Fotos JAKE HODGKINSON
Interview KEITH S. WASHINGTON
Brillen RAY-BAN

Jerry Bouthier ist einer der Gründer des Londoner Labels Continental Records und produziert zusammen mit seinem Partner, Andrea Gorgerino, Remixe für so verschiedene Künstler wie Two Door Cinema Club, Jupiter und Ladyhawke. Jerry war außerdem Produzent zahlreicher Mix-Kompilationen für die musikaffine Modemarke Kitsuné. Seine erste Kitsuné-Kompilation “BoomBox” stellte er 2007 aus Künstlern des legendären Undercround-Clubs Boombox in London zusammen. Seine Verbindungen zur Modeindustrie sind stark und er ist jede Saison ein gefragter Produzent für Laufsteg-Soundtracks. 4SEE Magazin hat es geschafft, den ständig um die Welt reisenden Produzenten und DJ während eines Aufenthalts in Südafrika vorübergehend zu erden, um ihn gründlich auszufragen. Jerry teilte seine Ansichten über Mode und Musik mit uns und diskutierte sein Repertoire als Musikdirektor für verschiedene Marken von Peter Jensen bis Vivienne Westwood.

Wo hast du das erste Mal als DJ aufgelegt?
Weiß Gott. Ich kam dazu, ohne es richtig zu bemerken. Ich hatte Glück, dass ich meine Leidenschaft in eine Art Beruf verwandeln konnte. In meinem Elternhaus gab es immer viele Platten, weil mein Vater ein großer Musikfan war. Ich wurde bald von ihm angesteckt und als ich 10 war, fing ich damit an, das Vinyl zu sammeln, das ich liebte. Damals konnte man nicht Musik hören, wenn man nicht die physische Kopie besaß, ganz zu schweigen davon, sie anderen Leuten vorzuspielen. Eine solide, umfangreiche Plattensammlung war eine wichtige Sache und ich fing an, bei Freunden und auf Parties aufzulegen. Wenn ich ausgehe, liebe ich es, Menschen kennen zu lernen und mich unter die Leute zu mischen, aber gleichzeitig hatte ich immer das Gefühl, dass es meine Pflicht war – wenn niemand sonst sich darum gekümmert hat –, interessante Wohlfühlmusik bereitzustellen, selbst wenn nicht getanzt wurde. Ich war schon immer davon besessen, das richtige Lied für den richtigen Moment zu finden. Danach entwickelte sich alles quasi lawinenartig weiter.

Fenster- oder Gangplatz?
Wenn man viel für die Arbeit reist, muss man im Flugzeug schlafen. Es ist essentiell, dass man bei der Ankunft hellwach ist und eine gute Performance bietet.

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Wie ist Continental Records entstanden?
Das geht Jahre zurück, auf die Zeit, in der mein verstorbener Bruder Tom und ich anfingen, in Paris Musik im Stil des frühen House und Balearic House zu machen. Ich behielt den Namen ihm zu Ehren, als ich vor zwei oder drei Jahren das Projekt wiederbelebte. Continental wurde ursprünglich dafür (neu) kreiert, Stücke von JBAG, meinem Musikprojekt mit Andrea Gorgerino, zu veröffentlichen, aber ich erkannte schnell, dass es dämlich wäre, damit nicht auch anderen Künstlern und Freunden bei ihren Veröffentlichungen zu helfen. Ohne große Strategie hat sich das Label rasch in ein globales Verzeichnis talentierter Musiker entwickelt. Da gibt es Reflex aus dem Süden Frankreichs, Shindu aus Belgien, Mannequine aus der Schweiz, Boys Get Hurt aus Japan und Mjolnir, Cyclist jeweils aus Indonesien und der Schweiz.
Es ist faszinierend, dass wir so eine starke musikalische Verbindung teilen, trotz unserer enormen regionalen Unterschiede. Es gibt vielleicht nicht den einen Continental-Sound, aber es gibt definitiv einen gemeinsamen Geist: Ehrlichkeit und Musikalität.

Deine Eltern denken, du bist … ?
… ein bisschen merkwürdig, haha! Nein, im Ernst. Ich denke, obwohl beide recht künstlerisch veranlagt sind, dass es eine Weile gebraucht hat, bis sie das ganze DJ-Ding verstanden haben. Es war so neu und anders und so weit entfernt von französischer Kultur. Sie haben mich mein Ding machen lassen und mit 18 zog ich nach London, das war an sich schon ziemlich cool. Ich bin der Älteste in einer großen Familie, die zweigeteilt ist, also war ich wohl nur ein weiteres Kätzchen im Wurf. Um ehrlich zu sein, wünsche ich mir manchmal, mein Eltern hätten mich ein wenig mehr spirituell unterstützt und mir geholfen, mich zu organisieren und business-orientierter zu denken, so wie es die Eltern meiner Freunde taten. Lange Zeit war ich einfach eine Null, immer da, wo was los war, aber ohne Vertrauen in meine Fähigkeiten. Es gibt also offensichtlich für jeden noch Hoffnung [lacht]. Darüber hinaus habe ich mir über die Jahre so viele britische Gepflogenheiten angeeignet, dass sie mich oft als “den Englischen mit den komischen Gewohnheiten” bezeichnen! Nur ein weiterer Weg für die Franzosen, um ihre Nachbarn zu demütigen. Du weißt, wie es ist – wenn man es nicht wie die Franzosen macht, macht man es falsch!

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Wie und wann fingst du an, für KITSUNÉ zu arbeiten?
Meine Zusammenarbeit startete, als ich die BoomBox-Mix-CD für Kitsuné vor ein paar Jahren anfertigte. Diese Nacht im Osten Londons war ziemlich wild und einzigartig, definitiv einer der Höhepunkte meines Lebens … Ich hatte Gildas und seine Assistenten seit Kitsunés erster Kompilation “Love” wegen Promos und exklusiver Arbeit schikaniert, aber es brauchte nicht lange, bis wir Musikkumpels wurden, mit Respekt für die Überzeugungen und den Geschmack des anderen. Ich glaube, wir kannten uns aus den frühen Tagen des House in Paris, als es nicht mehr als eine Handvoll von Partyanhängern gab, aber damals arbeiteten wir nie zusammen, weil ich mich schnell nach London absetzte.

Wie kam das Highbury Eden-Hutprojekt für KITSUNÉ zustande?
Ich mochte Hüte in allen möglichen Formen schon immer: Caps, Schirmmützen, Angelhüte, Militärhüte, überhaupt alles. Aber als ich Musikdirektor für Vivienne Westwood wurde – ich habe etwa 50 Shows für ihre verschiedenen Labels gemacht – , wurde gewissermaßen ein Traum war, weil ich ein großer Fan der Punk- und New Romantic-Pirate-Szenen bin, in denen sie stark involviert war. Sie gab mir einen ihrer legendären Buffalo-Hüte, die zuerst ihren Weg in die Pop-Welt mit Malcolm MacLarens Musikvideo “Buffalo Gals” fanden, und ich fing an, ihn zu tragen. Zuerst war ich nicht überzeugt, dass er mir stehen könnte, aber es fühlte sich spaßig, irgendwie punkig auf seine eigene Art an und ich machte ihn mir bald ganz zu Eigen, was mir half, eine Art rockigen Micky Mouse-Charakter zu erschaffen, als so eine Art Alter Ego für die Bühne, das ich ablegen konnte, sobald ich die Bühne verließ, und mit dem ich alles weniger ernst nehmen konnte. Im Endeffekt besaß ich ein Dutzend von ihnen in allen möglichen Farben und trug einen bei jedem meine Auftritte für fünf oder sechs Jahre. Es wurde ein wenig mein persönlicher Look, auch wenn ich keinesfalls der Erste oder Einzige war, der diese Hüte trug. Einige Londoner Freunde haben ein paar und tragen sie, sie sind bei den wahnsinnig modebewussten Japanern ebenfalls recht beliebt. Das war so, bis Pharrell Williams anfing, den Buffalo-Hut in dem Video zu “Happy”, dem am meisten heruntergeladenen Lied aller Zeiten in Großbritannien, zu tragen, und der Look damit fast über Nacht für mich gestorben war. Seitdem konnte ich nirgendwo mehr hingehen, ohne dass mir die Leute das Leben schwer machten. Also packte ich den Stier bei den Hörnern und bat meine alten BoomBox-Kumpels Bernstock & Spiers, mit mir an einem neuem Design zu arbeiten, dessen Vaterschaft ich beanspruchen konnte. Als der Kitsuné-Chef Gildas von der Kollaboration hörte, schlug er vor, dass sie eine streng limitierte Auflage produzieren sollten, um sie in den Kitsuné-Läden zu verkaufen. Das war perfektes Timing mit meiner neuen Mix-CD “Kitsuné Trip Mode”, die just im September erschienen war. Das Hutdesign heißt “Highbury Eden”, weil ich gerade erst nach Highbury gezogen bin und es eine Form benutzt, die in den 1930er Jahren vom britischen Premierminister Anthoy Eden berühmt gemacht wurde. Wir haben es überarbeitet, um eine übergroße Wirkung zu erzielen, die einfach so viel Spaß macht mit Buffalo-Hüten.

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Deine Lieblingsbrillen?
Ich bin ehrlich gesagt kein großer Fan von Sonnenbrillen. Zu viele Idioten rennen damit rum, als wären sie Filmstars. Würde nie ein Paar im Club tragen oder wenn es keinen Sonnenschein gibt. Mittlerweile, obwohl ich aus einer mediterranen Familie komme, bin ich ein echter Brite geworden und kann es nicht aushalten, länger als fünf Minuten in der Sonne zu sein, weshalb Sonnenbrille wichtiger geworden sind. Ich finde, bei Sonnenbrillen ist weniger mehr. Ich trage entweder Ray Bans Aviator oder Wayfarer. Je diskreter, desto besser, ein wenig wie bei Autos.

Deine drei Lieblingsalben aus deiner High School-Zeit?
“Low Life” von New Order
“Cupid & Psyche 85” von Scritti Politti
“From Memphis to Langley Park” von Prefab Sprout

Liebster Flughafen?
Singapur ist einer der größten, fortschrittlichsten und praktischsten Flughäfen, in denen ich je war! Aber ich habe eine Schwäche für Narita in Tokio. Der Flughafen Narita hat winzige Räume, die man billig für so kurze Zeiträume wie 30 Minuten mieten kann, damit man sich ein bisschen waschen und schlafen kann. Und es ist der am meisten benutzte Weg nach Tokio, der wohl aufregendsten Stadt der Welt. Ich könnte morgen in Tokio leben, wenn ich nur die Chance hätte. So eine großartige Kultur, die Tradition und Futurismus mit Stil und einer enormen Raffinesse mixt, Präzision mit Freundlichkeit: irre.

Hast du Interesse daran, mehr Soundtracks für Fashionshows mit anderen Designern zu produzieren?
Ich bin so damit beschäftigt gewesen, mein Label Continental zu führen, und dazu mit JBAG zu schreiben und zu produzieren, dass ich in letzter Zeit deutlich weniger Fashionshows gemacht habe als damals, als ich mit Vivienne Westwood zusammenarbeitete und sieben oder acht Soundtracks während der London Fashion Week produzierte. Ich habe eine langjährige Beziehung zu Peter Jensen (10 Jahre!), Songzio aus Korea und Londons neuesten enfants terribles Sibling, aber über die Jahre habe ich einige stabile Kollaborationen mit Leuten wie Matthew Williamson, Roksandra Ilincic, Kokon to Zai, Michael von der Ham, Jonathan Saunders, Osman, B Store, Garza Lobos in Buenos Aires und vielen anderen entwickelt, es kommt und geht die ganze Zeit. Ich renne diesen Gelegenheiten auch nicht wahnsinnigh hinterher, denn, um ehrlich zu sein, ist die Bezahlung nie so berauschend, wenn man den dafür üblichen Stress mit einbezieht – auch wenn es ein ganz besonderes Vergnügen ist, kostenlose Kleidung zu bekommen.
Worüber ich sehr glücklich bei all diesen Erfahrungen bin, ist, dass sie mich dazu gebracht haben, intensiv über meine Grenzen nachzudenken und meinen Horizont als DJ zu erweitern. Es hat mich auf jeden Fall dazu befähigt, neue Kombinationen und Konzepte zu erkunden, mehr Risiken einzugehen, und um die Ecke zu denken, was in der Mode oft das Ziel ist. In der Zukunft würde ich meine Dienste gerne den großen Marken da draußen anbieten, etwa Prada und Chanel.