Fotografie CHARLOTTE KRAUSS
Interview JUSTIN ROSS

The New Vanguard – Artist Profile: Christa Joo Hyun D’Angelo

Name: Christa Joo Hyun D’Angelo
Alter: 30 + 5
Nationalität: amerikanisch, koreanisch, italienisch
Techniken: Installation, Collage, Skulptur, Neon, Video
lebt und arbeitet in: Berlin
mehr unter:  christajdangelo.com

Eyewear by COBLENS KOTFLÜGEL
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War dir schon immer klar, dass du eine Künstlerin bist?
Meinen ersten Kunstunterricht hatte ich mit sechs Jahren und kann mir einfach nichts anderes vorstellen, weil ich ein Ventil für meine Kreativität und all die verrückten Gedanken, die in meinem Kopf rasen, brauche. Kunst war etwas, für das sich jeden Tag das Aufwachen gelohnt hat und an dem ich nie die Lust verloren habe, also kann ich mir natürlich nicht vorstellen, meine künstlerische Methode, Herangehensweise und Idee und wie ich mich als Person definiere einfach abzulegen.

Empfindest du die Kunstwelt eher als rücksichtslos und umkämpft oder als gemeinschaftlich und voller Unterstützung? Oder gibt es für dich Abstufungen zwischen diesen beiden Extremen?
Die Kunstwelt ist ganz anders, als ich sie mir ausgemalt habe, aber sie ist schlussendlich ein Geschäft und dadurch gibt es keine festen Regeln und keine klar definierten Grenzen. Aber die Kunstwelt ist, wie jedes andere Feld auch, eine Blase und in dieser Blase gibt es viele soziale Gruppen und Hierarchien. Es ist so wie auf der High School zu sein, so viele Cliquen, so viele Gerüchte, Wettbewerbe, Inspirationen, Liebhaber, Feinde und viele Leute, die miteinander schlafen, mit allen Vor- und Nachteilen. Aber man findet immer neue Freunde und es gibt immer etwas zu entdecken. Meiner Ansicht nach gibt es viel Unterstützung in den einzelnen Communities und das ist für jeden eine bestärkende und wichtige Erfahrung – Teil einer Gruppe zu sein, in der man frei seine Ideen austauscht, transparent sein kann und feste, langlebige Freundschaften aufbaut.

Eyewear by MIU MIU SMU05T
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Was ist deiner Meinung nach dein bisher größter Erfolg?
Dass ich 35 Jahre finanzielle Turbulenzen überlebt und Arbeiten geschaffen habe, die Menschen berühren.

Muss Kunst immer bedeutungsvoll sein? Gibt es Raum für ästhetische Spielereien oder denkst du das Politische immer mit?
Meine Arbeit zieht ihre Bedeutung aus meinem Leben und meinen Erfahrungen. So funktioniert mein Denken und Arbeiten als Künstlerin. Historisch haben Männer, vor allem weiße Männer, schon sehr lange Frauen und andere Minderheiten in ihren Arbeiten als Motiv dargestellt, aber ich persönlich fange bei dem an, was ich kenne und von dem ich weiß, dass es meiner eigenen Perspektive und Erfahrung als nicht weiße, nicht total heterosexuelle Frau Mitte 30 aus einer Arbeiterfamilie entspricht. Trotzdem will ich, dass Menschen mit allen möglichen Überzeugungen und Lebenswegen Zugang zu meiner Arbeit finden können, denn meiner Meinung nach sollte Kunst so weit reichen wie möglich. Meine kreativen Entscheidungen fußen auf dem, was sich zu der Zeit gut und passend für mich anfühlt, und vielleicht manifestiert sich das dann in einer politischen Geste oder wird Teil eines größeren gesellschaftlichen Diskurses. Wenn ich also an einer Arbeit sitze, dann mache ich sie, weil in mir etwas ist, das raus muss, und darum schreit, gesehen und gehört zu werden. Da geht es nicht so sehr um Motivation als um Instinkt und Neugierde.
Einige Jahre lang habe ich mich viel mit Rassifizierung und Fragen in Bezug auf mein Leben in Deutschland beschäftigt, also machte ich eine Videoarbeit, die sich mit Rassismus auseinandersetzte und versuchte zu verstehen, wie Rassismus entsteht. Ich wollte das nicht theoretisch angehen, weil Rassismus sehr echt und leider für viele Menschen alltägliche Realität ist. Deshalb war es mir wichtig, dass die Arbeit eine Geschichte erzählt, die diese Realität behandelt und keine Theorie. Manche meiner neueren Arbeiten sind körperlicher und taktiler, so wie „Heartless”, eine große Skulptur aus einer Kette mit einem Anhänger, der wie ein gebrochenes Herz aussieht. In dem Werk geht es um das Gefühl des kaputt seins, darum, dass man von etwas Größerem als man selbst verschlungen wird, und um das Gewicht, das auf eine Beziehung Druck ausübt, das sinnbildlich in der Größe und Symbolik der Gebrochenes-Herz-Skulptur ausgedrückt wird. Die Arbeit wirkt sehr weiblich, wahrscheinlich, weil ein Mann so eine Arbeit nicht machen könnte, aber zu der Zeit war diese Skulptur für mich eine Möglichkeit, wieder voranzukommen. Ich weiß nicht, ob Kunst immer politisch relevant sein muss, aber hier ist sie auf jeden Fall weitreichend.

Welche Themen inspirieren dich im Moment?
Liebe, Verlust, Verlangen, Scham, Macht, Alter, Weiblichkeit, Übergänge und Fehlschläge.

Eyewear by SALT. CORDIS
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Wie ist es, in Berlin zu arbeiten und zu leben?
Ich konnte in Berlin Arbeiten schaffen, die ich an keinem anderen Ort hätte anfertigen können, weil es in Berlin so viele Ressourcen gibt und ich so viel Unterstützung von unterschiedlichsten Seiten hatte. Das war wirklich wichtig, denn ich hatte nie viel Geld. Auf diesem Wege konnte ich einen sehr soliden und vielfältigen Werkkomplex schaffen, der mit der Zeit mehr zu mir geführt hat. Von Anfang 20 mit einem frischen Abschluss in der Tasche konnte ich so langsam reifen, bis jetzt, wo ich mit Mitte 30 eine feste Residenz in Deutschland habe. Hier als junge Künstlerin zu arbeiten, kann großartig sein, aber es gibt immer Grenzen, und Berlin weiß noch nicht ganz, was es sein will. Wenn man jung und ehrgeizig ist, kann man hier erfüllende Erfahrungen machen. Natürlich hat die Stadt viele Ecken und Kanten und eine düstere Geschichte, die immer wieder deutlich zu sehen ist, aber sie lässt auch viel Raum für eigene Gedanken und eigenen Ausdruck. Berlin ist eine sehr widerwillige Stadt, die viele Chancen gewährt.

Was steht als Nächstes bei dir an, was ist dein aktuelles Projekt? Wo kann man deine Arbeiten sehen?
Seit Januar arbeite ich an einem Künstlerbuch mit dem legendären Verlag Straight to Hell Publications. Der Herausgeber Billy Miller, der Designer Jan Wandrag und ich haben hart an diesem Buch gearbeitet und nun sind wir fast fertig, also wird es hoffentlich Ende des Sommers erscheinen! In dem Buch geht es um Rassismus, Eugenik, Pferdezucht und freiberufliche Arbeit. Meine riesige Installation und Skulptur „Heartless” wird noch bis November in der Galerie Sprechsaal in Berlin gezeigt. Ende Mai werde ich bei einer Veranstaltung in der Halle 14 in Leipzig dabei sein und dort an einer Podiumsdiskussion über Multikulturalismus in der DDR teilnehmen. Im Juni bin ich Teil einer Veranstaltung im SOMA in Berlin gemeinsam mit dem Austauschprogramm für Asien und den pazifischen Raum der NYU und werde dort ein Künstlergespräch mit der aktuellen Direktorin und Projektkuratorin Alexandra Chang führen. Auch im Herbst werde ich viel zu tun haben, aber dazu kann ich leider noch nicht allzuviel verraten.

Wo siehst du dich und deine Kunst in zehn Jahren?
Mehr Wachstum, Erblühen, Wärme, Intellekt und Kreativität. Künstlerisch möchte ich unerwartete und kraftvolle Wege einschlagen, aber für mich gilt immer: je größer, desto besser.