Die neuen Vorreiter – Artist Profile: MURRAY GAYLARD

Interview JUSTIN ROSS
Fotografin CHARLOTTE KRAUSS

Im kreativen Zentrum Berlins, Neukölln, arbeitet der Künstler Murray Gaylard mit südafrikanischen Wurzeln in seinem Studio in der Kindl Brauerei.
Murrays Arbeiten bewegen sich auf einem schmalen Grat zwischen Spiel und Ernst. Sein konzeptueller Ansatz bearbeitet persönliche und politische Themen in verschiedenen Medien mit einem Augenzwinkern. Es gelingt ihm, Aufrichtigkeit und Unbeschwertheit auszulösen, um auf dieser Ebene intime Empfindungen wie Ausgelassenheit, Selbstwert, Vereinsamung und Unsicherheit zu beleuchten.

Seine Werke sind bunt und fröhlich und manchmal sogar freiweg respektlos. Wie offene Geheimnisse, hingekritzelte Notizen und Selbstgeständnisse geben sie Informationen über ihn und seine Beobachtungen der Welt preis – die nicht ganz so dunklen Gedanken, die wir aus irgendeinem Grunde trotzdem meist für uns behalten.
Er kann gerade den Abschluss einer extrem erfolgreichen Einzelausstellung bei Philipp Pflug Contemporary, seiner Galerie in Frankfurt, feiern, und wir hatten die Gelegenheit, ihn in seinem Studio in Berlin zu treffen.

Name: Murray Gaylard
Alter: 44
Nationalität: Südafrika
Medium: verschiedene Medien
lebt in: Berlin
mehr unter: Murray Garland // Philipp Pflug Contemporary in Frankfurt

Murray trägt RETROSUPERFUTURE T2F, RETROSUPERFUTURE JJG, COBLENS AUTOPILOT

War dir schon immer klar, dass du ein Künstler bist?
Nein. Als ich noch ein Junge war, dachten alle, ich würde Schriftsteller werden. Ich habe Sprache schon immer geliebt. Aber das zeigt sich auch in meiner Arbeit als bildender Künstler. Ich habe Arbeitspsychologie studiert, weil es mir wie eine solide Karriere vorkam. Aber ich bin nicht für Büroarbeit gemacht. Ich könnte nicht für jemanden arbeiten, der mir sagt, was ich zu tun habe.

Du kommst ursprünglich aus Südafrika, hast dann in Frankfurt gelebt und gearbeitet und bist jetzt in Berlin. Was hat dich dazu gebracht, in Deutschland Kunst zu studieren?
Ich bin für einen Mann nach Frankfurt gezogen, den ich in Kapstadt am Strand kennengelernt habe. Er entpuppte sich als echter Dreckskerl, aber, naja, ich war schon hier, also blieb ich halt. Ich war verheiratet, als ich mich zum Kunststudium entschloss. Mein Ehemann und ich – offensichtlich nicht der Mistkerl – waren in unserer Beziehung etwas festgefahren, deshalb wollten wir gemeinsam etwas machen, das sich wie ein Projekt anfühlte. Also belegten wir einen Kurs namens „Malen für Unbegabte” an der Volkshochschule. Es war das erste Mal seit der Grundschule, dass ich einen Pinsel in der Hand hielt, und gefühlt habe ich ihn seitdem nicht mehr losgelassen. Meine Leidenschaft für die Kunst führte zum Ende meiner Ehe. Es gab nur Platz genug für eines! Ich belegte einen Kurs für Aquarelle mit einer Frau, die an der Städelschule studiert hatte, und sie schlug vor, mich doch dort zu bewerben. Also machte ich es. Und wurde angenommen. Was total verrückt war, denn bis dahin hatte ich mich nie als Künstler gesehen. Ich weiß, dass das jetzt nach Märchen und Einhörnern klingt, aber es hat sich wirklich wie Bestimmung angefühlt. Es hat sich einfach mühelos so ergeben.

Empfindest du die Kunstwelt eher als rücksichtslos und umkämpft oder als gemeinschaftlich und voller Unterstützung? Oder gibt es für dich Abstufungen zwischen diesen beiden Extremen?
Das ist eine schwierige Frage, denn offensichtlich unterstützen mich befreundete KünstlerInnen, und viele KuratorInnen, die ich kenne, sind großartige Menschen. Aber mein Studium an der Städelschule hat mir sehr deutlich gezeigt, dass es um Erfolg geht. Die Hochschule ist so klein, also weiß jeder, wer ausstellt und wer nicht. Es ist eine fantastische Institution, das stelle ich gar nicht in Frage. Aber die Studierenden waren größtenteils Idioten. Es gab viel Hinterhältigkeit und Leute, die vor dir über deine Arbeit schwärmen, aber hinter deinem Rücken lästern. Leider hat das dazu geführt, dass ich viel für mich geblieben bin. Ich habe sogar eine Arbeit über diesen Erfolgsdruck namens „Look Mom, I’m famous” gemacht, die sich jetzt in der Sammlung des MMK befindet. Darin habe ich Interviews mit berühmten KünstlerInnen aus Magazinen wie Frieze oder Flash Art genommen, die Antworten mit Tipp-Ex übermalt und sie mit meinen eigenen Antworten ersetzt – als ob ich der interviewte Künstler wäre.

Identität und Beobachtung sind zwei Grundpfeiler deiner Arbeiten. Beobachtest du dich selbst oder andere Menschen?
Ich denke, wenn man andere Menschen beobachtet, beobachtet man immer sich selbst. Man durchschaut seine eigenen Filter und so versteht man besser, wer man ist.

Muss Kunst immer bedeutungsvoll sein? Gibt es Raum für ästhetische Spielereien oder denkst du das Politische immer mit?
Meine Arbeiten haben immer Relevanz und sind extrem sozialkritisch. Ich wuchs als queerer, femininer, weißer Junge in einer Kleinstadt im von Apartheid geprägten Südafrika auf. Es wäre unmöglich für mich, in meinen Arbeiten nicht aktuelle soziale Themen zu behandeln. Ich fröhne aber ab und an meiner geheimen Leidenschaft, einfach etwas Schönes zu malen. Aber das behalte ich für mich. Mein bester Freund, Romano, muss immer lachen, wenn ich etwas Abstraktes anfange. Er denkt sich nur: „Nicht schon wieder!” Nein. Das letzte, was diese Welt braucht, ist noch ein hübsches Bild. Jemandes Wohnzimmer kann es vielleicht gebrauchen, aber nicht die Welt. Ich glaube, wenn ich müsste, könnte ich gut große, abstrakte Gemälde machen. Aber es wäre unverantwortlich, meine Zeit in etwas rein Ästhetisches zu investieren. Ich habe viel mehr Potenzial als das.

Was steht als Nächstes bei dir an, was ist dein aktuelles Projekt? Wo kann man deine Arbeiten sehen?
Zurzeit arbeite ich an einer Ausstellung, die am vierten Oktober im Gräflichen Park in Bad Driburg eröffnen wird. Ich habe eine sprechende Straßenlaterne, die Komplimente verteilt, wenn man unter ihr lang geht. Sie wird in dem Park installiert werden und dort in guter Gesellschaft mit Nachbarn wie Michael Sailsdorfer und Jeppe Hein sein. Ich werde auch eine Reihe von Collagen zeigen, worüber ich mich sehr freue. Als Annabelle Gräfin von Oeynhausen-Sierstorpff, die Organisatorin der Ausstellung, mich das erste Mal auf die Lampe ansprach, erwähnte sie, dass sie viele alte Radierungen hätte, für die es noch keinen Plan gäbe, und ob ich sie irgendwie nutzen könnte. Manche von ihnen sind über 300 Jahre alt. Es war eine unglaubliche Erfahrung, sie aus ihren alten Rahmen zu nehmen und sie zu bearbeiten. Ich habe diese alten, schwermütigen, biblischen und einschüchternden Drucke in Kommentare zu aktueller Kultur aufgemotzt. Ich kann es kaum erwarten, sie zu zeigen.

Wo siehst du dich und deine Kunst in zehn Jahren, hast du ein Traumprojekt?
Ganz ehrlich, wenn ich bis dahin keine Einzelausstellung in der Tate Modern hatte, werfe ich mir irgendwo an einem tropischen Strand LSD und ein paar Piña Coladas ein! Die Geduld eines Künstlers hat Grenzen!