The New Vanguard – Artist Profile 12
Joanna Szproch 

Interview JUSTIN ROSS
Fotografin JOANNA SZPROCH

Joanna Szproch ist eine polnische Fotokünstlerin mit einem Gespür für den Ausdruck von Farben. In ihrer Arbeit setzt sie sich mit Weiblichkeit auseinander und versucht, eine Balance zwischen den Polen Unschuld und Vulgarität herzustellen. Auf der Jagd nach diesem magischen Moment lässt sich Szproch von der Individualität ihrer Modelle leiten, indem sie voller Mitgefühl deren Drang, ihre Sinnlichkeit auszudrücken, folgt. Diese ungehemmte Atmosphäre innerhalb derer Raum für Selbsterforschung ist, ist die zentrale Komponente ihrer Arbeit und regt die Betrachterin dazu an, es ihr nachzutun.

Name Joanna Szproch
Altert 40
Nationalität Polish
Medium Photography
lebt und arbeitet in Berlin
aktuelle Ausstellung @smilefomedaddy
mehr unter www.joannaszproch.com / @johana_pl

4SEE Artist Profile 12 Joanna Szproch in Coblens
4SEE Artist Profile 12 Joanna Szproch in Coblens

War dir schon immer klar, dass du eine Künstlerin bist?

Ja, das war es mir. Ich kann sagen, dass ich so geboren worden bin. Ich bin auch in einer künstlerischen Umgebung aufgewachsen. Meine Eltern sind beide klassische Musiker und ich habe durch meinen Vater schon sehr früh Kontakt zu den klassischen Künsten gehabt. Aber ich war immer ein neugieriges Kind, habe mich immer anders gefühlt. Weil ich Dinge anders sehe und fühle, hatte ich das Gefühl, nirgendwo richtig dazu zu gehören. Diese Dissonanz zwischen dem Klassischen und dem Unkonventionellen hat meine Interessen geprägt. Ich gehöre weder zu traditionellen noch zu queeren Positionen, ich bin irgendwo dazwischen und bereit, diese Lücke auszuhalten. Mit einer traditionellen fotografischen Bildsprache versuche ich, mein Normen ablehnendes Umfeld zu zeigen, eines, das meiner Meinung nach immer noch unterrepräsentiert ist.

Empfindest du die Kunstwelt eher als rücksichtslos und umkämpft oder als gemeinschaftlich und voller Unterstützung? Oder gibt es für dich Abstufungen zwischen diesen beiden Extremen?

In der Kunstwelt gibt es so viel Spekulation und nur die wenigen ganz oben an der Spitze profitieren wirklich davon. Kunst hat angeblich hehre Ziele, aber gleichzeitig ist sie eine Spielwiese der Heuchlerei. Sie ist für privilegierte, elitäre Leute, die vorgeben, die Welt verbessern zu wollen, aber die meisten scheren sich doch nur um den Ruhm und Profit.
Um ehrlich zu sein, fällt es mir schwer, die Kunstwelt zu beobachten und mich damit zu identifizieren. Auf der einen Seite ist mein Dasein als Künstlerin eine unausweichliche Leidenschaft, die weit über Ehrgeiz oder ein Hobby hinausreicht. Aber ich bin mit der Realität der Kunstwelt sehr unzufrieden und unsicher, ob ich darauf abziele, mich ganz auf sie einzulassen. Ich würde lieber eine Nische von Gleichgesinnten finden, um gemeinsam eine wirklich symbiotische Beziehung aufzubauen.
Ab einem gewissen Alter hat man diesen naiven Enthusiasmus nicht mehr, um nur für die Publicity zu arbeiten und es ist so frustrierend, dass der Wettbewerb und die fehlende Loyalität zwischen KünstlerInnen dazu führt, dass andere, die besser situiert sind, es immer umsonst machen werden. Für die, die weniger privilegiert sind, wird es nie ein faires Rennen sein. Die Frage ist nur, ob es ein Rennen sein muss. Deshalb sollten wir das Problem klar benennen und versuchen, demokratischere Lösungen zu finden, die sich auf kleinere, alternative Künstler-Gemeinschaften verteilen.

4SEE Artist Profile 12 Joanna Szproch "Smile for me Daddy"
4SEE Artist Profile 12 Joanna Szproch „Smile for me Daddy“

Was ist deiner Meinung nach dein bisher größter Erfolg?

„Dies über alles: Sei dir selber treu” – Meine größte Errungenschaft ist, dass ich mich selbst nie betrogen habe, indem ich authentisch und ehrlich geblieben bin, sowohl persönlich als auch künstlerisch. In persönlichen Beziehungen kann ich Kompromisse eingehen, in meiner Kunst muss ich jedoch radikal sein.
Ich habe erkannt, dass Ehrgeiz ein boshafter Trieb ist, der nie befriedigt werden kann und nach jedem Erfolg nur Leere hinterlässt. Die schwerste Arbeit ist, nicht vor dem Unbekannten zurückzuschrecken und dem Lauf der Dinge zu folgen. Ich genieße lieber den Prozess und das Vorankommen, nicht die Perfektion, und bin mir bewusst, dass Ziele die Gegenwart töten können.
Aber natürlich ist es auch gut, etwas abzuschließen, um etwas Neues anzufangen, neu zu kalibrieren.
Mein größter Erfolg bisher wird es sein, mein erstes Fotobuch als Abschluss meines bisher längsten fortlaufenden Projekts @smileformedaddy, das vor Kurzem in Form von Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen war, zu veröffentlichen.
Ich habe das Projekt 2010 angefangen. Es ist eine sehr stimulierende Geschichte sowohl auf visueller als auch semantischer Ebene über die Suche nach der eigenen weiblichen Identität innerhalb einer klassischen, symbiotischen Beziehung zwischen einer Auteur und ihrer Muse. Es ist die visuelle Chronik der inneren Transformation beider Frauen. In unserer Hingabe zu diesen synchronen Fantasien konnten wir unsere authentische und ungezügelte Macht annehmen, um etwas Faszinierendes, Unschuldiges und doch Erotisches zu entdecken.

4SEE Artist Profile 12 Joanna Szproch "lenskaaaaaa"
4SEE Artist Profile 12 Joanna Szproch „lenskaaaaaa“

Muss Kunst immer bedeutungsvoll sein? Gibt es Raum für ästhetische Spielereien oder denkst du das Politische immer mit? Wenn nicht Politik, was inspiriert dich dann?

Die Bedeutung von Kunst ist sehr unklar, transzendent und subjektiv. Was ich an Kunst liebe, sind ihre mehrschichtigen Metaphern, die mehrere Interpretationen zulassen. Am meisten interessiert mich dieser fast mystische Moment von Überlagerung zwischen dem Werkträger und der Rezipientin, die davon eingenommen ist und sich ganz der kathartischen Betrachtung hingibt. Das kann auf vielen Ebenen geschehen, ästhetisch und spirituell. Kunst kann etwas die Sprache Überschreitendes auslösen, bei dem Oberfläche und die Bedeutung gleichzeitig wichtig sind.
Meine wichtigste Inspiration ist meine eigene Wahrnehmung und was ich ihretwegen erlebe, denn das sind die authentischsten und zuverlässigsten Quellen für mich. Aber heutzutage wird alles politisch, auch Identität, deshalb fällt es schwer, das außen vor zu lassen. Obwohl ich versuche, von ideologischen Statements fern zu bleiben, glaube ich daran, dass keine Veränderung ohne Repräsentation geschehen kann. Ich möchte durch meine Kunst Menschen dazu bewegen, sich selbst bewusster und offener zu werden, statt an einer bestimmten Überzeugung zu haften.

Welche Themen inspirieren dich zur Zeit?

Ich bin eine sehr neugierige Person, deshalb gibt es immer eine Flut an Interessen, die mich inspirieren. Es ist sehr schwer, zu definieren, wie genau das, was ich gerade untersuche, zu dem Endergebnis werden wird, oder wie es mich dort hinbringen wird, denn der beste Gutachter ist die Zeit. Ich brauche erst ein wenig Abstand, um es in eine Form zu bringen.
Mich haben schon immer die Beziehungen zwischen mir und anderen Menschen interessiert, also habe ich neben @smilefomedaddy, das in meinen Augen quasi abgeschlossen ist, die Idee entwickelt, dass ich nicht einfach ein Voyeur in meiner Muse-Auteur-Konstellation sein kann und Teilnehmerin sein muss. Jetzt bin ich selbstbewusster, verletzlich zu sein und mich selbst in meine Werke einzubringen, um eine Beziehung auf einer umfassenderen Ebene einzugehen.
Also habe ich mich in letzter Zeit selbst in meinen Beziehungen beobachtet; zu dem Menschen, den ich liebe, meiner Teenager-Tochter, und meine sentimentale Bindung zur Landschaft und angesammelten Objekten, mit dem Ziel, die Bedeutung des Gewöhnlichen zu zeigen.

4SEE Artist Profile 12 Joanna Szproch "me and my bf 2nd alternative"
4SEE Artist Profile 12 Joanna Szproch „me and my bf 2nd alternative“

Wie ist es, in Berlin zu arbeiten und zu leben?

Berlin ist ein sehr spezieller Ort. Er hat eine sehr interessante Geschichte mit einer langen, dekadenten Boheme-Tradition, der Zeit der Mauer und des Mauerfalls, viele alternativen Bewegungenn und einer Sozialpolitik, die Multikulturalismus fördert. Und diese rebellische Athmosphäre machte es zum perfekten Boden für KünstlerInnen aus aller Welt. Aber das ist auch utopisch, weit entfernt von der Realität gewöhnlicher Leute. Ich sehe auch eine Trennung zwischen unangepassten Auswanderern und den lokalen, deutschen Anwohnern. Ich spüre, dass noch viel passieren muss, um diese gläserne Decke zu durchbrechen. Beide Seiten müssen sich Mühe geben.
Trotzdem hat diese Freiheit in Berlin, sich selbst auszudrücken, mich dazu angeregt, privat und publik selbstbewusster zu sein und damit auch mein Werk stark beeinflusst.

Woran arbeitest du und wo kann man deine Arbeiten das nächste Mal sehen?

Die nächste Sache, die ich plane, ist eine Kollaboration mit der Kuratorin Agata Ciastoń und dem Choreographen Mateusz Czyczerski aus Breslau (Polen), basierend auf unseren gemeinsamen Interessen und künstlerischen Praktiken. Wir möchten Workshops mit der Präsentation unserer Werke verbinden. Die Idee ist, mittels Kunst über Körperlichkeit und Selbstdarstellung, über sozial erzwungene Normen (männlich, weiblich), über Scham als Verteidung (Angst vor Bewertungen, Abweichung von Normen) zu reflektieren. Das Ziel ist, die Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten zu inspirieren; Schemata abzulehnen, Mut zu befördern. Im Herbst wird das Projekt in beiden Städten zu sehen sein, Berlin und Breslau.
Um mein Buch Wirklichkeit werden zu lassen, plane ich eine Crowdfunding-Kampagne, also bleibt aufmerksam und folgt meinem Instagram-Account @johana_pl. Jedes bisschen Unterstützung wird von mir wirklich hoch geschätzt!

4SEE Artist Profile 12 Joanna Szproch "Smile for me Daddy"
4SEE Artist Profile 12 Joanna Szproch „Smile for me Daddy“

Wo siehst du dich und deine Kunst in zehn Jahren?

Ich weiß, dass es hilft, etwas zu visualisieren, um es zu erreichen, aber ich befürchte, dass zuviel Blick in die Zukunft mich weniger präsent sein lässt. Ich bin gerade 40 geworden, was für Frauen eine wichtige Zahl ist. Ich erwarte große Veränderungen in den nächsten Jahren. Rückblickend hätte ich vor zehn Jahren nie gedacht, dass ich heute in Berlin sein würde und wie es mein Leben und das Leben meiner Tochter verändern würde. Deshalb möchte ich einfach offen für Neues bleiben.
Obwohl ich immer noch eine Großstadtpflanze bin, werde ich in zehn Jahren hoffentlich ganzheitlicher und stärker mit der Natur verbunden sein, denn wir sind alle Teil von ihr und resonieren mit ihr. Abgesehen vom Globalismus wünsche ich mir, dass wir als Gesellschaft mehr zu unseren Wurzeln zurückkehren, Lokalität kultivieren und unsere kleinen Gemeinschaften stützen.
Ich möchte in Zukunft auch mobiler werden. Meine Tochter wird bald erwachsen sein, also werde ich unabhängiger sein. Auf professioneller Ebene würde ich wirklich gerne mehr Kollaborationen mit lokalen KünstlerInnen-Gemeinschaften in ganz Europa und längerfristig vielleicht auf anderen Kontinenten entwickeln.

4SEE Artist Profile 12 Joanna Szproch "me and my bf"
4SEE Artist Profile 12 Joanna Szproch „me and my bf“