Skulpturen im Raum zwischen Ort und Erinnerung: Raimund Kummer

Raimund Kummer erörtert seinen künstlerischen Weg nach seiner Ankunft in West-Berlin in den 1970er Jahren und seine medienübergreifende plastische Arbeitsweise anlässlich seiner Ausstellung Sublunare Einmischung im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart in Berlin.

Interview JUSTIN ROSS
Fotos FRANGIPANI BEATT

Als Mitbegründer von „Büro Berlin“, eine der ersten Künstlerinitiativen, die den Begriff und die Realisierung von Interventionen im öffentlichen Raum in die Kunst einführten, ist Raimund Kummer, als konzeptueller Bildhauer eine der Säulen in der Blütezeit frenetischer Kreativität, die West-Berlin in den 1970er und 1980er Jahren prägte. Zudem ist er ein zutiefst interessanter Gesprächspartner mit einer präzisen Haltung zu Kunstproduktion und Interpretation. Von diesem Künstler ortsspezifischer Installationen – lange bevor für diese Kunstform und Arbeitsmethode überhaupt ein Begriff existierte – erwarb Deutschlands Nationalgalerie drei signifikante Werke die sowohl für einen Zeitpunkt, eine Stimmung, aber auch für eine originale Stimme in der deutschen zeitgenössischen Kunstszene und post-konzeptuellen Kunst stehen. Anlässlich seiner Einzelausstellung Sublunare Einmischung im Hamburger Bahnhof, Berlin, kuratiert von Eugen Blume, sprach ich mit Raimund über einige seiner dort gezeigten Schlüsselwerken und seine mittlerweile bereits mehr als vier Jahrzehnte umfassenden Karriere.

Ich muss zugeben, der von mir zunächst erwartete, flüchtige Blick in seine Stimmung über seine Ausstellung (sehr zufrieden) und seine Pläne für die Zukunft (er ist offen für die Entdeckung vieler neuer Dinge), erwies sich am Ende als viel komplexer, als ein kritischer Spaziergang durch die frühen Jahre seiner künstlerischen Karriere in Berlin. Mit vielen Windungen und Wandlungen, die Raimunds besondere künstlerische Perspektive formten. Eine, die aus dem kreativen Potential der städtischen Umwelt geboren wurde – voller halb zerstörter und verlassener Gebäuden reich an unbeaufsichtigten und ungenutzten öffentlichen Räumen.

„Ich war immer mehr fasziniert vom Beobachten als vom ‚Schaffen‘. Ich denke meine Qualitäten oder Fähigkeiten sind ein sehr genaues Vermögen Dinge in der Situation, in sie stehen zu erkennen, Dinge, die eine bestimmte Energie senden. Durch meine Intervention entdeckst du sie daher als besonderes Ereignis.“

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Raimunds frühe Arbeiten können auch als eine Art Ode an das West-Berlin der 1970er gesehen werden, eine Beschreibung seiner Liebesbeziehung zu der Stadt mit dem großen Potenzial. Berlin ist die Protagonistin in Raimunds großer Erzählung. Sein massives, kontinuierlich sich erweiterndes Fotografieprojekt On Sculpture – teils autobiografisches Archiv, teils konzeptionelle Erforschung des Mediums der Skulptur selbst – ist auch eine Ode an die Stadt, die ihn empfang, damals in den 70er Jahren, als er und viele andere Künstler in die Stadt strömten, die ihnen auferlegten Normen hinter sich lassend, in die versprochene „Freiheit“ stürmend, eine Freiheit und eine Befreiung am Rande der westlichen Welt in der geteilten Stadt. Das war eine Zeit, in der die Stadt selbst, in ihrer ruinösen Zerstörtheit, den Künstlern, die ihre eigene Stimme entdecken wollten, einen kreativen Spielplatz anzubieten schien.

„Da gab es nur eine Art Wildnis. Nicht wie Ruinen nach dem Krieg, eher wie ein Schritt danach, es war irgendetwas dazwischen, wie ein riesiger Sandkasten, und wir konnten alle hinausgehen und spielen. Daher konnten Dinge inszeniert werden, weil du diese unbestimmten Freiflächen gehabt hast. Wenn du das richtige Ding an einen Ort stelltest, wurde es sofort sichtbar.“

Raimund Kummer war sich nicht gleich sicher was er tun würde, als er nach Berlin kam. Sein Vorhaben Maler zu werden, musste er am Ende seines Studiums aufgeben. Stattdessen folgte er vielen Umwegen bevor er sich die Freiheit nahm, mit neuen Praktiken zu experimentieren, die ihm schließlich erlaubten, seine Umgebung wirklich aufzusaugen, neu zu formulieren, was ihn zu einer Arbeitsweise führte, die sich sowohl substanziell, zugänglich als auch authentisch anfühlte. Berlins Straßen und seine reichlich ungenutzten Flächen waren plötzlich alles in einem: sein Studio, seine Leinwand und seine Galerie.

Looked at / seen through rose colored glasses, 2004, Foto: Raimund Kummer © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

„Das war ein sehr befreiender Moment, ein junger Künstler zu sein. Diese [Skulpturen auf der Straße] waren im Grunde genommen das erste Kunstwerk oder einige der ersten Kunstwerke, die ich nach dem Ende meines Studiums gemacht habe. Ich fotografierte Motive zwischen ‘78 bis ’79. Ich kaufte mir eine Minox Kamera und „fixierte“ Dinge, die ich erregend fand. Dinge, die ich auf meinen täglichen Fußgängen entdeckte … Über fünf oder sechs hundert Dias wurden belichtet. Von diesen Diapositiven wählte ich 80 aus, soviel passten in ein Diakarussell. Das war der Beginn des Auswegs aus meiner Sackgasse. Das führte mich zur Entdeckung des öffentlichen Raumes als Gegenstand und Material für meine weitere Arbeit.

„So fand ich an diesen zufälligen Orten des alltäglichen Lebens Dinge, die aus einem bestimmt Grund bewegt, gestapelt oder zerstört wurden; Dinge, die nie aus ästhetischer Absicht entstanden sind, konnten als solche gesehen werden, zumindest als unabsichtlich produzierte, interessante Strukturen. Um ihnen einen programmatischen Sinn zu geben, nannte ich sie ‚Skulpturen in der Straße‘.“

Es kümmerte ihn nicht wirklich, wer kam oder wie viele diese spontanen Skulpturen im öffentlichen Raum sahen, dennoch lud Raimund mit per Post versandten Schwarzweisspostkarten zu Ortsbesichtigungen ein, um die markierten Stellen in Zeit und Ort überall in der Stadt zu sehen. Seine Interventionen in den Straßen Berlins waren tatsächlich temporär und anonym gemeint, mit der Absicht ,die Trennlinie zwischen Kunst und Wirklichkeit für die ahnungslosen Passanten zu verwischen.

„Diese Idee von Anonymität funktioniert nur in der Öffentlichkeit. Auf einer gewissen Ebene war das eine subversive Strategie in diese Räume zu gehen, sie, wenn auch nur für kurze Zeit, zu verwandeln. Manchmal war es für einen Tag, eine Woche, für vier Wochen, und dann war es weg.“

Das erinnert uns an eine Zeit, in der es zumindest den Anschein von Authentizität in der Kunst gab. Wenn jemals so etwas wie „die Kunst um der Kunst willen“ gab, dann war es hier auf dieser winzigen Insel West-Berlin, eine Falte in der Zeit, eine Blase auf der Landkarte.

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Die auf Filmsets um Geld zu verdienen verbrachten Jahre – er begann damit kurz nach seiner Ankunft in Berlin – beeinflusste eindeutig seinen Werkansatz. Er arbeitete als Set Designer und Techniker, er studierte die Komposition, arrangierte die Feinabstimmung, Farbkorrektur, justierte Blickwinkel und Ausleuchtung neu … Techniken, die ihm später beim Gebrauch von Objekten und Materialen leicht von der Hand gingen, um seine eigene Parallelwelt zu schaffen, eine filmische, dramatische Realität, die in der realen Welt verfügbar war, aber herausgehoben werden musste, oft mit spontanen oder improvisierten Methoden.

„Diese Doppel-T-Träger lagen herum, hier in der Admiralstrasse [die selbe Straße in Berlin, in der Raimund heute noch in einem inzwischen sanierten Fabrikgebäude arbeitet und lebt), und ich dachte, das sah aus wie ein sehr schöner Wurf von Mikado-Stäbchen. Also ging ich los und kaufte mir acht Liter Lackfarbe und fing an, die Stahlträger grob zu lackieren und danach zu fotografieren. Die Fotografie war hier mehr das dokumentarische Festhalten einer künstlerischen Tätigkeit von mir, anonym gemacht. Aber das Stück selber war offensichtlich auch von anderen Leuten gesehen worden, weil es so eine große Präsenz hatte. Ich hatte kein Geld, um ein 10.000-Watt Kinolicht oder etwas Ähnliches zu leihen, also habe ich einfach diese Kennzeichnung [rote Farbe] eingesetzt. Die Intervention [im öffentlichen Kontext] eröffnet dir einen Rundblick auf das, was diese farblich markierten Träger umgibt, stößt bei dir ein denken darüber an, warum sie dort sind und was um sie herum passiert.“

Diese konstruierten Szenen für seine Straßenskulpturen wurden niemals wiederholt oder reproduziert. Im Gegensatz zu anderen Umgangsformen mit Fundstücken oder Readymades fanden seine Skulpturen ihre natürliche Heimat in der Öffentlichkeit. Sie existierten nur so lange, wie sie gebraucht wurden, auch wenn das nur für einen Augenblick war.

„Mein Ziel war es, den Moment in dem die Kunst produziert wurde, dort, wo sie passiert, und den Moment, wo du diese augenblicklich siehst identisch zu halten. Es widerspricht dieser Art von Readymade, das du auf der Straße findest und in die Galerie bringst oder in den Kontext des White Cubes, um zu sehen wie wunderbar oder ungewöhnlich es ist. Ich wollte die Menschen dazu bewegen, Aufmerksamkeit für den Realraum zu entwickeln, in dem sie leben.“

Die augenblickliche und unmittelbare Natur der Fotografie machte es Raimund möglich, diese Momente zu erfassen, diese temporären Beziehungen zwischen Objekten, die auf der Straße nur für kurze Zeit existierten. Hieraus resultiert letztlich sein riesiges fotografisches Archiv. Eine bearbeitete Version dieses sich weiterhin im Wachstum befindlichen Archivs, On Sculpture (1979–2017), die für die letzte Präsentation auf 444 Bilder erweitert wurde, ist eine von den vier unterschiedlichen Installationsformaten aus mehreren Phasen seiner künstlerischen Karriere, die neben Skulpturen in der Straße (1978–1979), Mehr Licht (1991) und νόστος – ἄλγος (2012) (Griechisch: Nóstos álgos) in seiner aktuellen Ausstellung Sublunare Einmischung im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin zu sehen sind. Filme mit persönlichen Rückschauen Raimund Kummers, thematisieren seine Beziehung zu beidem, Ort und Erinnerung, in dem er verschiedene Orte von Bedeutung für seine Arbeit zusammen mit dem Kurator Eugen Blume besuchte. Sie sind passend mit unterwegs / out and about betitelt und wurden speziell für die Ausstellung produziert.

„Mich verbindet eine sehr lange, fortlaufende, kritische Hassliebe mit der Fotografie. Ich musste zeigen worum es in meiner Arbeit geht. Und deswegen habe ich endlose Recherchen und Versuche zur Dokumentation vs. Nicht-Dokumentation unternommen, darüber was bleibt und was nicht bleibt.“

Viele dieser Bilder, die mit derselben Mamiya-Kamera aufgenommen wurden, die er seit 1979 besitzt, bekommen ein neues Leben in der konzise bearbeiteten und bildhauerisch präsentierten Form, wie sie in der Ausstellung gezeigt werden. Der sich schlängelnde Pfad zwischen den gestapelten Archivschachteln gibt der Sammlung Gewicht und Tiefe, die den jahrelangen Archivierungs- und Bearbeitungsprozess hinter dem Werk signalisiert, während es nur an der Oberfläche mit den ausgesuchten Bildern geflutet wird und sich in einladend taktiler Weise einmal um den Ausstellungsraum windet, um den Besucher aufzufordern, die Fotos auf Taillenhöhe hinunterblickend, in Ruhe aufzunehmen. In einem Zeitalter des Überflusses an visuellen Bildern, mit unserem scheinbar unersättlichen Appetit nach schnellem Bilderkonsum auf Social Media-Plattformen wie Instagram, erzeugt es etwas Großartiges und Luxuriöses, aber auch etwas Nostalgisches, eine derartige Fülle haptischen visuellen Materials zu durchwandern. Da ist auch etwas Mutiges und Anerkennenswertes in dem Entwicklungsprozess, den Raimund unternommen hat, um fast vier Jahrzehnte des Fotografierens in diesen 444 fotografischen Dokumenten zu kondensieren.

„Der Unterschied liegt darin, dass für mich diese Arbeit keinen endlosen Bilderfluss ohne Hierarchien repräsentiert. Medien sind bloß plus / minus und die Datenmenge, die auf dein Telefon passt. Als Künstler musst du Entscheidungen treffen. Zu sagen alles ist Kunst, 24 Stunden am Tag, ist etwas, das nicht sein kann. Für mich ist es die Person, die eingreift und ja oder nein sagt. Ich wähle aus , grundsätzlich. Ich entscheide darüber, was wichtig ist und was nicht wichtig ist. Das ist, denke ich der Unterschied zwischen meiner Arbeit und dem oft praktizierten Umgang auf Instagram, zum Beispiel.“

Im Laufe der Zeit hat sich der Fokus seiner archivarische Praxis aber auch gewandelt und verändert, und ebenso wie seine „street-based sulptures“ tatsächlich Kompositionsstudien sind, die fragen um was es bei Skulpturen geht und gehen könnte, ist diese Arbeit für Raimund zu einer Art Meditation über Archive an sich geworden, die es ihm erlaubt, Aspekte seines Schaffensprozesses, wie ein Rhizom abzuschließen und gleichzeitig andere zu öffnen, neue Möglichkeiten offenzulegen.

„Ich arbeite im Moment daran einen Zustand zu erreichen weiter gehen zu können. Zunächst heißt das viel Ballast loszuwerden, leichter zu werden, die Last der eigene Geschichte loszuwerden, die Gewohnheiten, wie man Dinge tut, vorwärts zu gehen um etwas Neues zu entdecken, etwas was du zuvor nicht denken konntest.. Das ist das Aufregende, ein älterer Mensch zu sein, mit all den Erfahrungen. Du hast nie alles erreicht. Es ist eine Frage deiner eigenen Werte und deiner Tatkraft, wenn Du mehr willst. Und für mich ist das weiterhin mein Spirit … Ich will mehr. Ich denke, ich habe immer noch nicht meine beste Arbeit gemacht. Künstler sein heißt Teil eines endlos fortlaufenden Experiments zu sein.„

Mehr Licht, 1991, Foto: Raimund Kummer, Martin Salzer © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Raimund Kummers Sublunare Einmischung wurde kürzlich um drei Monate verlängert und ist noch bis zum 29. Oktober 2017 im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart in Berlin zu sehen.
www.raimundkummerinberlin.de