The New Vanguard – Artist Profile 13
Filip Berte

Der frühere Architekt und nun Künstler Filip Berte untersucht die Konzepte von Grenzen und Zugehörigkeit in seinem vielschichtigen Oeuvre.

Fotograf BERT SPANGEMACHER
Interview JUSTIN ROSS

Filip Berte ist ein belgischer, interdisziplinär arbeitender Künstler mit Ausbildungen sowohl in der Kunst als auch der Architektur. Er nutzt seine Kunst, um zutiefst politische und extrem relevante Themen wie Migration, die europäische Frage, Grenzen und Zugehörigkeit zu erforschen. Sein jüngstes und noch laufendes Projekt „Un-Home/ Moving Stones” erkundet das Konzept von Übergangsräumen – Orte, die Migranten durchlaufen müssen und an denen sie durch externe Prozesse bewertet werden. Bei seinen Besuchen an solchen Orten, zum Beispiel Flüchtlingslager oder Migrationsbehörden, fängt Berte auf poetische Weise die Starre und die nicht sichtbaren Kräfte ein, die das Leben dieser Menschen prägen. Von jahrelanger Erosion geformt, sind die Steine und Höhlen, die in vielen seiner Installationen und Fotografien auftauchen, gleichzeitig Objekt und Subjekt. Manchmal betrachten wir diese Steine an einem bestimmten Ort; unbeweglich, passiv und inaktiv, dem Schicksal, das sie erwartet, ergeben. Ein anderes Mal sehen wir die Welt aus ihrer Perspektive. Sie vermittelt uns ein anderes Ortsgefühl. Sonderbar nah am Boden sowohl fotografisch als auch metaphorisch eingefroren.

Berte teilt mit 4SEE Einsichten in seine Karriere als Künstler, die von seinem Drang getrieben sind, die Fragen zu stellen, die in seinem Architekturstudium unbeantwortet blieben. Er beschreibt seine allmähliche Wandlung zum praktizierenden Künstler und seine Erfahrungen in Sarajevo, wo er mit der Realität einer vom Krieg geteilten Gesellschaft, deren Wiederaufbau in historische und politische Teilungen verstrickt war, konfrontiert wurde. Diese Erinnerungen und Erfahrungen nahm er mit nach Belgien zurück, wo er heute lebt und arbeitet.

Name Filip Berte
Alter 43
Nationalität belgisch
Techniken multidisziplinär (Zeichnung, Malerei, Installation, Fotografie, Film, Performance)
lebt und arbeitet in Ghent
aktuelle/kommende Ausstellungen und Projekte 28/07/2019 – Pre-Triennale Brügge (BE), 18.10.2019 „Endless Drawings / Disrupted Continuities”- Europalia Romania 2019, CC Strombeek (Brüssel) in Kooperation mit Salonul de Proiecte (Bukarest)
mehr unter www.filipberte.com / instagram

Interview im Juli 2019

4SEE Artist Profile - Filip Berte Photography by Bert Spangemacher Eyewear by Coblens
4SEE Artist Profile – Filip Berte, Eyewear by Coblens

War dir schon immer klar, dass du ein Künstler bist?

Irgendwie wusste ich schon immer, dass ich ein Künstler bin (oder sein würde), aber vielleicht eher in einem verdeckten Sinn, in der Form eines professionellen Architekten. Denn zuallererst habe ich leidenschaftlich (zum Teil auch vernünftig) entschlossen, Architektur zu studieren. Malen und Zeichnen wurden zu Plan B, in Form eines Teilzeitstudiums an der Kunstakademie in Gent.

Aber schon bald nach meinem Abschluss im Jahr 1999 und während der darauffolgenden zwei Jahre voller notwendiger Praktika in diversen Architekturbüros bekam ich Zweifel an meiner Entscheidung, als Architekt zu arbeiten. Mein Geist war von Bildern und Gedanken zum Balkan nach dem Krieg geplagt. Das kam von meinem Abschlussprojekt zur „Rekonstruktion der National- und Universitätsbibliothek von Bosnien und Herzegowina in Sarajevo”. Ich hatte das Gefühl, als Architekt versagt und nicht die „richtigen Antworten” für dieses Projekt gehabt zu haben. Dieses Gebäude hatte zu viele Facetten – eine verlassene Ruine, nachdem es vom serbischen Militär absichtlich in Brand gesetzt worden war -, die zu kompliziert oder zu sensibel war, um sie auf einer politischen oder geschichtlichen Ebene behandeln zu können. All diese Fragen, die ich mir selbst über die Jahre hinweg nicht beantworten konnte, lösten eine Art Identitätskrise in mir aus; wer bin ich, als westeuropäischer Architekt, der den Krieg nur im Fernsehen gesehen hat, dass ich jetzt die Antworten gebe, wie man so ein politisch und historisch vielschichtiges Gebäude rekonstruieren soll? Wer bin ich, dass ich die richtige Form und Funktion bei dem Wiederaufbau dieses Symbols für multikulturelles Leben vor dem Krieg finden könnte?

Meine Reise nach Sarajevo zu der Zeit, nicht einmal fünf Jahre nach Kriegsende, holte mich in die Realität zurück und brachte die Architekturfragen wieder auf das Wesentliche zurück. Die Stadt war nicht nur physisch ruiniert, sondern auch psychologisch und sozial. Das war eine Begegnung mit einer post-traumatischen Gesellschaft. Es war eine Kollision!

Drei Monate vor dem Ende meines Praktikums beschloss ich zu pausieren und nach Belgrad zu ziehen. Davor hatte ich bereits Sarajevo besucht. Belgrad und den Kosovo jedoch zunächst nur bei Kurzbesuchen. Nun sollte mir mein Leben in Belgrad die fehlenden Antworten auf meine Fragen liefern. Fragen danach, wie man als Architekt mit der Zukunft umgeht, mit gesellschaftlichen Fragen und größeren Problemen des nach dem Krieg aufkommenden Nationalismus, der Dämonisierung oder Schikane ganzer Nationalitäten, ethnischer, kultureller oder religiöser Minderheiten, mit Geflüchteten, Grenzen, Europa, und so weiter … Diese Probleme waren während meiner Zeit in Belgrad sehr spürbar und ich begann damit, an einigen Bildern zu arbeiten, die auf der Titelseite der wichtigsten serbischen Zeitung, „Politika”, basierten.

Zum ersten Mal gab Kunst (in der Form von Malerei) mir das bestärkende Gefühl, Nachrichten, oder besser gesagt Fragen, die tief unter der Oberfläche brodelten, an ein größeres Publikum zu vermitteln. Heute sehe ich diese Bilder – die ich tatsächlich niemals jemandem gezeigt habe – als einen bescheidenen, jedoch authentischen Ausdruck meiner langsamen Wandlung vom Architekten zum Künstler an.

Meine Entscheidung, nach einem Jahr in Belgrad wieder nach Belgien zurückzukehren, war gleichzeitig eine Entscheidung, in Zukunft nicht mehr ausschließlich als Architekt zu arbeiten. Ich entschied mich deshalb bewusst dazu, die letzten drei Monate des Praktikums, die für den vollen Abschluss als Architekt notwendig waren, nicht zu beenden. Allerdings bin ich immer noch sehr zufrieden mit meinen Entscheidungen aus dieser Zeit und bin überzeugt, dass ich durch meine Kunstprojekte das Medium Architektur noch tiefgehender (oder essentieller) vorantreibe, als damals, als ich noch Architektur auf die verbreitete, reguläre Weise verfolgt habe.

4SEE Artist Profile - Filip Berte Photography by Bert Spangemacher Eyewear by Coblens
4SEE Artist Profile – Filip Berte, Eyewear by Coblens

Empfindest du die Kunstwelt eher als rücksichtslos und umkämpft oder als gemeinschaftlich und voller Unterstützung? Oder gibt es für dich Abstufungen zwischen diesen beiden Extremen?

Generell denke ich, dass es immer diese Klischeeversion einer Kunstwelt-Blase geben wird, einfach, weil das System sich immer wieder selbst kopiert und regeneriert. Weil es sich selbst so liebt. Süchtiger Narzissmus.

Die Frage ist mehr: Möchte ich Teil des Systems sein oder daran teilhaben, darin als eine bloße Erweiterung der wettbewerbsorientierten neoliberalen Wirtschaft fungieren? Teile ich die Werte der Menschen, die in diesem System operieren? Zu all diesen Fragen würde ich nein sagen.

Ich persönlich glaube an und kenne glücklicherweise auch andere Wege, mit anderen KünstlerInnen und Kunstschaffenden zusammenzuarbeiten. Das ist mehr wie ein lebendiger Organismus gedacht, eine Gemeinschaft von Kunstschaffenden, die Werte teilen, für ehrliche Bezahlung in der breiten Palette von „Jobs”, die wir ausüben, kämpfen, Wissen und Ressourcen teilen … Gleichzeitig versuchen wir, eine alternative Denk- und Handlungsweise für unseren Alltag als KünstlerInnen zu bieten, als eine Reaktion auf die vorherrschende Wettbewerbslogik der Kunstwelt.

Eutopia / Tbilisi / Hotel Abkhazeti / Façade © Filip Berte (2012)
Eutopia / Tbilisi / Hotel Abkhazeti / Façade © Filip Berte (2012)

Was ist deiner Meinung nach dein bisher größter Erfolg?

Als Beispiel könnte ich „House of Eutopia” nennen, mein erstes persönliches Langzeit-Kunstprojekt (sieben Jahre), bei dem Europa als mein Bauland und meine Baustelle diente. Mit „Haus of Eutopia” habe ich meine künstlerische Praxis in Form von einem langsam anwachsenden Prozess von „Bebauungsfragen” weiterentwickelt und sie für ein Publikum sichtbar gemacht. Dieses Projekt hat die Form einer großen Installation angenommen, die bewegt werden und temporär an verschiedenen Orten in ganz Europa aufgebaut werden konnte. Für mich war die Beweglichkeit ein sehr wichtiger Aspekt, denn so konnte ich meine Fragen zu sozialen, historischen, politischen Problemen an interessante Orte bringen und ein größeres Publikum erreichen. Gleichzeitig konnte ich damit den Grenzen von nur einem festgesetzten Ort, an dem ein Gebäude und seine Baustelle fixiert sein müssen, und damit auch nur einem Kontext entfliehen.

Eutopia / Batumi Transitus / Hyper-Façade © Filip Berte (2014)
Eutopia / Batumi Transitus / Hyper-Façade © Filip Berte (2014)

Muss Kunst immer bedeutungsvoll sein? Gibt es Raum für ästhetische Spielereien oder denkst du das Politische immer mit?

Aus meiner Perspektive muss ich sagen, dass ich es – und ich spreche für die Werke, die ich mache – wichtig finde, dass Kunst bedeutungsvoll ist. Ich finde es schwer, nicht auf den politischen oder sozialen Kontext um mich herum zu reagieren. Wie schon gesagt begann ich mein Künstlerleben offiziell deshalb, weil ich einfach einen anderen Weg, eine andere Sprache als Architektur finden musste, um unsere Lebensart und unsere räumliche und politische Organisation, unsere Leben und Gesellschaften zu hinterfragen. Durch meine künstlerische Arbeit kann ich Themen bearbeiten und ausdrücken, die aktuell in Gesellschaften kritisch und problematisch sind (das verändert sich immer). Seitdem hat meine Arbeit, die ich über die Jahre hinweg weiterentwickelt habe, einen stetig wachsenden, aktiven Reflex. Das ist meine größte Motivation als Künstler, dass ich – durch Kunst – Themen auf sehr persönliche Weise hinterfragen und ansprechen kann, aber mit dem Anspruch, dass ich die monolithische Haltung von Menschen zu anderen Menschen und zu polarisierenden Gedanken, Aussagen oder Problemem öffnen oder sogar verändern kann. Nicht, dass ich eine dogmatische, klare Nachricht in meiner Arbeit verstecken würde. Im Gegenteil, meine Werke bieten nichts mehr als eine Frage. Ich sehe das als kleine Geste, um sich zu öffnen und Raum zum Atmen anzubieten, der in einer harten und erdrückenden (politischen) Zeit so sehr gebraucht wird. Ich mache keine politische Kunst, sondern Kunst mit einem politischen Reflex; Kunst, die Menschlichkeit in einem breiteren und universellen Sinne durch Themen wie Inklusion und Exklusion, Realität an Grenzen und Marginalität widerspiegelt.

Natürlich gibt es absolut einen Platz für ästhetische Genüsslichkeit, aber nicht nur um der Ästhetik willen. Aber die Ästhetik eines Werks ist die erste Verbindung zu diesem Werk für jeden außenstehenden Betrachter. Die Ästhetik ist deshalb der Schlüssel, um jemanden dazu zu bringen, sich die Zeit zu nehmen und den tieferen, zugrundeliegenden Inhalt zu enthüllen. Anders gesagt ist die Ästhetik die erste oberflächliche Schicht, die heruntergekratzt werden kann, um die tieferen Schichten zu enthüllen und zu entdecken, was die Arbeit so komplex und vielschichtig macht wie nötig.

Un-Home / Moving Stones - Untitled © Filip Berte (2019)
Un-Home / Moving Stones – Untitled © Filip Berte (2019)

Wenn nicht Politik, was sind dann wichtige Inspirationsquellen für dich? Welche Themen inspirieren dich im Moment?

Neben den sozio-politischen Realitäten, die auf irgendeine Weise immer in meinem Werk mitschwingen, inspirieren mich auch Natur, Geologie und Philosophie sehr. Zum Beispiel nimmt der (philosophische) Archetyp der Höhle einen wichtigen metaphorischen Platz in dem Narrativ meines laufenden Projekts „Un-Home / Moving Stones” ein, das sich auf das Thema des Bauens mentaler Bilder von Asylsuchenden, Geflüchteten, Neuankömmlingen und Migranten fokussiert.

Die Höhle ist für mich ein Referenzort, der Liminalität reflektiert und in der sozio-politischen Position von Asylsuchenden und Geflüchteten in unserer Gesellschaft nachhallt. Sie sind in der Schwebe, zwischen zwei Realitäten, in den sozio-politischen Rissen, Höhlen und Löchern, ausgeschlossen von oder versteckt vor den Augen der Anderen in der Gesellschaft. Die Höhle, als Negativ-Raum in den Bergen oder aus dem Inneren der Erdkruste gehauen, ist ein natürlicher Unterschlupf, sie bietet Schutz. Die Höhle ist ein Raum, der durch geologische Prozesse von Auflösung und Zerfall über Tausende bis Millionen von Jahren entstanden ist.

Mich faszinieren diese enormen, zeitverschlingenden und gegensätzlichen geologischen Prozesse der Integration und Desintegration, Formation und Destruktion. Darin liegt, genau wie in der Natur generell, eine enorme Kraft, die uns konfrontiert und uns das (Zeit-)Ausmaß und die Position unserer Leben in dieser Welt besser verstehen lässt.

Woran arbeitest du und wo kann man deine Arbeiten das nächste Mal sehen?

Im August reise ich für drei Wochen durch Rumänien, um an einem sehr spannenden Projekt mit Fokus auf das Land im Kontext der internationalen Kunst-Biennale Europalia zu arbeiten. Ich wurde von dem Brüsseler Kunstzentrum CC Strombeek dazu eingeladen, neue Werke zu entwickeln, die sich mit den Themen „Dislokation und Zugehörigkeit” beschäftigen. Diese neuen Arbeiten werden in einer Gruppenausstellung mit den Werken anderer belgischer und rumänischer KünstlerInnnen bei CC Strombeek zu sehen sein.

Ich arbeite noch an den Werken; es ist ein verlockendes und komplexes Unterfangen. Der Titel meiner neuen Arbeit wird „Endless Drawings / Disrupted Continuities” sein, womit ich fünf „Biographien der Dislokation” zum Leben erwecken will. Damit meine ich, die Parallelen zwischen den Leben von zum Beispiel rumänischen Menschen, die Teil der weit verbreiteten rumänischen Diaspora sind, wirtschaftlichen Neuankömmlingen (aus China, Sri-Lanka, Vietnam, Nepal) und Asylsuchenden und Geflüchteten, die in Rumänien leben, aufzuspüren und nachzuzeichnen.

Schlussendlich würde ich gerne Stück für Stück ein räumliches Bild aufbauen, das aus fünf „Zeichnungssäulen” besteht, die in einer langsamen, kontinuerlichen vertikalen Pendelbewegung aus Falten und Entfalten gefangen sind. Jede dieser „Zeichnungssäulen” wird aus einer Sammlung von Zeichnungen gebildet, die ich während meiner Reise durch Rumänien herstellen werde. Jede davon wird spontan vor Ort gezeichnet, während ich die privaten (temporären) Wohnorte der Menschen besuche. Der Akt des Zeichnens ist ein direkter, jedoch sehr ehrlicher und menschlicher Zugang zu Personen und wird mir dabei helfen, einen natürlichen Dialog zu beginnen, in dem ich empfindlichere Themen in Zusammenhang mit dem zerrissenen Leben, das alle teilen, ansprechen kann.

4SEE Artist Profile - Filip Berte Photography by Bert Spangemacher Eyewear by Coblens
4SEE Artist Profile – Filip Berte, Eyewear by Coblens

Wo siehst du dich und deine Kunst in zehn Jahren?

Irgendwie ist das eine komische Frage für mich, weil ich nicht gerne darüber nachdenke, wo ich mich in zehn Jahren sehe. Darüber will ich nicht zu viel nachdenken. In Bezug auf die Dimension meiner Arbeiten bin ich versucht zu sagen, dass meine Arbeiten gerne immer weniger als physisches „Kunstwerk” sichtbar sein können, aber dafür mehr und mehr als etwas Vergängliches, das sich in die Gesellschaft selbst auflöst.

Vielleicht wäre das auch ein Zeichen dafür, dass die Gesellschaft wirklich offen und inklusiv geworden ist…