Fotos JORGEN AXELVALL
Styling KEITH WASHINGTON
Interview JUSTIN ROSS

 

Aerosyn Lex Mestrovic hat sich mit seinen faszinierenden Kalligraphie-Arbeiten einen Namen gemacht. Seine Leinwände interpretieren zahlreiche kulturelle Einflüsse neu und bieten eine innovative Perspektive sowohl auf seinen eigenen Background als auch auf unsere globalisierte Welt. Seitdem er seinen typischen Stil entwickelt hat, arbeitet Aerosyn Lex mit einem multimedialen Konzept, das gekonnt zwischen freier Kunst, Video, Mode und Produktdesign übersetzt.

Seine Fähigkeit, emotionale Themen in beeindrucke Kunstwerke und Designstücke zu verwandeln, wird von Institutionen wie dem New Yorker MoMa, dem Weißen Haus und dem SCOPE Art Award 2014 geschätzt. Er arbeitete auch mit bekannten zeitgenössischen Designern wie Kenzo, Givenchy und Public School zusammen.

Wir haben uns getroffen, um über seine Arbeiten in Kunst und Mode zu sprechen und mehr über das symbolische Konzept, das seine jüngeren Werke durchzieht, zu erfahren. Dieser vielseitige Künstler hält 2016 noch einige Überraschungen bereit: Es erwarten uns gewagte Parfums von Sixth Sense und ausgefeilte Konzept-Schokoladen in Zusammenarbeit mit dem Park Hyatt an einem unserer Lieblingsorte – Tokio, Japan.

Kannst du etwas über deine zweidimensionalen Arbeiten erzählen? Sie erinnern an Kalligraphie.

Die Grundlage für die Werke sind Sprache und Kommunikation, weil sie mich einfach faszinieren. Und alles ist durchwoben von Multikulturalismus. Meine Biographie spielt da auf jeden Fall eine Rolle – ich komme aus Argentinien, wurde dort geboren, aber aufgewachsen bin ich in Miami in den USA. Mittlerweile habe ich vierzehn oder fünfzehn Jahre in New York gelebt und bin hier zur Schule gegangen. Ich habe auch in Japan gelebt und bin viel gereist. Mein Vater kommt aus Osteuropa, aus Kroatien. Meine eigenen Erfahrungen sind sehr global und in einen multikulturellen Teppich gewebt.

Für mich ist spannend, wie Technologie diese Idee von kultureller Identität komprimiert und Kommunikation im Kern ein wichtiger Aspekt ist. Ich übe Kalligraphie, seitdem ich ein Kind bin. Kalligraphie repräsentiert unsere menschlichen Worte visuell, wie wir Geschichten erzählen, wie wir kommunizieren, und wie wir Wissen gespeichert haben und speichern. Tatsache ist, dass es in jeder Kultur visuelle Schlüsselelemente gibt, ob nun Arabisch oder Sanskrit oder etwas Westliches, oder mit Pinselstrichen, wie in Asien. Es ist spannend, all diese Dinge zu mischen und dabei doch eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen.

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Deine Werke sind sehr mutig, denn Kalligraphie ist eine sehr präzise Kunstform. Sie sieht ganz einfach aus, aber sie ist von vielen Regeln bestimmt. Du nimmst diese Technik und definierst sie mit deinem multikulturellen Ansatz neu, in einem ästhetischeren Sinne.

Du hast total Recht. Vor allem den östlichen Stil der japanischen Kalligraphie muss man perfekt beherrschen, sonst fällt es sofort auf. Man muss absolut im Moment sein und dafür braucht man Konzentration, Selbstvertrauen und Geistesgegenwart. Es steckt eine Ehrlichkeit darin, die man nicht vortäuschen kann. Als Kind war ich davon fasziniert. Diese irgendwie abstrakten, gestenhaften, sehr gefühlvollen Arbeiten habe ich schon immer geliebt.

Wie ist deine Arbeitsweise heute? Wie sieht dein Prozess aus, wenn du ein neues Bild anfängst?

Während ich male, bin ich immer im Moment, aber es gibt definitiv einen Plan und es gibt zahlreiche Versionen, bevor ich das finale Gemälde anfange. Bewusstsein spielt dabei eine große Rolle. Ich hatte eine Ausstellung mit einigen neueren Werken in Tokio, die aus zwei verschiedenen Perspektiven funktionieren mussten. Es gab diese Ansicht aus drei Metern Entfernung, aber wenn man direkt davor steht, spielen die Pigmente und Farben selbst sowie ihr Zusammenwirken eine ganz andere Rolle. Ich mache viele meiner Farben selbst und von Hand, um ganz bestimmte Sättigungsgrade und chemische Reaktionen auf das Papier zu bringen. Das fällt vielleicht nicht auf den ersten Blick auf, aber man kann sie lange Zeit betrachten und immer wieder neue Aspekte und Facetten in meinen Arbeiten entdecken.

Hast du deswegen damit angefangen, Live-Videos von deinen Gemälden aufzunehmen? Um dieses Wechselspiel der Pigmente einzufangen?

Auf jeden Fall. Das ist vor einigen Jahren aus einem Auftrag für die BBC und Channel 4 entstanden, bei dem ich einen Kurzfilm über meine Kalligraphie drehen sollte. Ich hatte vorher noch nie etwas mit Film gemacht, aber ich hatte die Gelegenheit und es war das Schwierigste, was ich in meinem Leben getan habe. Es hat ein ganzes Jahr gedauert, Material für sechs Minuten Film zu produzieren. Ich wollte das Gemälde filmisch einfangen, aber das hatte ich einfach noch nie gemacht, also erfanden wir ein ganzes System und einen Prozess dafür. Ich habe extra die ganze Beleuchtung dafür entwickelt, mit einem Wandtisch und einer extrem hochauflösenden 5K-RED-Kinokamera, die die Bilder bis in die kleinsten Details aufnehmen kann. Diese Erfahrung hat mir wirklich neue Möglichkeiten eröffnet und sogar zu einer Ausstellung im MoMa geführt.

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Egal mit welchem Medium du arbeitest, alle deine Arbeiten verbindet deine konzeptuelle Arbeitsweise. Wie beeinflusst das dein Vorgehen, wenn du einen Ausflug von der freien Kunst in die Modewelt unternimmst?

Es gibt so eine Art Tabu, was Kunst in der Mode angeht, aber es gab immer Beispiele für erfolgreiche Experimente. Schiaparelli hat mit Dalí Schals designt, Yves Saint Laurent arbeitete mit Piet Mondrian zusammen, und jetzt macht Jeff Koons eine Kollektion mit H&M. Es gab immer Künstler in der Mode. Ich glaube, dass es erst jetzt normal geworden ist, seit Takeshi Murakami oder Stephen Sprouse für Louis Vuitton zum Beispiel. Ich persönlich liebe Mode, ich hänge an ihr; mein Interesse entspringt einer wahren Leidenschaft. Immer, wenn ich die Gelegenheit habe, an etwas zu arbeiten, sei es eine Modekollektion oder eine Skulptur oder ein Gemälde, investiere ich genau so viel Kreativität, Konzentration, Bedeutung und Überzeugung wie bei einer künstlerischen Arbeit. Alle sind gleich herausfordernd und erfüllend.

Könntest du dir vorstellen, mit einer Brillenmarke zu kollaborieren?

Das wäre super, so etwas habe ich bisher noch nicht gemacht. Während des Shootings für 4SEE bin ich das erste Mal mit Brillen so intensiv in Kontakt gekommen und es war ein sehr spannender Prozess. Machen wir’s!

Welche Rolle spielen Brillen bei deinem persönlichen Stil?

Ich beschäftige mich erst seit Kurzem damit. Ich habe gemerkt, dass Brillen sowohl ein Accessoire als auch etwas Praktisches sein können. Für mich waren Brillen bisher immer nur Gebrauchsgegenstände. Wenn man eine Brille braucht, dann trägt man eine, aber sonst nicht. Aber nachdem mir die Max Pittion-Brille so sehr gefallen hat, habe ich auch Interesse an den anderen Modellen und der ganzen Geschichte der Marke.

Erzähl mir etwas über deine aktuellen Projekte.

Zurzeit bin ich Teil eines vom Weißen Haus geförderten Programms namens „United States Japan Leadership Program”. Während meines zweijährigen Stipendiums arbeite ich mit Leuten vom Militär, Ärzten und Wissenschaftlern zusammen. Ich bin der einzige Künstler, das macht die Arbeit sehr interessant. Wir sind viel auf Konferenzen und in Kontakt mit Abgesandten, um eine stärkere Verbindung zwischen den beiden Nationen zu fördern. Die Arbeit ist auf jeden Fall spannend und macht Spaß.

Mein Hauptprojekt ist meine Duft-Kollektion, eine Reihe von Parfums, die bald erscheinen wird. Sie entsteht in Kooperation mit Sixth Sense, einer Marke, die es schon seit sieben oder acht Jahren gibt. Das Haus hat einige verschiedene Kollektionen und jedes Mal arbeiten sie mit angesagten Modedesignern zusammen. Als Alexander Wang gerade erst angefangen hatte, haben sie mit ihm einen Duft rausgebracht, genau wie mit Gareth Pugh, Domir Doma, Boris Bidjan und Juun J aus Korea. Gemeinsam haben wir ihre erste konzeptuelle Kollektion, „les potions fatales“, entwickelt. Insgesamt sind es neun Düfte, die alle auf giftigen Pflanzen basieren.

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Zum Beispiel Schierling, den Sokrates trank, um Suizid zu begehen, Fingerhut, den man für Auftragsmorde benutzt, und Mohn, der natürlich mit Opium zusammenhängt. Ich habe die ganze Verpackung gestaltet, die Flaschen, die Illustrationen. Es passt alles zu dem Konzept der Düfte, denn es basiert auf Aposematismus. Das ist ein Fachbegriff für die Warnfarben von giftigen Tieren. Meistens sind die giftigen Laubfrösche und Schlangen auch die Tiere mit den leuchtendsten Farben. Wir haben dieses Konzept auf die sehr bunten Illustrationen übertragen und als Grundlage für die Verpackung der Kollektion genutzt. Sie wird in etwa einem Monat erscheinen und weltweit erhältlich sein.

In Japan arbeite ich gerade an einer Kollaboration mit dem Park Hyatt in Shinjuku. Es ist bekannt, weil “Lost in Translation” dort gedreht wurde. Als ich Silvester dieses Jahr dort gefeiert habe, habe ich den Geschäftsführer kennengelernt und wurde Frederico vorgestellt, dem Küchenchef, der genau wie ich aus Argentinien kommt. Wir haben uns sofort gut verstanden und hatten die Idee, eine Installation und gleichzeitig ein Produkt zu kreieren.  Also arbeiten wir jetzt gemeinsam an einer Serie von Schokoladen für das Park Hyatt. Wir schauen uns die Ursprünge von Kakao an, als für die Inka, Olmeken, Azteken und Maya Schokolade das Getränk der Götter war. Ganz anders als Schokoriegel, es war ein sehr bitteres Getränk, das sie würzten und für Opfergaben nutzten. Wir möchten etwas schaffen, das die beiden Kulturen verbindet, japanische und lateinamerikanische Kulturen. Neben einem vollen Ausstellungskalender sind das die beiden großen Projekte, an denen ich dieses Jahr arbeite.

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