon immer klar, dass du eine Künstlerin bist?

Auf gewisse Weise schon, ja. Schon in meiner Kindheit wollte ich in den Sommerferien lieber an Malkursen teilnehmen statt ins Schwimmbad zu gehen. Diese Tendenz nahm zu, je älter ich wurde. Ich machte auch viel am Theater und gestaltete das Bühnenbild, die Kostüme und das Make-Up. Meine Mutter hat mir mehr oder weniger verboten, an die Kunstschule zu gehen. „Damit kann man doch kein Geld verdienen, Sadie!” Also versuchte ich sie zu beschwichtigen, indem ich Journalismus studierte und heimlich einen zweiten Abschluss in Malerei und Kunstgeschichte machte. Als ich dann ein großzügiges Stipendium für eine Kunstschule bekam, entspannte sie sich etwas. Ich kann mir sowieso nicht vorstellen, irgendetwas anderes zu machen. Mein Gehirn funktioniert so einfach nicht.

Empfindest du die Kunstwelt eher als rücksichtslos und umkämpft oder als gemeinschaftlich und voller Unterstützung? Oder gibt es für dich Abstufungen zwischen diesen beiden Extremen?

Unter meinen Kollegen habe ich wirklich gute Unterstützung erfahren. Viele meiner Freunde machen Filme und Performances. Wir teilen unsere Fähigkeiten und realisieren gemeinsam wundervolle Projekte, auf diese Weise fühle ich mich sehr erfüllt. Aber ich habe alle Facetten der Kunstwelt gesehen. Ich hatte Erfolge und schlug danach wieder hart am Boden auf, was mich an mir selbst zweifeln ließ. Ich habe auch einige Erfahrung im Business-Bereich der Kunstwelt gesammelt, für PR-Kram, und viele Oberflächlichkeiten mitbekommen – manchmal kommt es nur darauf an, wen man kennt, mit wem man rumhängt, auf welche Schule man gegangen ist, und so weiter. Die wirkliche Essenz der Arbeiten geht dann darin unter. Aber auf der anderen Seite kann ich sagen, dass es noch viele ungeschliffene Diamanten gibt.

Sadie Weis, "Sci-Copia" Various crystalized plants and flowers of Potassium Dichromat, Copper Sulphate, Potassium Aluminium Sulphate, Ammonium Dihydrogen Phosphate, melted plastic, holographic glitter, silicon, 2017.
Sadie Weis, “Sci-Copia”
Various crystalized plants and flowers of Potassium Dichromat, Copper Sulphate, Potassium Aluminium Sulphate, Ammonium Dihydrogen Phosphate, melted plastic, holographic glitter, silicon, 2017.

Was ist deiner Meinung nach dein bisher größter Erfolg?

Aus künstlerischer Perspektive würde ich sagen, dass ich mit der Bildhauerei angefangen habe. Das hat meinen Blickwinkel nachhaltig verändert.

Ich hatte in einer merkwürdigen Nacht während einer Reise nach Österreich, wo ich Englischunterricht gab, quasi eine Offenbarung. Ich stand nachts an einem verlassenen Bahnhof irgendwo in der Pampa der Tschechischen Republik und fühlte mich wie in einer magischen Zwischenwelt. Ich fühlte mich alleine und verlassen und wusste nicht, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Daraus entwickelte sich das Bedürfnis, ein lebensgroßes Portal – als Ort für Reflektion und Veränderung – zu bauen, um diesem Gefühl etwas entgegenzusetzen. Weil ich vorher noch nie mit Skulptur gearbeitet hatte, musste ich mir alles selbst beibringen und so entstand alles aus Experimenten. Ich zeichnete das Portal auf, so wie ich es mir vorstellte, und legte dann los. Ein befreundeter Künstler schenkte mir eine Heißluftpistole. Ich fing an, Schätze und Geschichten, Gedichte, Geschenke von Freunden, Andenken, von denen ich mich nicht trennen konnte, zu sammeln, weggeworfene Artefakte aus ganz Berlin. Ich fügte sie zu Konstrukten zusammen und fing an, sie einzuschmelzen und neu zusammenzusetzen. Die Ergebnisse waren unerwartet schön, fast wie eine Allegorie. Das markierte den Punkt, ab dem ich mehr und mehr mit Installationen arbeitete.

Knapp auf dem zweiten Platz landet mein selbstorganisierter Transport einer ganzen Serie sehr fragiler Arbeiten. Ich fuhr die Werke mit einem riesigen Van von Berlin nach London, für eine Ausstellung, die witzigerweise „Wanderlust” hieß, in der Lacey Contemporary Gallery. Es war buchstäblich ein Rennen gegen die Zeit durch fünf Länder und über das Meer mit der Fähre, wobei den Arbeiten nichts zustoßen durfte (es ist nichts passiert!).

Muss Kunst immer bedeutungsvoll sein? Gibt es Raum für ästhetische Spielereien oder denkst du das Politische immer mit?

Ich halte mich in meinen Arbeiten eher zurück, was Regierungspolitik angeht, aber queere Politiken, die Politik von Beziehungen und historische Referenzen spielen für mich eine große Rolle. Zwar sind meine Werke wirklich sehr ästhetisch, aber in dem Sinne, dass sie innere Fragen widerspiegeln. Wie finden wir uns selbst in den ungreifbaren und ungeheuren Weiten des Universums? Wie flüchtig und bedeutungslos ist ein einzelnes menschliches Leben im großen Lauf der Dinge und wie trotzen wir diesem Wissen?

Sadie Weis, "Umbra" Car Air- conditioning filter crystalized with Ammonium Di-hydrogen Phosphate. Spray Paint, 2017.
Sadie Weis, “Umbra”
Car Air- conditioning filter crystalized with Ammonium Di-hydrogen Phosphate. Spray Paint, 2017.

Wenn nicht Politik, was ist dann deine größte Inspirationsquelle?

Ich sehe Kunst als spirituell und mystisch an, denn ich glaube daran, dass es die Stärke des eigenen Geistes ist, die uns Hürden überwinden und uns als Persönlichkeiten weiterentwickeln lässt. Meine Ideen finde ich bei Astronomie und Astrologie, dem Weltall und Zeitreisen, Fantasy, Chemie, Alchemie, Außerirdischen und dem Erkunden von mystischen und metaphysischen Gebieten.
Ich kann nicht verleugnen, dass man die Wissenschaft auch in der Natur erkennt, aber man sieht auch das Glitzern des Lebens und die Kraft der Astronomie und der Sterne … es gibt so viele abstrakte Konstrukte. Das schätze ich aber auch, denn so muss man alles für sich selbst interpretieren.

Meine Interpretation des Universums ist immer magisch und bezaubernd, aber paradoxerweise auch dystopisch und futuristisch. Meine kreative Philosophie stützt sich auf die spirituelle Erholung durch Reisen des Bewusstseins in Bezug auf die eigene Umgebung – so wie mentale Odysseen.

Wie ist es, in Berlin zu arbeiten und zu leben?

Ich kam aus einer Laune heraus nach Berlin, weil ich eine neue Ausdrucksweise suchte. Davor lebte ich in New York, und so sehr ich die Stadt auch liebte, hatte ich Schwierigkeiten, eine Balance zwischen dem Verdienen meines Lebensunterhalst und Raum für Wachstum zu finden.

Berlin ist wunderbar lebendig, und, wie viele Großstädte, voller verschiedener Kulturen und faszinierender Charaktere. Ich habe ein ganzes Netzwerk schöner Kreaturen, die mich inspirieren. Ich merke, dass ich hier im Stande bin, die Welt mit bunteren Perspektiven und Möglichkeiten zu sehen.

Berlin ist auch historisch spannend und geheimnisvoll. Mein Atelier liegt zum Beispiel in einer ehemaligen Kaserne in einem verlassenen Militärflughafen namens Johannistal. Das war der überhaupt zweite Flughafen, der weltweit gebaut wurde, und das Komische ist, dass nur wenige Menschen von seiner Existenz wissen, selbst Berliner. Da liegt ein ganzes Rollfeld brach voller baufälliger Hangars, in denen früher Zeppeline gebaut wurden. Ich gehe oft dorthin und erkunde und denke nach. Das ist eine große Inspiration für mich.

Neben einem Überfluss an ‘Raum’ bietet Berlin auch einen freieren Umgang mit Zeit. Bevor ich nach Berlin kam, habe ich hauptsächlich in 2-D gearbeitet, also gemalt und Siebdrucke gemacht. Ich erwähnte bereits, dass ich dieses innere Erwachen hatte und plötzlich realisierte, dass ich mehr mit skulpturalen Installationen arbeiten wollte, um die Wunderwelten aus meinem Kopf Wirklichkeit werden zu lassen. Hier habe ich auch meine Experimente mit Chemie und Kristallzucht begonnen. Mittlerweile habe ich ganze Gärten voll kristallisierter Flora. Das Universum scheint sich hier einfach immer zu vergrößern.

 

Wo siehst du dich und deine Kunst in zehn Jahren?

Das ist schwer zu sagen. Das Einzige, worauf ich wirklich hinarbeite, ist Evolution, künstlerisch und persönlich. Meine Werke werden immer größer, also werde ich mehr Platz brauchen! Ich kann mir gut vorstellen, mit meiner ganzen Familie aus Freunden, Kindern und Tieren irgendwo in der Natur quasi wie auf einem Bauernhof zusammenzuleben, wo wir uns alle gegenseitig unterstützen und Raum und Erfahrungen miteinander teilen, mit mehreren Studios, in denen wir interagieren und unsere Ideen vermischen können. Es wäre ein harmonischer Rückzugsort für uns. Außerdem gäbe es ein Labor für Experimente und Alchemie. Mein Plan für die Zukunft ist, das zu machen, was ich jetzt tue – kreieren, lernen, experiementieren und mit Kunst spirituell zu wachsen.