Der Kurator: Eric Shiner von Sotheby’s Contemporary Fine Art

Interview JUSTIN ROSS
Fotos LANCE CHESHIRE

Bescheiden und scharfsinnig ist Eric Shiner der vollkommene Gentleman des 21. Jahrhunderts. Von Kindesbeinen an entwickelte er, über Antikmärkte und durch Hausauflösungen bummelnd, das Auge eines Kurators und Sammlers. Seine so früh geweckte kulturelle Neugierde ließ ihn, sein intellektuelles Rückrad weiter festigend, bis zum PhD mit Schwerpunkt auf asiatischer Kunstgeschichte in Yale studieren. Passend zu Erics Studienfokus startete seine Karriere, angezogen von einem sich ausbreitenden Phänomen – dem Boom des Sammelns asiatischer Kunst in New York – schließlich durch.
Mittlerweile hat Eric erreicht, was nur wenige von sich behaupten können: er hat den nahtlosen Übergang zwischen wissenschaftlichem, öffentlichem und privatem Sektor innerhalb der Kunstwelt geschafft. Vom wissenschaftlichen Arbeiten in Yale ging es über seine Position als Direktor des The Andy Warhol Museums in Pittsburgh nun als Leiter eines dynamischen Teams des Sotheby’s Contemporary Fine Art Departments nach New York zurück. Eric hat mit uns, ohne zu zögern, seine Erfahrungen aus der Kunstwelt und im Umgang mit Andy Warhol geteilt als auch noch einige handfeste Tipps für den jungen Kunstsammler verraten.

Eric Shiner with L.A.EYEWORKS BOSCO
Eric Shiner with L.A.EYEWORKS Bosco

Es ist erst etwas über ein Jahr her, dass du deine Position als Direktor des The Andy Warhol Museums verlassen und zum Sotheby’s Contemporary Fine Art Department gewechselt hast. Wie ging es dir mit dieser Veränderung und was sind die größten Unterschiede zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor der Kunstwelt?
Es war eines meiner lebhaftesten Jahre überhaupt und die Umstellung von einem öffentlichen Museum in die Welt des Kunsthandels hat mich gezwungen meine Denk- und Arbeitsweise zu hinterfragen, obgleich sich meine Grundprinzipien, die auf meinem Studium der Kunstgeschichte basieren, nicht verändert haben. Zum Glück habe ich bereits als Museumsdirektor immer auch unternehmerisch gedacht. Zudem hat sicherlich auch geholfen, dass ich das The Andy Warhol Museum geleitet habe, wo natürlich Andys Ansatz Kunst und Business zusammen zu denken immer spürbar war. Dadurch habe ich bereits dort über neue Möglichkeiten der Einkommensgenerierung nachgedacht, sehr ähnlich zu meiner jetzigen Arbeit bei Sotheby’s. Nach einem Jahr hier habe ich realisiert, dass ich über die selben Objekte mit dem selben Publikum oft sogar an den selben Orten spreche, wie ich es als Kurator und Museumdirektor getan habe. Nur dass ich jetzt Objekte verkaufe anstatt Ideen. Es ist eine fantastische Herausforderung, die ich sehr genieße.

Du hast auf deinem Weg in die Kunstwelt einen kleinen Umweg genommen. Du hast einige Zeit in Ostasien verbracht und zunächst in Yale mit dem Schwerpunkt Ostasiatische Studien deine Promotion begonnen, richtig? Wusstest Du da schon, dass Du mit Kunst arbeiten willst oder wie kam das?
Zu sagen ich hätte einen kleinen Umweg genommen ist eine maßlose Untertreibung! Ja, ich war PhD Student in Yale für Kunstgeschichte und Architektur mit Schwerpunkt auf japanischer Nachkriegskunst. Der akademische Schwerpunkt meines Grundstudiums in den Staaten und meines ersten Masters in Japan konzentrierte sich auf japanische Kunst. Zunächst beschäftigte ich mich mit mittelalterlicher Architektur und Wandmalerei und dann mit Nachkriegsfotografie und Performance Kunst. Nach zwei Jahren in dem PhD Programm, in denen ich auch anfing Chinesisch zu lernen und über zeitgenössische chinesische Kunst zu schreiben, habe ich realisiert, dass sich ein riesiges Phänomen in New York City entwickelte – der Markt für zeitgenössische asiatische Kunst explodierte und ich wurde regelmäßig von Medien, Galerien und Sammlern kontaktiert um zu schreiben, zu kuratieren und zu beraten. Also habe ich entschieden, dass es mehr Sinn macht auf den Zug aufzuspringen und die schwere Entscheidung getroffen die Uni, mit meinem Master in der Tasche, zu verlassen, nach New York zu ziehen und mich ins Getümmel zu schmeißen. Zu der Zeit war das die richtige Entscheidung und letztlich brachte sie mich auch zum The Andy Warhol Museum, erst als Kurator und kurz darauf als Direktor.

Meine Liebe und Leidenschaft für Kunst geht weit zurück. Meine Eltern und Großeltern waren alle aktive Sammler. In diesem Umfeld bin ich aufgewachsen und habe regelmäßig Haushaltsauflösungen, Versteigerungen, Flohmärkte und Antikläden besucht. Ohne es zu Wissen, befand ich mich in einer Lernkurve ein Kenner und Kurator zu werden – immer auf der Suche nach der Nadel im Heuhaufen, etwas das ich sehr genoss und immer noch genieße.

Ich möchte über die Beziehung zwischen Kunst und Prominenz sprechen. Das war sicher eines der Hauptthemen in Andy Warhols Œvre, nicht nur in seinem Werk sondern auch in seinem Leben. Er war vielleicht einer der ersten lebenden Künstler, der das Berühmtsein förmlich personifizierte und mit den Grenzen von Prominenz experimentierte. Heute sehen wir eine exponentielle Ausbreitung des Phänomens des berühmten Künstlers. Wie ordnest Du das ein?
Nun, das ist natürlich nichts Neues. Warhol hat in der Tat seine eigene Persönlichkeit geformt. Mitunter beeinflusst von früherer Künstlern, die erfolgreiche Ikonen unserer Zeit waren. Das war bis zu einem Gewissen Grad beispielsweise Marcel Duchamp, aber primär Pablo Picasso und Salvador Dali. Zuerst genannter war bahnbrechender akademischer Rebell, gefeiert unter seinesgleichen. Die anderen beiden aber waren Weltberühmtheiten und allgemein bekannte Namen, etwas das Warhol für sich selbst absolut anstrebte.

Heute würde ich sagen, dass mit Sicherheit die Massenmedien und ihre Erweiterung durch die sozialen Medien, für einige Künstler wichtige Instrumente sind. Utensilien mit denen sie ihre Künstlerpersönlichkeit aufbauen und die sie als Überholspur zum Ruhm nutzen. Ja, wir können zweifelsohne dieses Phänomen auf Warhol zurückführen.

Natürlich können Stars, und sind es auch oft, große Kunstsammler und es scheint als wenn sie sich auf den Kunstmessen dieser Welt, besonders in Basel, tummeln. Erkennen sie einfach wie wichtig es ist, Kunst zu kaufen oder geht es hier um etwas Weitgreifenderes?
Ich wünschte mir sogar, dass MEHR Stars Kunst kauften, denn eigentlich tuen dies im größeren Rahmen nur sehr wenige. Am Ende des Tages sind, aus meiner Erfahrung heraus, diejenigen, die den Sprung gewagt haben dann sehr leidenschaftliche Sammler. Und für diese ist die Kunst mit der sie sich umgeben eine natürliche Erweiterung ihrer eigenen Kreativität.

Was würdest du zu der Kritik Kunst sei zu abgekoppelt von der Realität und ihren drängenden Problemen sagen?
Ich würde ihr komplett widersprechen. Wichtige Künstler haben immer ausdrücklich oder subtil den Status quo herausgefordert und hinterfragt um positive Veränderung herbeizuführen. Für mich ist Kunst besonders gelungen, wenn sie diese alltäglichen Probleme angeht.

Denkst du, dass sich im Großen und Ganzen durch die Visuelle Kultur, besonders durch den Einfluss der sozialen Medien, das Verständnis von Berühmtsein verändert hat?
Definitiv hat die Entwicklung zu einer Beschleunigung geführt, genauso wie die Wahrscheinlichkeit und Eventualität eines schneller verblassenden Ruhmes sich erhöht hat. Als Warhol sagte, dass in der Zukunft jeder seine fünfzehn Minuten Ruhm haben wird, hat er den derzeitigen Status quo der sozialen Medien vorhergesehen und mittlerweile scheinen fünfzehn Minuten eine sehr lange Zeit zu sein.

Denkst du, dass das Konzept einer Galerie oder der Kunstwelt an sich sich verändert? Sind Instagram, andere online sowie virtuelle Medien und Webgalerien eine wirkliche Bedrohung für traditionelle Galerien, Museen oder Auktionshäuser?
Wir befinden uns auf jeden Fall in einem rasanten Wandel und ich habe den Eindruck, dass ein Umstrukturieren des Galeriebetriebes, wie wir ihn kennen, im Moment entscheidend ist. Sicherlich haben Instagram und Online-Auktionen eine größere Reichweite und zeitgenössische Kunst gewinnt so neue und potentielle Sammler. Hoffentlich wird dies das Geschäft eher bereichern als es zu untergraben. Ich glaube die wahre Herausforderung für die Galerien wird unter anderem vor allem der steigende Mietpreis in den Stadtzentren sein. Das und die ins unüberschaubar steigende Zahl an weltweiten Kunstmessen, die in vielerlei Hinsicht das Gros der Galerieverkäufe übernommen haben, erschweren es jeder Galerie mitzuhalten.

Ich wäre MEHR als glücklich, würden junge bis mittelständische Galeristen sich zusammenschließen und neue Kollaborationsmodelle entwickeln, die ihnen helfen diese wahnsinnigen Anforderungen zu minimieren. Vielleicht in dem sie als Interessengemeinschaft größere Räumlichkeiten bespielen, ähnlich einer Kunstmesse, aber eben mit ganzjährigem Programm. Ich bin ein Fan des noch jungen Condo-Projekts in New York City und für was es steht: Galerietausch. Internationale Galerien bespielen einen Monat lang die Räumlichkeiten einer in NYC bestehenden Galerie. Diese Denkweise wird das primäre Galeriesystem, immer noch die wichtigste Lebensader der Kunstwelt, retten.

Ich wüsste gerne etwas mehr über deinen persönlichen Geschmack, deine persönliche Präferenz wenn es um Kunst geht. Kannst du mir ein paar Tipps geben welche jungen, aufstrebenden Talente du empfehlen würdest?
Die Hauptschwerpunkte meiner eigenen Sammlung liegen, mit einigen Ausnahmen natürlich, auf textbasierter Kunst, japanischer Kunst, auf den Genres Landschaft, Portrait und auf Fotografie. Ich tendiere dazu Kunst von jungen Talenten und Künstlern, die sich in der Mitte ihres Werdegangs befinden, zu kaufen. Dabei konzentriere ich mich auf Künstlerinnen, farbige Künstler und LGBTQ Künstler. Ich würde empfehlen, dass Leser, um verblüffende Arbeiten zu finden, sowohl aufstrebende Galerien besuchen sollten als auch Kunstmessen, die ihren Fokus auf junge Talente legen. Ich möchte angehende Sammler unbedingt ermutigen so viel junge, aufstrebende Kunst zu kaufen wie möglich, denn das ist die Zeit in einer Künstlerkarriere in der finanzielle Unterstützung, und darüber hinaus die inhaltliche Bestätigung, ungeheuer entscheidend ist.

Kannst du mir einige besonders sehenswerten Ausstellungen/ Galerien/Messen/Museen nennen, die du dieses Jahr besucht hast?
Die Wolfgang Tillmans Ausstellung in der Bayeler Foundation in Basel war bei weitem die beste, die ich dieses Jahr gesehen habe. Kurz gefolgt von Adrián Villar Rojas Installation am National Observatory in Athen, Griechenland. Die Qualität der Art Basel war dieses Mal auch besonders hoch. Außerdem hatte ich die Ehre die erste Plattform Sektion der The Armory Show in New York City zu kuratieren. Mit großformatigen Skulpturen und Installationen haben wir die Monotonie der Kunstmesse durchbrochen. Das habe ich sehr genossen.

Ich denke es ist überaus wichtig, dass junge Leute sich auch mit dem Kaufen und Sammeln von Kunst auseinandersetzten. Kunstsammeln ist ein essenzieller Teil des Zurückgebens an die Künstler, eine Wertschätzung ihrer harten Arbeit und ihres gesellschaftlichen Beitrags. Was würdest du bei einem ersten Kauf oder beim Einstieg in das Sammeln raten? Was für Empfehlungen würdest du geben?
Ich stimme dir vollends zu. Ich würde vorschlagen, dass junge Sammler so viel kaufen wie sie nur können und an ihre Grenzen gehen. Mit den Worten meines guten Freundes und Sammlers Bob Meltzer, der leider Anfang diesen Jahres von uns gegangen ist, „Es muss wehtun, sonst ist es nichts wert.” In diesem Sinne, ermutige ich dazu, risikofreudig zu sein und eventuell nach der Möglichkeit einer Ratenzahlung zu fragen (viele Galerien werden Zahlungen über drei bis vier Monate nicht ablehnen) und nichts unversucht zu lassen zu bekommen was man liebt und schätzt.

Was ist mit deinem persönlichen Stil? Wie würdest du dich modisch beschreiben und hast du dich schon immer so elegant gekleidet?
Ich war stets ein Chamäleon und habe mich modisch meinem Umfeld angepasst. Ich glaube, ich habe schon jeden erdenklichen Look ausprobiert, vom Grufti zum Cyber Punk bis zum Anzug war alles dabei. So bleibt es natürlich interessant und man hinterlässt Fragezeichen. Am Ende kaufe ich aber was mir gefällt und mich aus der Masse hervorstechen lässt. Ich denke, es ist auch von Vorteil, dass ich 1,8 Meter groß bin, so dass ich, wenn ich darüber nachdenke, sowieso auffalle.

Und wie sieht es mit Brillen aus? l.a.Eyeworks, eines der Labels, dass du während des Shootings getragen hast, pflegt, abgesehen davon, dass seine Modelle dir gut stehen, beständig Verbindungen zu Künstlern. Hast du noch andere Lieblingsbrands?
Über die Jahre hatte ich einigen Spaß (manche würden sagen) „exzentrische” Brillen zu tragen. Ich liebe l.a.Eyeworks, hatte aber auch andere Modelle, in dezentem Schwarz, eben dem klassischen Künstlerstyle aber auch bunte geometrischgeformte Modelle, alle von deutschen Labels. Während meiner Zeit in Pittsburgh war ich ein großer Fan von Eyetiques Norman Childs Design, einem fantastischen Laden mit großer Auswahl. Ich mag auch Persol, Matsuda und Oliver Peoples. In Japan trug ich eine fantastische Brille von Philippe Staeck.

Fallen dir andere Künstler ein, die ein besonderes Verhältnis zu Brillen haben oder hatten?
Nun, ich denke Andy war sicherlich für seine Sonnenbrillen bekannt. Ich besitze ein Modell, dass das Labe Super in einer limitierten Auflage von 200 Stück produziert hat. Eine exakte Reproduktion seines typischen Looks.

Es gibt eine Reihe von Marken, die mit Künstlern oder Nachlässen wie dem von Keith Haring zusammenarbeiten. Zum Beispiel hat vor kurzem die in Barcelona ansässige Firma Etnia Barcelona eine große Kollektion herausbrachte die von Jean-Michel Basquiat ikonischen Symbolen wie seiner Krone inspiriert wurde. Sicherlich hätte Andy Warhol das sehr gefallen. Was meinst Du?
Absolut. Das hätte es! Tatsächlich kenne ich Andys Optiker, der alle seine Brillen für ihn herstellte, und er erzählt mir immer wie sehr Andy gute Brillendesigns schätze. Letzlich sind es diese kleinen Geschichten, die das Leben besonders machen.