Photography BERT SPANGEMACHER
Interview JUSTIN ROSS

Travis Mathews‘ Discreet: ein schwieriger, verstörender und notwendiger Film

4SEE interviewt den Indie-Filmemacher und Regisseur Travis Mathews, dessen Filme, wie etwa „Interior. Leather Bar.”, der von James Franco ko-produziert wurde, von der Kritik gefeiert werden. Wir sprachen mit ihm über seinen Arbeitsprozess, die Schwierigkeiten, die man als Filmemacher bewältigen muss, und das politisch angespannte Setting, das zu seinem Film „Discreet” führte.

Als einer der Vorreiter der Mumblecore-Bewegung ist Travis Mathews geübt darin, eine besondere Nähe zwischen dem Publikum und der Leinwand zu erzeugen. Discreet ist da keine Ausnahme, aber anders als einige seiner vorherigen Filme wie I Want Your Love, die sich thematisch mit authentischen und intimen Lebensaspekten beschäftigen, in die wir gefühlt mit Recht Einblick erhalten, schlägt sein neuester Film Discreet einen dunkleren und düsteren Ton an. In Discreet erzeugt Mathews Intimität, auch dann, wenn sie unangenehm ist.

Discreet verfolgt die persönliche Entwicklung eines jungen Mannes namens Alex (gespielt von Jonny Mars) zwischen Selbstsuche und Entfaltung (heißt: Entgleisung). Während wir Alex’ Entwicklung zurückverfolgen, sehen wir ihn bei dem Versuch, mit seiner Vergangenheit abzuschließen, oft scheitern. Trotz aller Hindernisse kämpft er um seinen Platz im ländlichen Texas.

Das Drehbuch für Discreet entstand, als Mathews selbst Zeit in Texas verbrachte und sich unwissentlich in das politische Epizentrum einer wachsenden populistischen Bewegung begab, die später von verschiedenen Seiten als “Alt-Right” bezeichnet werden sollte. Die dunklen und fatalen Auswirkungen ihrer allgegenwärtigen Mentalität zeigen sich im Film nicht nur in dem ländlichen Setting, sondern auch in der verzweifelt umständlichen Handlung des tieftraurigen Protagonisten Alex, seine Einsamkeit zu akzeptieren.

Diese angespannte Stimmung durchdringt den gesamten Film. Die dröhnende, wummernde Geräuschkulisse unterstreicht das Gefühl einer dunklen Vorahnung und zieht uns als treibende Kraft durch das Geschehen. In einer Zeit, in der wir uns einer immer stärker polarisierten Welt gegenüber sehen, führt Discreet die Hysterie der Nationen zurück auf eine persönliche Gefühlsebene und widerholt, spiegelt und multipliziert diese Panik der Welt im Privaten.

Wir trafen Mathews und seinen Ehemann sowie Produzenten von Discreet, João Federici anlässlich der Premiere des Filmes in Berlin. Mathews taucht mit uns in das Konzept hinter Discreet ein und erläutert seine prägnante, persönliche Darstellung dieses exemplarischen Ortes des Unbehagens der gegenwärtigen amerikanischen Gesellschaft.

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F: Wie wurde dein Film bisher angenommen? Bist du mit der Reaktion des Publikums zufrieden?

Es freut mich zu sehen, dass die Zuschauer anscheinend ziemlich stark darauf anspringen, positiv oder negativ. Ich glaube, kaum ein Filmemacher will eine kraftlose, mittelmäßige, lauwarme Reaktion auf seine Arbeit erleben. Ich habe das Gefühl, dass meine bisherige Arbeit und auch dieser Film das Publikum entweder mitnimmt oder abstößt, aber dazwischen gibt es nichts. Das ist uns bei den Reaktionen aufgefallen. Aber die meisten Menschen, die ich für Cineasten halte, und auch die Zeitschriften, die mir wichtig sind, verstehen, worum es geht. Das freut mich.

F: Erzähl mir, wie der Film entstanden ist. Wie kam der Stein ins Rollen?

Nach meinem vorherigen Film Interior. Leather Bar. saß ich nun drei Jahre an der Entwicklung und Vorproduktion für einen anderen Film. Die Arbeit war unbezahlt und es kostete viel Kraft, diesen Film zu machen. Er sollte für mich ein Crossover werden und ein breiteres Publikum erreichen. Es gab zwar Zuschüsse und Investoren, aber mit dem Geld ging auch eine Bürokratie einher, die alles verlangsamt. Wir wollten den Film im Zentrum von Texas aufnehmen.

Eine Woche vor Drehbeginn fiel der Schauspieler für die Hauptrolle aus und der Film löste sich quasi auf. Ich war zu dem Zeitpunkt schon länger in Texas, um den Drehvorzubereiten, und fuhr für die Vorproduktion mit dem Van durch die Gegend, den man jetzt auch in Discreet sehen kann. Als alles in sich zusammenfiel, zeigte mir das wieder, was ich am Filme machen mag: Dass man impulsiv sein kann, dass Dinge manchmal plötzlich passieren und dass die Entscheidungen nicht von einem Komitee aus zehn Leuten getroffen werden. Es liegt in meiner Hand und an den Personen meines Vertrauens.

Also fühlte ich mich in die Atmosphäre dessen ein, was um mich herum inmitten von Texas geschah, in meine persönlichen Erfahrungen und in das, was wie greifbare Beklemmung in der Luft lag. Diese drohende Angst, Furcht, Gewalt, die (ohne jetzt zu tief in diese intellektuelle Analyse einsteigen zu wollen) vom Patriarchat ausging und diese Angst einer Generation, dass sie für ihre Nachkommen keine Früchte trägt. Diese Anspannung einer heterosexuellen, weißen, männlichen, konservativen, ländlichen Mentalität, die panisch Angst davor hat, ihre Macht zu verlieren, und damit auch Angst davor, entmannt zu werden und ihre Macht aufgeben, Macht teilen und Macht verlieren zu müssen. Es gab dieses Gefühl eines letzten Aufbäumens grober maskuliner Kraft und dass diese Alt-Right extremistischen Menschen alles tun würden, um ihre Macht zu behalten. Wenn ich Radio hörte oder sogar einfach nur im ländlichen Texas unterwegs war, bekam ich den Eindruck, dass diese ganzen konservativen weißen Männer einen Pakt mit dem Teufel eingegangen waren. Sie entsagten jeglicher Form von Moral, Respekt oder Gesetz und taten die perversesten Dinge, alle nur, um Machtstrukturen zu erhalten. Sie nennen das nicht so, aber das ist der Deal, den sie gemacht haben.

Ich wollte diese Energie vermitteln, dazu die versteckte Homophobie und den Rassismus, die ich bei all diesen [Dating-] Apps sah, all diese Männer, die sich aus Angst hinter vermeintlicher Diskretion versteckten. Ich war besessen von diesen schwarzen Balken über ihren Gesichtern, die sich wie ein schwarzes Loch auftaten.

Diese beiden Aspekte wollte ich vermischen und durch einen Charakter erleben lassen, der eine Art Momentaufnahme des Zeitgeists ist. Die Zuschauer sollten sich in seiner von Trauma geprägten Perspektive wiederfinden, was auch immer das mit sich bringt. Es geht um Erinnerungen und Nichtlinearität. Einige der eher surrealen Elemente in dem Film bemühen sich darum, ihn dabei zu begleiten, während er erfährt, was verletzend ist und was ihn bei seiner Heilung unterstützt, was eine gute Beziehung ist und was eine schlechte Beziehung ist. Das Publikum sollte sich mit ihm gemeinsam in seiner Verwirrung befinden.

Und wir dachten, wir würden bald in einer Welt nach Hillary Clinton leben, so wie die meisten Menschen [zu der Zeit]. Wir dachten, dass nun eine neue Ära für sozialen Fortschritt beginnen und neues Leben in eine aufgeklärte Gesellschaft hauchen würde. Als wir in Texas waren und ich mein Team zusammenstellte, dachten wir, dass wir einen Schlussstrich unter diesen schrecklichen Moment ziehen würden, dass wir ihn – wenn auch nur knapp – verhindern würden.

Die Leiche, die am Ende des Films weg treibt: Wir alle in unserem Team haben andere Ideen, wer sich in diesem Leichensack befindet, aber ich denke, dass es eine Art giftige Mischung war, die einfach zu einem Ende kommen und verschwinden musste, so sahen wir es. Eine Ära dieses Alt-right Fanatismus, deren Ende gekommen war und die nicht noch mehr Macht erlangen sollte.

 


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F: Wie hat sich deine eigene Interpretation deines Films nach dem Beginn von Trumps Präsidentschaft verändert?

Die Premiere bei der Berlinale und Screenings bei vielen weiteren Festivals geben mir ein Megaphon, um über dieses Problem und auch die Politik unserer heutigen Zeit zu reden und dass jeder von uns, ob man jetzt Filme macht, Künstler ist oder den ganzen Tag zuhause Fernsehen schaut, etwas bewegen kann. Jetzt ist nicht die Zeit zu schweigen und auch nicht die Zeit, sich zu isolieren. Also versuche ich weiterhin, Leute dazu zu bringen, auf sich selbst aufzupassen, aber sich nicht zu verstecken.

F: Was kannst du uns zu einem der heilsamen und stärkenden Elemente im Leben der Hauptfigur Alex sagen, seiner virtuellen Beziehung zu seiner Online-Bekanntschaft Mandy über YouTube? Im Film treibt er es zu weit und gerät dadurch in noch mehr Schwierigkeiten und zeigt seine verstörende Seite.

Normalerweise beschäftige ich mich nicht besonders mit YouTube und all seinen Subkulturen, aber als ich von ASMR hörte…

F: Was ist ASMR?

Du musst unbedingt über ASMR Bescheid wissen! Es steht für Audio Sensory Meridian Response, aber wenn man sich damit beschäftigt und sich Videos von den Schlüsselpersonen in dieser Community anschaut, dann sind die meisten Videos, wenn auch nicht alle, von Frauen gemacht. Sie werden nie anzüglich oder sexuell und obwohl sie unschuldig wirken sind sie trotzdem auch gruselig und schmierig. So wie Mandy im Film haben diese 3D-Mikrophone, die sie zu beiden Seiten der Kamera aufstellen, damit es sich anhört, als wären sie direkt neben einem. Sie flüstern und machen Geräusche. Das soll Leuten dabei helfen, einzuschlafen und sich zu entspannen. Viele Menschen nutzen die Videos auch als Therapie für PTBS. Ich wollte, dass dieses Zusammenspiel von Klang und distanzierter Intimität eines der ersten Dinge ist, die Alex wirklich helfen und ihm durch die Wiederholung von Tönen eine Art Frieden verschaffen und mit seinem Trauma interagieren und ihn beruhigen. Aber er ist so verletzlich und in seiner Entwicklung gehemmt, dass seine Vorstellung von Beziehungen und seine Fantasie von einer Beziehung mit [Mandy] fast kindhaft sind, wenn man betrachtet, was er sich vorstellt und was wirklich da ist. Ich wollte, dass sie quasi das Echo einer Stimme im Mutterleib ist, die er vielleicht nie gehört hat.

F: Wie war es für dich, mit deinem mittlerweile Ehemann João an dem Film zu arbeiten? Ihr habt euch vor genau vier Jahren hier in Berlin kennengelernt.

T: Wir haben uns im Südblock kennengelernt. Ich bin für mein schlechtes Gedächtnis bekannt, aber ich kann mich sehr gut erinnern, wie wir uns getroffen haben! [Lachen.] Es war ein Empfang am Nachmittag für Programmierer. Ein paar Filmemacher waren da, aber es waren hauptsächlich Programmierer.

J: Genau. Ich bin der Direktor des MIX Brazil-Filmfestivals, also war ich hier, um, wie schon seit zehn Jahren, neue Filme für unser Festival in São Paulo im November zu finden. Ich war also beruflich unterwegs.

F: Glückwunsch! Und nun arbeitet ihr zusammen?

T: Ja, er ist Produzent für Discreet und Schauspieler (er spielt Miguel). In Brasilien war er früher Schauspieler und arbeitete für ein paar Werbespots und Seifenopern.

J: Tatsächlich habe ich sogar eine schauspielerische Ausbildung, aber nach einiger Zeit arbeitete ich mehr und mehr in der Produktion. Ich habe vorher viele Theaterstücke und einige Filme produziert. Und dieses große Festival, das dieses Jahr zum 25. Mal in São Paulo stattfindet. Wir haben oft die gleichen Ideen für Projekte und ich mochte Travis’ Arbeit schon, bevor ich ihn kennengelernt habe, und seitdem ich ihn kenne, sogar noch mehr [lacht].

Vintage Frame

F: Ich möchte gerne zum Film zurückkommen. Mich hat das Outfit des Hauptcharakters Alex verwundert, er trägt diese strahlend weiße Sonnenbrille. Sie scheint ein Teil seines Charakters zu werden und mir ist aufgefallen, dass er sie überall mit hin nimmt.

T: Die Sonnenbrille war einer dieser Zufallsfunde, die einer der Gründe sind, warum ich das Filmemachen so liebe. Man findet alles von Kleidung über Orte bis hin zu Equipment, manchmal sind das Dinge, die man niemals hätte planen können. Jonny Mars, der Alex spielt, kam zu einem unserer Vorproduktionstreffen und er trug diese Sonnenbrille und sie machten so einen markanten „schau mich an, aber schau nicht mich an”-Eindruck, weil sie weiß war. Sie gefiel mir an ihm und so entschied ich, dass sie Teil seines Kostüms oder eher seiner Rüstung sein sollte. Ich mochte ihren 80er-Flair und dass sich sein Stil einfach über zusammengewürfelte Funde definiert. Ich wollte nicht, dass er ‘Hipster’-mäßig aussieht und wir haben sehr darauf geachtet, das zu vermeiden. Für mich ist sein Kostüm eine Ansammlung verschiedener Dinge und keine bestimmte Ästhetik.

J: Ich hatte das Gefühl, dass er einige seiner Gefühle hinter dieser Brille verstecken konnte.

T: Ja, natürlich waren sie als Versteck gedacht, aber gleichzeitig sind sie weiß, was nach Aufmerksamkeit schreit.

 Discreet feierte im Februar bei der 67. Berlinale in Berlin Premiere und ist aktuell bei zahlreichen Festivals rund um den Globus zu sehen, zuletzt bei dem San Francisco Film Festival im April. Außerdem wird er dieses Jahr auch beim MIX São Paulo zu sehen sein.

Cover frame: DOLCE & GABBANA DG1288