Die neuen Vorreiter – Artist Profile: MARC VAN DER HOCHT

Interview JUSTIN ROSS
Fotografie CHARLOTTE KRAUSS

4SEE stellt junge Künstler der internationalen Szene vor, deren Arbeit vor allem ihr energetisches Talent und ihren schier grenzenlosen Ideenreichtum widerspiegelt. Besonderer Respekt gebührt aber ihrem ungeheuren Durchhaltevermögen angesichts der manchmal übermächtig erscheinenden Stolpersteine auf dem Weg zum Erfolg. Mit uns teilen sie ihre Probleme, lassen uns an ihrer Gefühllage teilhaben und erzählen von ihren Zukunftsplänen. Ihre Genialität und ihre aufrichtige Leidenschaft für ihre Kunst lassen uns auch ein zweites und drittes Mal die Werke dieser neuen Schwergewichte der kulturellen Epizentren, Berlin und New York, betrachten.

Alter 37, aber noch lange nicht erwachsen
Nationalität deutsch
Techniken Malerei, Collage, Objekte und Installationen
lebt und arbeitet in Berlin
mehr unter www.marcvonderhocht.de / und semjoncontemporary.com

Sonnenbrille von KBL LANCASTER
Sonnenbrille von KBL LANCASTER

War dir schon immer klar, dass du ein Künstler bist?

Als ich das FatCap Magazin – New York Issue, ein damals kaum zu bekommendes Graffitimagazin, in die Finger bekam, war es um mich geschehen. Damals war ich 15. Die Dynamik und die Schwünge der Styles auf riesigen Wänden und Zügen zogen mich sofort in ihren Bann. Seit diesem Tag war mir klar, dass ich mich mit gestalterischen Prozessen beschäftigen möchte.

Empfindest du die Kunstwelt eher als rücksichtslos und umkämpft oder als gemeinschaftlich und voller Unterstützung? Oder gibt es für dich Abstufungen zwischen diesen beiden Extremen?

Das ist wie in der Musikbranche. Die Spanne reicht von marktregierenden Major-Labels, die profitorientiert arbeiten und über Leichen gehen, bis hin zu kleinen, liebevoll geführten Independent-Labels, die talentierte Künstler unterstützen und der Sache ihr Herzblut widmen. Alle Aspekte zusammen verstrickt münden in einer riesigen Geldmaschinerie, die täglich mit neuen Sensationen und Rekorden aufwartet.
Ich, als kleines Rädchen in diesem System, hatte bislang das Glück, durch meine Arbeit spannende Orte und anregende Menschen kennen lernen zu dürfen. So reiste ich z.B. nach Shanghai, Rotterdam und jüngst nach New York und hatte stets eine unvergessliche Zeit.

Was ist deiner Meinung nach dein bisher größter Erfolg?

Auszeichnungen und Verkäufe sind natürlich sehr wichtig und motivationsfördernd, allerdings freue ich mich am meisten über spannende Ausstellungsmöglichkeiten. Die Chance, meine Arbeiten innerhalb eines Raumes zu inszenieren und einen Dialog der Arbeiten untereinander bzw. mit dem Raum zu ermöglichen, ist für mich besonders reizvoll. Vor diesem Hintergrund empfinde ich meine bislang größte Einzelausstellung Vitruv in der Werkstättengalerie der Deutschen Werkstätten Hellerau, die dort zu Beginn diesen Jahres zu sehen war, als besonderes Highlight.

Muss Kunst immer bedeutungsvoll sein? Gibt es Raum für ästhetische Spielereien oder denkst du das Politische immer mit?

Ein Kunstwerk sollte den Betrachter mit etwas Unbekanntem konfrontieren und ihn die Welt mit anderen Augen sehen lassen. Dies kann aber auch mit banal oder irrelevant erscheinenden Eingriffen geschehen. Die Auseinandersetzung mit solchen Phänomenen begünstigt es, uns selbst zu reflektieren und uns zu mündigen Menschen zu emanzipieren. Mündigkeit wiederum ist eine Voraussetzung für politisches Bestreben. Angesichts dieses Umstands hat auch z.B. geometrisch abstrakte Kunst eine politische Auswirkung. Es gibt schließlich keine Form oder Farbe ohne Inhalt. Selbst einfache Symbole wie ein Kreis sind bereits kulturell geprägt und mit Inhalt beladen.

Was ist deine größte Inspirationsquelle?

Die Welt ist voll von Rätseln, ich muss nur meine Augen offen halten und mich wie ein Kind wundern können, es gibt ständig Neues zu entdecken. So erkannte ich, dass mein städtischer Lebensraum mit all den tausend Dingen, die mich umgeben, von einem gemeinsamen Formenrepertoire durchdrungen ist. Das Formvokabular, welches die Grundlage für gestaltete Objekte bildet, zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Welt. So erkenne ich Analogien zwischen der Form des Feuerzeuges hier auf meinem Schreibtisch und der Gestaltung der gigantischen Wolkenkratzer in Pudong, Shanghai. Auch der Aufbau von Leiterplatinen hat viele Gemeinsamkeiten mit dem Straßenverlauf von Großstädten, wenn wir diese von einem Satelliten aus betrachten. Solche Phänomene, geprägt von Selbstähnlichkeit im Kleinen wie im Großen, werden als Fraktale bezeichnet. Hier setze ich mit meiner Arbeit an.

Wie ist es, in Berlin zu arbeiten und zu leben?

Als wir vor bald 8 Jahren nach Berlin kamen, war dies zunächst entgegen unserer Absichten. Berlin war einfach zu gehypt und jeder wollte hierher. Dieser Umstand allein war schon sehr abschreckend. Letztendlich landeten wir aufgrund der guten Infrastruktur für Kinderbetreuung, einem Studienplatz an der UDK, sowie der damals noch günstigen Wohnsituation zum Glück doch in Berlin. Es war definitiv die richtige Entscheidung. Ich kann mir keinen besseren Ort zum Leben und Arbeiten vorstellen. Der verhältnismäßig günstige Lebensunterhalt ermöglicht Arbeitsweisen, die nicht unmittelbar auf den Verkauf abzielen, so wie es in Städten wie London oder New York der Fall ist. Dort herrscht ein wesentlich höherer Druck, die künstlerische Arbeit in Geld umzumünzen.

Woran arbeitest du und wo kann man deine Arbeiten das nächste Mal sehen?

Ich hoffe, dass mit Erscheinen dieser Ausgabe meine neue Homepage mit umfangreichen Infos und Abbildungen zu meiner Arbeit fertig gestellt sein wird. Ansonsten arbeite ich gerade an den letzten Vorbereitungen für meine bevorstehenden Ausstellungen.

Wo siehst du dich und deine Kunst in zehn Jahren?

OMG!, in zehn Jahren gehe ich auf die 50 zu, daran möchte ich jetzt lieber nicht denken. Stattdessen versuche ich, mich auf die Gegenwart zu fokussieren und meinem Weg mit gesundem Tempo zu folgen. Achja, natürlich sehe ich dann blendend aus, bin topfit und ein Künstler von Weltrang.