Die neuen Vorreiter Artist Profile 3 – Chloe Grove 

Interview JUSTIN ROSS
Photography ROBERT BEYER

4SEE stellt junge Künstler der internationalen Szene vor, deren Arbeit vor allem ihr energetisches Talent und ihren schier grenzenlosen Ideenreichtum widerspiegelt. Besonderer Respekt gebührt aber ihrem ungeheuren Durchhaltevermögen angesichts der manchmal übermächtig erscheinenden Stolpersteine auf dem Weg zum Erfolg. Mit uns teilen sie ihre Probleme, lassen uns an ihrer Gefühllage teilhaben und erzählen von ihren Zukunftsplänen. Ihre Genialität und ihre aufrichtige Leidenschaft für ihre Kunst lassen uns auch ein zweites und drittes Mal die Werke dieser neuen Schwergewichte der kulturellen Epizentren, Berlin und New York, betrachten.

Dieses Interview „Die neuen Vorreiter Artist Profil“ war für die im September 2017 veröffentlichte ART-Ausgabe.


„In meinem Alter zu sein und dadurch den Wendepunkt der digitalen Revolution selbst miterlebt zu haben, sind massive Inspirationsquellen für mich. Ich konnte beobachten, wie meine Familie, als Designer, gemeinsam mit ihren Zeitgenossen, den Sprung ins kalte Wasser wagten und sah die Auswirkungen auf die, die mit der Zeit gingen, und die, die sich ihr widersetzten. Ich versuche immer beide Sichtweisen in meine Arbeit einfließen zu lassen, die Zeit vor und nach der Digitalisierung.”

Chloe Grove

4SEE Artist Profile British artist Chloe Grove Portrait by Robert Beyer
4SEE Artist Profile – Chloe Grove
Eyewear by MICHAEL KORS 0MK2048

Name Chloe Grove
Alter 35
Nationalität britisch
Techniken Farbstift auf Papier
lebt und arbeitet in/strong> Berlin
mehr unter chloegrove.com

War dir schon immer klar, dass du eine Künstlerin bist?

Ich bin damit aufgewachsen, dass meine Eltern als Designer von zuhause aus gearbeitet haben. Ich war also von Anfang an von künstlerischer Aktivität umgeben. Als ich noch ganz klein war, zeichnete ich schon in ihrem Atelier mit allen Materialien, die ich finden konnte, also war früh absehbar, dass Zeichnen auf irgendeine Art und Weise Teil meines Lebens sein würde.

Empfindest du die Kunstwelt eher als rücksichtslos und umkämpft oder als gemeinschaftlich und voller Unterstützung? Oder gibt es für dich Abstufungen zwischen diesen beiden Extremen?

Im Großen und Ganzen habe ich bisher sehr gute Erfahrungen gemacht. Wenn ich mal nicht gut angenommen werde, ist es am besten, das einfach zu vergessen und einen anderen Weg auszuprobieren. Ich finde viel Inspiration bei Künstlern, die schon weiter in ihrer Karriere fortgeschritten sind als ich, und mich voller Wärme unterstützen und ihre Einsichten teilen. Ich habe auch Galeristen und Kuratoren kennengelernt, die wirklich davon überzeugt sind, aufstrebende Talente zu fördern. Es ist natürlich eine stark vom Wettbewerb bestimmte Branche, aber aus meiner Perspektive geht es vor allem darum, die richtigen Leute für sich zu finden und Beziehungen aufzubauen.

Was ist deiner Meinung nach dein bisher größter Erfolg?

Ich habe einige Jahre lang mit verschiedenen Techniken experimentiert: Malerei, Druckerei, Skulptur. Dadurch habe ich einen unorthodoxen Umgang mit Farbstiften entwickelt, an dem ich erstmal lange Zeit feilen musste. Ich bin froh, dass ich so viel Zeit investiert habe, eine Zeichnerin zu werden, die ihre Kreativität intuitiv in ihrer gelernten Sprache ausdrücken kann. Trotzdem ist auch dieses Können etwas, das auf jeden Fall, so wie es eben sein sollte, immer im Werden bleibt.

Muss Kunst immer bedeutungsvoll sein? Gibt es Raum für ästhetische Spielereien oder denkst du das Politische immer mit?

In dieser anscheinend politisch verrückten Zeit gibt es die Neigung dazu, Kunst nur als bedeutungsvoll anzusehen, wenn sie sich auf Politik bezieht. Aber es gibt auch Raum für puren visuellen Eskapismus. Wenn man die Verbreitung von Kamerahandys, Instagram und das Überhandnehmen von Bildbearbeitungssoftware bedenkt, kann der ästhetische Genuss in der Kunst ein wichtiger Komme¬¬ntar zur heutigen Gesellschaft sein. Ich versuche diesen ästhetischen Fokus zu betonen, indem ich mit großformati¬gen, greifbaren Manifestationen von digitalen Symbolen arbeite, als Reaktion auf den ständigen Strom visueller Informationen, an dessen Anblick wir uns so gewöhnt haben, vor allem auf winzigen Bildschirmen.

Wenn nicht Politik, was ist dann deine größte Inspirationsquelle?

In meinem Alter zu sein und dadurch den Wendepunkt der digitalen Revolution selbst miterlebt zu haben, sind massive Inspirationsquellen für mich. Ich konnte beobachten, wie meine Familie, als Designer, gemeinsam mit ihren Zeitgenossen, den Sprung ins kalte Wasser wagten und sah die Auswirkungen auf die, die mit der Zeit gingen, und die, die sich ihr widersetzten. Ich versuche immer beide Sichtweisen in meine Arbeit einfließen zu lassen, die Zeit vor und nach der Digitalisierung.
Ich glaube, dass wir gerade wieder an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter stehen, mit dem, was wir jetzt über Materie und das Universum wissen. Die Forschung an Einrichtungen wie dem Large Hadron Collider und die immer weiter fortschreitende Weltraumerkundung befeuern meine Fantasie und tauchen in meinen Zeichnungen auf.

Wie ist es, in Berlin zu arbeiten und zu leben?

Berlin ist eine Stadt, die sich wahnsinnig schnell entwickelt, was spannend zu beobachten ist. Es gibt die Tendenz dazu, Begriffe wie ‘Gentrifizierung’ wahllos zu benutzen und über die steigenden Kosten zu meckern, aber für mich ist es immer noch ein sehr inspirierender Ort. Ich entdecke immer wieder besondere Aspekte, ob historisch oder zeitgenössisch, die für mich neu sind. Ich hatte Glück mein Atelier hier 2009 zu finden. Wenn ich den gleichen Weg nochmal gehen wollen würde, also hier ankommen und frei experimentieren und nicht gleich kommerziell erfolgreich sein müssen, dann wäre das heute allerdings viel schwieriger.

Woran arbeitest du und wo kann man deine Arbeiten das nächste Mal sehen?

Aktuell werden Arbeiten von mir in der Galleri Heike Arndt bis Ende September in Berlin gezeigt. Davon abgesehen stehen mindestens zwei weitere Ausstellungen noch für dieses Jahr an. Details dazu werde ich bald auf meiner Website veröffentlichen.

Wo siehst du dich und deine Kunst in zehn Jahren?

Innerhalb der nächsten paar Jahre würde ich gerne außerhalb Europas ausstellen und Arbeiten produzieren, die in Antwort auf den Kontakt mit einer mir neuen Kultur entstehen, Japan zum Beispiel. Ich will größere, noch detailiertere Zeichnungen mit Farbstiften anfertigen und meine neue Technik, die ich gerade entwickele, voranbringen. Sie erinnert an die Kristallstrukturen von Eisenmeteoriten. Irgendwann in der Zukunft würde ich wahnnsinnig gerne ein Kunstwerk ins Weltall senden und es im Kosmos treiben lassen oder eine Ausstellung auf dem Mond machen!

4SEE Artist Profile Chloe Grove, photo by Robert Beyer in her berlin atelier
4SEE Artist Profile – Chloe Grove
Eyewear by MICHAEL KORS 0MK2048